COVID-19: Dramatische Situationen im Elsass – so helfen deutsche Kliniken ihren französischen Nachbarn

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

7. April 2020

Es fehlt an medizinischen Geräten – Patienten können nicht mehr beatmet werden. Sie bekommen Sterbebegleitung und Opiate. Infizierte Mediziner arbeiten weiter, und im Stundentakt werden beatmungspflichtige Patienten aufgenommen: So erlebten deutsche Katastrophenmediziner die Situation an der Uniklinik Strasbourg im Elsass vor 2 Wochen.

Im Auftrag des Innenministeriums Baden-Württemberg hatten Mitarbeiter des Deutschen Instituts für Katastrophenmedizin (DIFKM) dieses Krankenhaus besucht. „Am 23.03.2020 erfolgte pro Stunde eine Aufnahme eines beatmungspflichtigen Patienten“, schreiben sie im Bericht. Normalerweise verfüge die Klinik über Intensivstationen mit insgesamt 40 Beatmungsbetten.

 
Am 23.03.2020 erfolgte [in der Uniklinik Strasbourg] pro Stunde eine Aufnahme eines beatmungspflichtigen Patienten. Deutsches Institut für Katastrophenmedizin
 

Das Alter der Patienten, die beatmet werden müssten, liege zwischen 19 und 80 Jahren. Das Virus verbreite sich so stark, dass Krankenzimmer 3 Stunden nach einer Intubation oder einer Lungenspiegelung gar nicht betreten werden könnten, weil sich „Aerosol-Tröpfchen“ am Boden sammelten. In dem Bericht heißt es auch, dass inzwischen Frakturen nicht mehr operativ versorgt würden, und die Tumorchirurgie sei eingestellt worden.

Ressourcenmangel im Elsass führt zur Triage

Die Überlastung in Strasbourg sei so groß, dass verfügbare Beatmungsgeräte für jüngere Patienten mit besseren Überlebenschancen reserviert bleiben müssten, konstatieren die Experten. Laut SWR verweist der Leiter der chirurgischen Anästhesie in Strasbourg, Dr. Paul Michel Mertes, auf medizin-ethische Kriterien der Klinik: Die Entscheidung werde vom Schweregrad der Krankheit abhängig gemacht, nicht aber von einer Altersgrenze.

Brigitte Klinkert, Präsidentin des französischen Departements Haut-Rhin, hatte allerdings gegenüber der WELT berichtet, dass in Strasbourg seit 2 Wochen Triage anhand des Alters stattfinde. Patienten über 80, über 75, an manchen Tagen auch über 70, könnten nicht mehr intubiert werden, weil Beatmungsgeräte fehlten.

Die deutschen Ärzte beschreiben in ihrem Report nicht nur die zum Teil drastischen Maßnahmen der Kollegen im Elsass. Sie haben daraus auch Schlüsse für Deutschland gezogen. Für sie zeichne sich im Detail die „greifbare Gefahr durch das Virus Sars-CoV-2“ ab. Dies mache „weitere konsequente Maßnahmen der Landesregierungen, der Krankenhäuser und der Rettungsdienste in Deutschland“ unabdingbar.

Konsequente Maßnahmen bei Rettungsdiensten und in den Krankenhäusern seien erforderlich, wenn man eine Situation wie im Elsass abwenden wolle.

Französische Patienten in deutsche Kliniken verlegt

Weil Kliniken im Elsass überlastet sind – in Mulhouse wurde sogar ein Feldlazarett errichtet – hat das Uniklinikum Freiburg 2 Corona-Patienten aus dem Elsass aufgenommen. Es sei eine Herzensangelegenheit, den französischen Nachbarn und Freunden in dieser menschlichen Tragödie zu helfen, berichtet das Krankenhaus dazu auf Facebook.

„Alle Patienten benötigen die bestmögliche intensivmedizinische Behandlung, auch Intensiv-Beatmungsgeräte", teilte Prof. Dr. Hartmut Bürkle von der Klinik für Intensivmedizin in Freiburg mit. „Die französischen Kollegen haben keine Behandlungsplätze mehr – weder mit intensivmedizinischen Beatmungsgeräten noch mit anderen Beatmungsgeräten”.

Neben der Uniklinik Freiburg beteiligen sich auch Krankenhäuser in Heidelberg, Mannheim und Ulm, sowie das Schwarzwald-Baar-Klinikum Villingen-Schwenningen an der Behandlung schwerer COVID-19-Fälle aus dem benachbarten Elsass. Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Bündnis 90/Die Grünen) hatte den französischen Nachbarn Unterstützung zugesagt.

Auch die Asklepios-Südpfalzklinik in Kandel (Rheinland-Pfalz) hat vor wenigen Tagen 2 beatmungspflichtige Patienten aus Strasbourg aufgenommen. Und 5 Corona-Notfallpatienten aus der ostfranzösischen Region Grand Est werden im Universitätsklinikum des Saarlandes in Homburg behandelt. Sie sind am 23. März eingeliefert worden.

Grenzüberschreitende Hilfe

„In einer Stunde, wo unsere Nachbarn am dringendsten Hilfe brauchen, da möchten wir gerne unseren Teil dazu beitragen im Rahmen der europäischen Zusammenarbeit, als Akt der Kooperation und Humanität, die Patienten zu übernehmen und damit zu helfen“, so der geschäftsführende Oberarzt der Klinik für Anästhesie in Mannheim, Dr. Thomas Kirschning, in Reuters TV .

 
In einer Stunde, wo unsere Nachbarn am dringendsten Hilfe brauchen, da möchten wir gerne unseren Teil dazu beitragen, (…) Patienten zu übernehmen und damit zu helfen. Dr. Thomas Kirschning
 

Kurz zuvor war ein Hubschrauber mit einem 64 Jahre alten Mann aus dem elsässischen Colmar auf dem Dach der Klinik gelandet. „Die Kollegen haben einen Patienten zu uns geschickt, der bereits seit einer Woche dort behandelt wird in Colmar auf der Intensivstation und auf dem Wege der Besserung ist“, berichtet Kirschning, der auch Intensivkoordinator der Stadt Mannheim ist.

Der Mann werde verlegt, weil im Elsass wegen der Pandemie die Behandlungsplätze ausgehen. „Die Kriterien sind, dass sie nicht die Schwerstkranken schicken möchten, weil die möglicherweise den Transport nicht unbeschadet überstehen würden. Von daher übernehmen wir jetzt Patienten, die beatmet werden, um sie von der Behandlungskapazität ein wenig zu entlasten“, erklärt Kirschning.

Der 64-Jährige ist einer von 2 Patienten aus dem Elsass, die inzwischen in Mannheim an der Uniklinik versorgt werden. Neben Kandel und Homburg im Saarland haben auch die baden-württembergischen Städte Karlsruhe, Freiburg, Pforzheim und Ulm Patienten aus der französischen Nachbarregion aufgenommen.

Wie die Rhein-Neckar-Zeitung berichtet, hat die Thoraxklinik des Universitätsklinikums Heidelberg ebenfalls 3 Patienten aus dem Elsass aufgenommen. Sie sind zwischen 40 und 60 Jahre alt und wurden in Colmar bzw. Mulhouse behandelt.

 
Wir hatten Zeit uns vorzubereiten, haben planbare OPs massiv zurückgestellt. Nun können wir unsere Nachbarn bei der Versorgung der schweren Fälle unterstützen. Prof. Dr. Matthias Karck
 

„Wir hatten Zeit uns vorzubereiten, haben planbare OPs massiv zurückgestellt“, erklärt Prof. Dr. Matthias Karck, Ärztlicher Direktor der Uniklinik. „Nun können wir unsere Nachbarn bei der Versorgung der schweren Fälle unterstützen.“

 

Kommentar

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