MEINUNG

Präha statt Reha vor der Krebs-OP: Wie kann man Komplikationen bei älteren Patienten verringern?

PD Dr. Georgia Schilling

Interessenkonflikte

27. Juli 2020

Betagt, fragil und krebskrank: PD Dr. Georgia Schilling stellt eine Studie vor, bei der ältere Patienten vor einer Darmkrebs-OP fit gemacht wurden für den Eingriff. Ziel: Komplikationen zu verringern.

Transkript des Videos von PD Dr. Georgia Schilling:

Sehr geehrte Damen und Herren,

mein Name ist Georgia Schilling. Ich bin Chefärztin der Abteilung für Onkologische Rehabilitation in der Asklepios Nordsee-Klinik Westerland auf Sylt und auch leitende Oberärztin im Asklepios-Tumorzentrum in Hamburg.

Als Chefin einer Reha-Abteilung interessiert mich das Thema Rehabilitation natürlich besonders stark. Deshalb geht es heute um die Effekte einer multimodalen Prähabilitation versus Rehabilitation auf postoperative Komplikationen innerhalb von 30 Tagen nach Resektion bei gebrechlichen Patienten mit kolorektalen Tumoren. Sie wurden in einer Arbeit aus Montreal (Kanada) untersucht.

Erhöhtes Morbiditäts- und Mortalitätsrisiko bei älteren Patienten

 
Nach Abschluss der Therapie leiden noch etwa 3 bis 4 von 10 Krebs-Patienten unter Fatigue. PD Dr. Georgia Schilling
 

Patienten mit Kolorektalkarzinom, die älter als 75 Jahre sind, haben ein erhöhtes Morbiditäts- und Mortalitätsrisiko. Das ist gut bekannt.

Die Resektion ist Standard beim Kolorektalkarzinom. Aber je älter die Menschen sind, desto geringer ist die Zahl derer, die auch tatsächlich operiert werden. Gründe für den Verzicht auf eine Operation sind:

  • mangelnde körperliche Fitness

  • geringere Energiereserven

  • geringere Muskelmasse und Kraft

  • ein Gewichtsverlust

Bislang gab es keine belastbaren Daten, dass eine präoperativ durchgeführte Prähabilitation mit spezifischen Interventionen das Outcome dieser Patientengruppe nach einer Operation verbessern kann.

Deshalb gingen die Autoren der Frage nach, welche Auswirkungen ein solches Prähabilitationsprogramm auf die Komplikationsrate nach Resektion in dieser Patientengruppe im Vergleich zur postoperativen Rehabilitation hat.

Die Hypothese der Autoren war, dass Patienten mit höherem Risiko für postoperative Komplikationen aufgrund eines eingeschränkten Allgemeinzustands besonders von der Prähabilitation profitieren, weil sie dann fitter in die Operation gehen.

Studiendesign

In die randomisierte, zweiarmige Studie wurden Patienten eingeschlossen, die 65 Jahre und älter waren. Sie durchliefen ein Frailty-Screening nach dem Fried Frailty Index. War der Index größer 2 und wurde keine neoadjuvante Therapie durchgeführt, konnten sie in die Studie aufgenommen werden.

Die Prähabilitation begann nach einer Baseline-Untersuchung und dauerte 4 Wochen bis zu geplanten Operation. Postoperativ wurde sie nicht fortgesetzt.

Die Rehabilitation begann nach der Krankenhaus-Entlassung, also nach einer kurzen Rekonvaleszenz, und zwar mit dem gleichen Programm wie die Prähabilitation über 4 Wochen.

Zum Programm gehörte einmal pro Woche körperliches Training mit 30 Minuten Ausdauertraining auf dem Stepper, 25 Minuten Krafttraining mit Thera-Bändern und je 5 Minuten Aufwärmen und Stretching.

Außerdem erhielten die Patienten eine Ernährungsberatung. Es wurde zu potenziell proteinreicher Ernährung geraten. Unterstützend wurden Nahrungsergänzungsmittel empfohlen.

Ferner gab es psychologische Interventionen zum Erlernen von Coping-Strategien, zu Rauch- und Alkohol-Entwöhnung.

Die Adhärenz wurde durch Teilnahme an den Veranstaltungen in der Klinik, mit Hilfe eines vom Patienten geführten Tagebuchs sowie durch Telefonanrufe einmal wöchentlich bezüglich der Aktivitäten zu Hause geprüft.

Es wurden über 400 Patienten gescreent, davon konnten 120 randomisiert werden, 110 Patienten sind in die Intention-to-Treat-Analyse eingeschlossen und ausgewertet worden. Minimal-invasive Eingriffe waren in beiden Armen etwa gleich häufig mit 76,4% in der Präha-Gruppe und 81,2% in der Reha-Gruppe.

 
Interessant war, dass der Effekt auch 3 Monate nach dem Ende der Intervention noch nachweisbar war, er war also nachhaltig. PD Dr. Georgia Schilling
 

Primärer Endpunkt waren postoperative Komplikationen in den ersten 30 Tagen nach der Operation. Sekundäre Endpunkte waren schwere Komplikationen, die Länge des stationären Aufenthalts, Vorstellungen in der Notaufnahme, stationäre Wiederaufnahmen, Patient-reported Outcomes und die Evaluation der Gehfähigkeit.

Ergebnisse enttäuschend

Das Ergebnis ist für mich sehr überraschend und gleichzeitig auch sehr enttäuschend, weil ich die Hypothese der Autoren unterstützt habe. Zwischen den beiden Gruppen gab es keinen Unterschied in der Gesamtkomplikationsrate in den ersten 30 postoperativen Tagen. Auch in den sekundären Endpunkten zeigten sich keine Unterschiede. 

Die Prähabilitation verbessert also die Komplikationsrate bei diesen eher gebrechlichen Patienten im Vergleich zu einer Rehabilitation mit den gleichen Interventionen nicht.

Natürlich stellt sich die Frage, ob es alternative Strategien gibt, zum Beispiel Präha und Reha als Kombination verglichen mit den einzelnen Armen.

Die Studie hatte nur 120 Patienten, sie ist also von der Fallzahl her grenzwertig. Es gab keinen Arm ohne eine Intervention. Damit hätte man zumindest zeigen können, ob es sinnvoll, auf jeden Fall etwas zu tun, egal ob Präha oder Reha. Dadurch verringern sich Morbidität und Mortalität, davon bin ich als Reha-Medizinerin überzeugt.

Meines Erachtens hat der Nicht-Interventionsarm gefehlt. Vielleicht hätte man auch noch einen vierten Arm mit der Kombination machen müssen, um bessere Ergebnisse zu erzielen.

Insgeheim sind wir uns sicher alle einig, dass eine Intervention sinnvoll ist. Interessant in dem Zusammenhang ist eine Studie, nach der Rehabilitation immer vor der adjuvanten Therapie zu machen ist. Das ist ungefähr die gleiche Hypothese, die dahinter steckt. Unsere S3-Leitlinie lässt dies ja offen.

 
Auf jeden Fall ist die kognitive Verhaltenstherapie in der palliativen Situation anwendbar und wirksam. PD Dr. Georgia Schilling
 

In diesem Sinne, überlegen Sie es sich gut. Schicken Sie aber die Patienten auf jeden Fall in eine AHB oder in einer Reha, das ist auf jeden Fall sinnvoll.

In diesem Sinne, vielen Dank fürs Zuhören.
 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....