MEINUNG

Retroviren im Visier: Überblick von der CROI-Konferenz zu Innovationen in der HIV-Therapie und Studien zum neuen Coronavirus 

PD Dr. Martin Hartmann

Interessenkonflikte

27. April 2020

Auf der virtuellen CROI-Konferenz stand neben Daten zu Kombi-Therapien bei HIV, Impfung und PrEP erstmals das neue Coronavirus im Mittelpunkt. PD Dr. Martin Hartmann fasst das Wichtigste zusammen.

Transkript des Videos von PD Dr. Martin Hartmann, Heidelberg:

Schönen guten Tag,

hier ist Martin Hartmann aus dem Uniklinikum Heidelberg.

Heute geht es um virale Infektionen.

Vom 8. bis 11. März sollte in Boston die diesjährige CROI (Conference on Retroviruses and Opportunistic Infections) stattfinden. Sie wurde 2 Tage vor Beginn abgesagt und musste virtuell abgehalten werden. Die Beiträge stehen inzwischen für alle als Webcast zur Verfügung [1].

Was gibt es Neues zu HIV?

Injektionstherapie: Intramuskulär appliziertes Cabotegravir kann zusammen mit dem NNRTI Rilpivirin auch im 8-Wochen-Abstand gegeben werden und ist auch dann ausreichend wirksam. Es gab nur wenige Therapieversager . Die (übliche) einmonatliche Gabe wird voraussichtlich dieses Jahr zugelassen.

Nebenwirkungen: Bei der intramuskulären Gabe treten immer wieder Reaktionen an der Injektionsstelle auf. Seit langem wird nach einem Zweifach-Kombinations-Regime statt der bisherigen Dreifachkombination gesucht. Dolutegravir, ein Integrasehemmer der 2. Generation, in Kombination mit Lamivudin (3TC) wäre ein Kandidat und kann die Viruslast jahrelang supprimieren, was die Langzeit-Toxizität etwas bessern könnte.

Dieser Integraseinhibitor führt allerdings, vor allem in Kombination mit Tenofovir alafenamid (TAF), besonders bei Frauen und Menschen afrikanischer Herkunft zu einer Gewichtszunahme, die sehr stark sein kann, wobei völlig unklar ist, warum es dazu kommt.

Neue Ansatzpunkte in der Therapie: Dies sind z. B. Kapsid-Inhibitoren. GS-6207 von Gilead wird hier in einer Phase-2/3-Studie untersucht.

Präexpositionsprophylaxe (PrEP): Hier zeigte sich, dass TAF-Regime in Kombination genauso gut wirken wie die bisher eingesetzten TDF-Regime bei weniger Langzeittoxizität.

Auch die On-demand-PrEP, also PrEP vor und nach einem riskanten Sexualkontakt, kann im Off-Label-Versuch bis zu 97% effektiv sein.

Impfung: Die HVTN-702-Impfstoffstudie hat aufgrund der thailändischen Ergebnisse hoffen lassen. Es gab jetzt eine Ausweitung auf 5.400 Patienten in Südafrika. Diese ergab jedoch leider keine ausreichende Wirksamkeit im Vergleich zu Placebo.

CROI-Sitzung zu COVID-19

Auf der CROI gab es eine spezielle Mittagssession zu COVID-19[1], wo von der chinesischen Gesundheitsbehörde über die ausgeprägten Quarantänemaßnahmen in China berichtet wurde, die erforderlich waren, um nicht mit horrenden Todesfallzahlen rechnen zu müssen.

Ralph S. Baric, Chapel Hill, berichtete über die Besonderheit des Corona-Virus in der heutigen Zeit und Antonio Fauci vom National Institute of Allergy and Infectious Diseases, Bethesda, stellte die US-amerikanische Sichtweise zur Bekämpfung der Corona-Infektion dar.

Hinweise zu COVID-19

Weiterhin beherrscht COVID-19 Presse und Medien. Die aktuellen Zahlen können auf der Seite der Johns-Hopkins-Universität, Boston, nachgesehen werden [2]. Diese Zahlen beruhen nicht nur auf den amtlichen Meldungen, sondern beziehen zusätzliche Informationsquellen ein. Die deutschen Zahlen werden vor allem vom Robert-Koch-Institut geliefert [3].

Es gibt inzwischen Leitlinien für den hausärztlichen und den notfallmedizinischen Bereich [4]. Zudem liegen erste Daten über die Entwicklung der Immunologie in Bezug auf die Corona-Virusinfektion vor [5].

Auch erste Nachweismethoden, Antikörpertests wie auch Schnelltests, sind in der Entwicklung [6].

Bezüglich der Mundschutzdebatte sollte angemerkt werden, dass das Virus schon 2 Tage vor Auftreten von Symptomen repliziert wird und damit ansteckend sein kann [7].

Es muss mit einer Quote von mindestens? 20% asymptomatischen Patienten gerechnet werden. Dies zeigen Auswertungen von Daten der Infektionen auf Kreuzfahrtschiffen. Sie bilden eine geschlossene Population, wo man das sehr gut beobachten kann [8].

Die Sorge um die immunsupprimierten und HIV-Patienten scheint nicht ganz so begründet zu sein. Es bleibt abzuwarten, inwieweit diese Patienten einen schwereren Verlauf zeigen [9].

Eine Ausweitung der chinesischen Lock-down-Politik zeigte, dass dies ausgesprochen effektiv war. Bei gelockerten Maßnahmen hätte man wohl nicht dieses Ergebnis erreicht [10].

Die Publikationen der wissenschaftlichen Verlage in diesem Bereich sind frei zugänglich, um den Wissensaustausch zu gewährleisten [11].

Wie sieht es in Heidelberg aus?

Wir hatten in Heidelberg und im Rhein-Neckar-Kreis am 31. März 2020 knapp 700 Corona-positive Patienten. Knapp 2 Dutzend dieser Patienten wurden auf Intensivstationen behandelt.

Hier zeigt sich auch das, worauf man aufpassen sollte. Es gibt manchmal einen zweigipfligen Verlauf. Nach einer Woche fast asymptomatischer oder wenig symptomatischer Infektion kann es zu einer rapiden Verschlechterung mit Atemnot kommen. Dann sollte die stationäre Aufnahme unverzüglich erfolgen.

Das war es aus Heidelberg. Vielen Dank fürs Zuhören.
 

Kommentar

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