Schwanger während der Corona-Krise: Was Fachgesellschaften raten, um die Frauen und ihre Kinder zu schützen 

Dr. Susanna Kramarz

Interessenkonflikte

14. April 2020

Nur wenige Daten gibt es bisher zur Frage, ob und wie eine SARS-CoV-2-Infektion eine Schwangerschaft und die Gesundheit von Mutter und Kind beeinflusst. Bleibt als Vermutung, dass Schwangere weder häufiger erkranken als gleichalte, nicht schwangere Frauen, noch dass die Infektion bei ihnen schwerer verlaufen würde.

Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) und des Berufsverbandes der Frauenärzte (BVF), welche sich an Ratschlägen des Royal Board and College for Obstetrics and Gynecology orientieren , stützen sich auf bislang veröffentlichte Daten [1,2].

Kein erhöhtes Risiko durch die Schwangerschaft

Aber das reicht nicht aus: „Sämtliches Wissen über COVID-19 und Schwangerschaft, über das wir verfügen, stützt sich auf 55 publizierte Schwangerschaften und 46 Neugeborene“, erläuterte Dr. Carsten Hagenbeck, Oberarzt am Perinatalzentrum des Universitätsklinikums Düsseldorf, anlässlich einer Fortbildung der Online-Plattform „Medizin To Go“ am 4. April 2020.  

 
Sämtliches Wissen über Covid-19 und Schwangerschaft, über das wir verfügen, stützt sich auf 55 publizierte Schwangerschaften und 46 Neugeborene. Dr. Carsten Hagenbeck
 

„Man hat das Gefühl, fast keine Daten zu haben“, so der Experte. „In groben Umrissen können wir im Moment allerdings sehen, dass unsere eigenen Erfahrungen diese Publikationen bisher bestätigen.“

Hagenbeck zählt auf:

  • Die Infektionsraten scheinen bei Schwangeren im Vergleich zu gleichaltrigen, nicht schwangeren Frauen nicht erhöht zu sein.  

  • Es wird zwar über schwere Krankheitsverläufe einschließlich Pneumonien berichtet. Aber die Infektion scheint – anders als Influenza – kein erhöhtes Risiko für Schwangere zu bergen.

  • In einer der Publikationen wurde von einer hohen Rate an Kaiserschnitten und einer erhöhten Rate an Frühgeburten berichtet. Da es sich aber nur um wenige Patientinnen handelte und die Sectio-Indikationen teilweise nicht veröffentlicht wurden, ist eine Verallgemeinerung der Erkenntnisse vorläufig nicht möglich.

  • Schwere Krankheitsverläufe scheinen eher im 3. Trimenon zu liegen als im 1. und 2. Trimenon.

  • Infektionen und Pneumonien von Neugeborenen kommen vor. Alle Kinder erholten sich von der Infektion allerdings rasch.

Keine Coronaviren in Fruchtwasser oder in Nabelschnurblut

Die wichtigste Frage ist, ob es zu einer Übertragung des Virus auf das ungeborene Baby kommen kann, zu einer sogenannten „vertikalen Transmission“, und ob dies dem Feten eventuell schadet.  

Dazu erklärt Prof. Dr. Frank Louwen, Leiter des Perinatalzentrums der Universitäts-Frauenklinik Frankfurt und Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, gegenüber Medscape: „Noch nie wurde bisher in Fruchtwasser, Nabelschnurblut oder Vagina SARS-CoV-2 gefunden. Alle Tests an Neugeborenen in China, bei denen der Erreger nachgewiesen wurde, wurden erst einige Tage nach der Geburt durchgeführt, so dass eine Infektion nach der Geburt wahrscheinlicher ist als eine intrauterine Übertragung.“

 
Noch nie wurde bisher in Fruchtwasser, Nabelschnurblut oder Vagina SARS-CoV-2 gefunden. Prof. Dr. Frank Louwen
 

Allerdings besteht Unklarheit darüber, wie man spezifische Immunglobuline (IgM) im Nabelschnurblut von 3 Neugeborenen interpretieren muss. Bislang wurden Fallberichte von Dr. Lan Dong und Kollegen sowie von Dr. Hui Zeng u nd Kollegen, alle aus dem chinesischen Wuhan, veröffentlicht. IgM sind Immunglobuline, die eine frische Immunreaktion auf einen Erreger anzeigen.

Dazu Hagenbeck: „Es könnte sich bei den nachgewiesenen IgM um eine Art biologisches Artefakt handeln, also um mütterliche IgM, die eventuell die Plazentaschranke überwunden haben könnten, im Blut der Neugeborenen zirkuliert sind, um dann aber schnell abgebaut zu werden.“

Neue Studie soll Antworten liefern

Ob diese Vermutung korrekt ist, bleibt unklar. Um den Wissensstand zu verbessern, wurde durch die Forschungszentrale der Deutschen Gesellschaft für Perinatale Medizin (DGPM) innerhalb kurzer Zeit eine große Registerstudie angestoßen.

PD Dr. Ulrich Pecks, Oberarzt an der Universitäts-Frauenklinik Kiel und Mitbegründer des Forschungsnetzwerks der DGPM, erläuterte gegenüber Medscape Details der CRONOS-Studie. CRONOS steht für COVID-19 Related Obstetric and Neonatal Outcome Study.

Pecks: „Die Schwangeren werden von Klinikärzten der teilnehmenden Zentren registriert. Erhoben werden Basisdaten der Schwangerschaft, Risikofaktoren für die Schwangerschaft, Testverfahren, die für die COVID-19-Diagnostik verwendet wurden, Outcome-Parameter in Bezug auf die Schwangerschaft, Hinweise auf eine vertikale Transmission sowie ein Follow-Up im Wochenbett.“

Der Experte ergänzt: „Wir hoffen darauf, sehr bald erste Erkenntnisse präsentieren zu können. Außerdem planen wir in einigen universitären Zentren auch ein Biobanking und damit tieferreichende Einblicke in die Transmissionsrate.“

Auch niedergelassene Frauenärzte seien aufgerufen, mit Klinikpartnern zu kooperieren und ihre Patientinnen zu registrieren. Die Studie habe im Vergleich zur parallel gestarteten Corona-Studie der Deutschen Gesellschaft Pädiatrische Infektiologie (DGPI) den Vorteil, dass auch COVID-19-positive Frauen mit COVID-19-negativen Kindern erfasst würden.

Getrennte Wege im Kreißsaal und auf der Wochenstation

Für die aktuelle Situation in Kreißsälen gelte, so Hagenbeck, dass ebenso wie für das ganze Krankenhaus getrennte Bereiche für SARS-CoV2-positve und nicht infizierte Patientinnen bzw. Patienten geschaffen werden sollten. „Das Personal im Kreißsaal sollte nicht zwischen den Bereichen wechseln, die Wege sollten sich nicht kreuzen, und auch die Begleitperson, die zur Geburt mitgebracht wird, sollte sich strikt an diese Einschränkungen halten.“

Der Experte warnt: „Aus Italien wissen wir, dass Infektionen in der Geburtshilfe sich vor allem an den Schnittstellen ereignen, bei der Übergabe des gesunden Kindes einer infizierten Mutter zum Beispiel an die erstversorgenden Neonatologen oder auch an die Neugeborenenstation, bei einer fehlenden Trennung von Neugeborenen infizierter und nicht-infizierter Mütter, bei notwendigen Verlegungen.“

Die Deutsche Gesellschaft für pädiatrische Infektiologie habe hierzu, so Hagenbeck weiter, sehr praxisnahe und hilfreiche Algorithmen erarbeitet, die unbedingt im Team besprochen und umgesetzt werden sollten.

Streicheln ja, Schmusen nein

Wichtig ist, werdende Mütter umfassend zu informieren. Besonders das Prozedere nach der Geburt sollte geplant eingeübt werden. Die infizierte Mutter und ihr Baby müssten für die Dauer des Aufenthalts von den nicht infizierten Müttern und Kindern sorgfältig getrennt werden.

Stillen, so Hagenbeck, sei unproblematisch: Bis zum Ende der Erkrankung und der Quarantäne müsse die Mutter im Kontakt mit ihrem Kind eine Gesichtsmaske tragen, sich sehr sorgfältig und häufig die Hände waschen und auf intensiven Körperkontakt verzichten.

 
Streicheln mit frisch gewaschenen Händen ja, Schmusen und Küssen nein. Die Mütter müssen dazu ausführlich und mit Geduld aufgeklärt und geschult werden. Dr. Carsten Hagenbeck
 

„Streicheln mit frisch gewaschenen Händen ja, Schmusen und Küssen nein. Die Mütter müssen dazu ausführlich und mit Geduld aufgeklärt und geschult werden. Da es sich aber meist nur um eine kurze Zeitspanne handelt, sollte eine solche Einschränkung machbar sein.“

 

Kommentar

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