„Paradoxe Situation“: Reha-Kliniken melden wegen COVID-19 Kurzarbeit an – Kritik vom Marburger Bund

Heike Dierbach

Interessenkonflikte

15. April 2020

In der COVID-19-Krise gerieten auch die Reha-Kliniken schnell ins Blickfeld – sie könnten die regulären Kliniken bei der Versorgung unterstützen und zusätzliche Kapazitäten schaffen, so die Idee. Doch nun melden zahlreiche Reha-Einrichtungen offenbar Kurzarbeit für Ärzte und Pflegepersonal an. Der Marburger Bund (MB) kritisiert dieses Vorgehen als „gänzlich unverantwortlich“ [1].

Wie passt das zusammen? Es liege unter anderem daran, dass einige Bundesländer Aufnahmestopps für reguläre Reha-Leistungen verfügt haben, erklärt die Deutsche Gesellschaft für Medizinische Rehabilitation DEGEMED gegenüber Medscape, „und diese Erlöse fallen sofort weg“.

Manche Kliniken stehen komplett leer

Aus vielen Bundesländern gibt es inzwischen Berichte über Reha-Kliniken, die halb oder sogar ganz leer stehen und deshalb Kurzarbeit angemeldet haben, etwa in Bayern, Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg oder in Schleswig-Holstein.

Der MB kann dies nicht nachvollziehen: „Selbst wenn in manchen Bereichen der Normalbetrieb nicht stattfinden kann, gibt es genug zu tun“, sagt Vorsitzende Dr. Susanne Johna, „jede verordnete Zwangspause kann gefährliche Lücken in die ärztliche Versorgung reißen. Kurzarbeit ist deshalb ein völlig falsches Signal.“

 
Jede verordnete Zwangspause kann gefährliche Lücken in die ärztliche Versorgung reißen. Kurzarbeit ist deshalb ein völlig falsches Signal. Dr. Susanne Johna
 

Es komme jetzt auf alle an, die für die Versorgung zur Verfügung stehen können. „Wir verzeichnen aktuell eine große Bereitschaft zur Mithilfe bei Ärztinnen und Ärzten im Ruhestand und bei Medizinstudierenden. Da ist es doch geradezu grotesk, Ärzte in Kurzarbeit zu schicken und damit nicht nur die unmittelbar Betroffenen, sondern auch die jetzt schon unter hoher Belastung arbeitenden Ärztinnen und Ärzte derart vor den Kopf zu stoßen.“

Dass es „genug zu tun gibt“, bestreitet die DEGEMED nicht: „Die allermeisten Reha-Einrichtungen stehen gemeinsam mit den Krankenhäusern, den niedergelassenen Ärzten und den Pflegeeinrichtungen in der ersten Reihe“, betont Geschäftsführer Christof Lawall gegenüber Medscape.

Sie entlasteten Krankenhäuser, indem sie ihnen Patienten so früh wie möglich abnehmen, leichtere Fälle selbst versorgen und als „Auffangbecken“ für Kurzzeitpflege dienen. Dennoch seien einige Einrichtungen inzwischen auch von starken Schwankungen der Belegung und Aufnahmestopps betroffen. „Manche haben tatsächlich inzwischen keine Patienten mehr“, so Lawall.

Reichen die Ausgleichszahlungen oder nicht?

Die betroffenen Einrichtungen müssten sehr schnell reagieren, wirbt Lawall um Verständnis. „Medizinische Reha ist ja sehr personalintensiv. Kurzarbeit ist daher in der aktuellen Situation oft die einzige betriebswirtschaftlich vertretbare Option, die hohen Personalkosten schnell und spürbar zu senken.“

Aber kann das Personal nicht stattdessen in anderen Kliniken aushelfen? „Der Einsatz von Ärzten, Pflegern und Therapeuten ist dort am effektivsten, wo sie auf die gewohnte Arbeitsumgebung zurückgreifen können“, sagt Lawall, „und bei ärztlichen oder therapeutischen Mitarbeitern von Reha-Einrichtungen ist das nun mal die Reha-Einrichtung.“

 
Medizinische Reha ist ja sehr personalintensiv. Kurzarbeit ist daher in der aktuellen Situation oft die einzige betriebswirtschaftlich vertretbare Option. Christof Lawall
 

Wie viele Kliniken bundesweit Kurzarbeit beantragt haben, kann die DEGEMED nicht sagen. „Aber wir erhalten im Augenblick sehr viele Fragen auch nach den Zuschüssen und Ausgleichszahlungen, die die Bundesregierung auf den Weg gebracht hat. Insgesamt haben wir schon den Eindruck, dass die Einrichtungen zunehmend unter Druck geraten und nach Wegen suchen, um zu überleben.“

Eben mit dem Verweis auf die Ausgleichszahlungen durch den Bund hält der MB Kurzarbeit in Reha-Kliniken für ungerechtfertigt. „Überall dort, wo das Patientenaufkommen derzeit geringer ist, kommt es darauf an, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu schulen und für die Behandlung von COVID-19-Patienten zu trainieren“, sagt Johna.

Arbeitgeber könnten nicht jetzt Kurzarbeit anordnen „und dann im Ernstfall von den ärztlichen Kolleginnen und Kollegen erwarten, dass sie unverzüglich in einem 24-Stunden-Schichtsystem hochinfektiöse Intensivpatienten behandeln. Eine solche Geringschätzung ärztlicher Arbeit demoralisiert die Beschäftigten.“

„Situation ist paradox“

Die Klinikträger argumentieren hingegen, dass die Kurzarbeit trotz Zuschüssen notwendig sei: „Die beschlossenen Hilfen werden voraussichtlich nicht ausreichen, die wirtschaftliche Stabilität der Einrichtungen zu gewährleisten“, erklären beispielsweise die Paracelcus Kliniken [2]. Der Vorsitzende der Geschäftsführung Dr. Dr. Martin Siebert räumt ein: „Die Situation ist paradox. Wir haben aber angesichts der in vielen Punkten undurchsichtigen Lage und der kalkulativen Unsicherheit keine andere Wahl.“

 
Die beschlossenen Hilfen werden voraussichtlich nicht ausreichen, die wirtschaftliche Stabilität der Einrichtungen zu gewährleisten. Dr. Dr. Martin Siebert
 

Es gehe lediglich darum, die entstandenen Finanzierungslücken „unverzüglich zu schließen“. Das Kurzarbeitergeld der betroffenen Mitarbeiter werde auf bis zu 95% der regulären Vergütung aufgestockt.

Die DEGEMED betont: „Die Reha-Einrichtungen haben die Kapazitäten und auch die Kompetenz, sich an der Bewältigung der Corona-Pandemie zu beteiligen“, sagt Lawall. Sie seien daher auch ein Erfolgsfaktor dafür, wie gut die Situation insgesamt bewältigt werde. „Wichtig ist, dass wir jetzt alles tun, um die Reha-Einrichtungen und ihre Mitarbeiter zu unterstützen, damit sie ihren Job gut machen können.“ Dazu gehörten der gleichberechtigte Zugang zu Schutzausrüstungen, aber auch Maßnahmen zur wirtschaftlichen Stabilisierung trotz mehrwöchiger Belegungsausfälle.

Den MB wurmt offenbar besonders, dass viele andere Ärzte zugleich erheblich mehr arbeiten sollen: Er verbindet die Kritik an der Kurzarbeit mit der neuen COVID-19-Arbeitszeitverordnung, die für Ärzte und Pfleger vorübergehend mehr als 60 Wochenstunden erlaubt.

 
Die Reha-Einrichtungen haben die Kapazitäten und auch die Kompetenz, sich an der Bewältigung der Corona-Pandemie zu beteiligen. Christof Lawall
 

„Solche hohen Arbeitszeiten sind selbst kurzfristig nur schwer zu ertragen“, sagt Johna. „Wir befinden uns aber am Beginn eines Marathons. Wir dürfen die Pflegenden und die Ärztinnen und Ärzte nicht schon auf den ersten Kilometern auslaugen. Deswegen ist es wichtig, die Belastung auf möglichst viele Schultern zu verteilen.“

 

Kommentar

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