Epigenetik: Erhöhtes Arthrose-Risiko, weil Eltern oder Großeltern adipös waren?

Inge Brinkmann

Interessenkonflikte

3. April 2020

Schon seit Längerem ist bekannt, dass werdende Eltern durch ihren Lebensstil die Weichen für die gesundheitliche Entwicklung ihrer Kinder stellen. Nun hat eine kürzlich in Arthritis & Rheumatology publizierte Studie an Mäusen gezeigt, dass das Risiko, eine Gelenkarthrose zu entwickeln, bei den Nachkommen übergewichtiger Mäuse sowohl in der 1. als auch noch in der 2. Generation erhöht ist [1].

 
Wer auf sein Gewicht achtet und sich sportlich betätigt, tut damit auch etwas für seine Kinder und Enkel. Prof. Dr. Hendrik Schulze-Koops
 

Die Untersuchung belegt damit einmal mehr die Bedeutung des epigenetischen Codes, der den Aktivitätszustand von Genen in Abhängigkeit von Umweltreizen bestimmt.

Und sie zeige, so Prof. Dr. Hendrik Schulze-Koops, Leiter der Rheumaeinheit am Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München, gegenüber Medscape, wie wichtig ein normales Gewicht für die Gelenke sei – und zwar nicht nur für die eigenen. „Wer auf sein Gewicht achtet und sich sportlich betätigt, tut damit auch etwas für seine Kinder und Enkel“, so der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie (DGRh).

Durch adipöse Eltern erhöht sich das Arthrose-Risiko

Ein zu hohes Körpergewicht gilt als wesentlicher Risikofaktor für Arthrosen. Stark übergewichtige oder fettleibige Menschen leiden jedoch nicht nur in Hüften und Knien, auch nicht tragende Gelenke sind häufiger betroffen. Dies deutet auf die Beteiligung von weiteren, systemischen Faktoren am Entstehen der chronischen Gelenkerkrankungen hin.

Dr. Natalia S. Harasymowicz von der Washington University in St. Louis, Missouri, und ihre Kollegen überprüften nun in ihrer Studie die Auswirkungen von elterlicher Adipositas auf das Arthrose-Risiko in den nachfolgenden Generationen. Ihre Eltern-Mäusepaare fütterten sie dazu entweder mit fettreicher oder fettarmer Nahrung. Die Nachkommen erhielten alle die normale fettarme Kost.

Bemerkenswerterweise zeigten die Wissenschaftler, dass die elterliche fettreiche Fütterung den Schweregrad einer posttraumatischen Arthrose (durch Destabilisierung des medialen Meniskus) sowohl bei Kindern als auch bei Enkelkindern signifikant erhöhte. So stieg nach der Meniskusverletzung die Arthrose-Neigung in der 1. Generation um 48%, in der 2. Generation um 19% (jeweils im Vergleich zur Kontrolle).

 
Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Vererblichkeit des Arthrose-Risikos … epigenetische Faktoren umfassen kann, die … durch mehrere Generationen auf Nachkommen weitergegeben werden können. Dr. Natalia S. Harasymowicz und Kollegen
 

„Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Vererblichkeit des Arthrose-Risikos – zusätzlich zu den gut charakterisierten genetischen Faktoren – epigenetische Faktoren umfassen kann, die sekundär zur ernährungsbedingten Adipositas sind und durch mehrere Generationen auf Nachkommen weitergegeben werden können“, schreiben Harasymowicz und Kollegen.

Statistisch signifikant nur bei weiblichen Tieren

„Dies lässt sich nur durch die Weitergabe einer vermehrten Entzündungsbereitschaft auf die nächste Generation erklären“, sagt Schulze-Koops laut Pressemitteilung der DGRh. Die Studie liefere hierfür Hinweise. So wurden in der Gelenkhaut der Nachkommen etwa vermehrt Entzündungszellen nachgewiesen, die im Fall einer Verletzung aktiv werden. Bei den weiblichen Tieren war auch das Knochenvolumen in der Nähe der Gelenke vermindert.

Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang auch, dass die Studie nur für weibliche Nachkommen einen statistisch signifikanten Effekt zeigen konnte, für männliche Nachkommen einen Trend. „Der Gender-Aspekt ist nicht wirklich erklärbar“, so Schulze-Koops.

Es könne jedoch sein, dass bei den männlichen Nachkommen die modifizierten Gene in ihrer Funktion durch nicht-beeinflusste Gene neutralisiert würden – weibliche und männliche Mäuse hätten ja durchaus von der Anlage her unterschiedliche Körperfettanlagen und -verteilungen – und daher die epigenetischen Veränderungen in den männlichen Mäusen nicht von der Relevanz sind wie in den weiblichen Mäusen.

„Es kann aber auch sein“, so der Münchener Experte, „dass die epigenetischen Veränderungen im Zusammenspiel mit einer typischen weiblichen Darmflora andere Auswirkung haben als im Zusammenspiel mit einer männlichen Darmflora.“

„Unsere Kinder und Enkel sind betroffen, und für die müssen wir etwas tun!“

„Wir können nicht davon ausgehen, dass sich alles, was wir in diesen Mäusen gefunden haben, auch für den Menschen als wahr erweisen wird“, sagt Harasymowicz in einer Pressemitteilung der Washington University School of Medicine. „Aber es gibt immer mehr Beweise dafür, dass die nächste Generation – wenn Eltern sich schlecht ernähren, rauchen oder Alkohol missbrauchen – eher eine Veranlagung für Diabetes, Krebs oder andere Krankheiten erbt. Hier haben wir gezeigt, dass das auch für Arthrose zu gelten scheint.“

 
Wir können nicht davon ausgehen, dass sich alles, was wir in diesen Mäusen gefunden haben, auch für den Menschen als wahr erweisen wird. Dr. Natalia S. Harasymowicz
 

Auch Schulze-Koops sagt, dass die Arthrose eine weitere Erkrankung sein mag, die durch Umweltfaktoren gesteuert wird. Das gefährliche an dieser Interpretation sei jedoch: „Sie unterstützt die Haltung ‚Was kann ich dafür, wenn meine Gene (oder meine Umwelt) mich krank machen‘“, so der Experte.

Und sie lenke von der zweiten, wichtigeren Schlussfolgerung ab: „Es ist extrem wichtig, in Zeiten der Übergewichtsepidemie Gegenmaßnahmen zu ergreifen, um nicht jetzt bereits für die folgenden Generation Krankheiten zu verursachen, die vermeidbar wären. Unsere Kinder und Enkel sind betroffen, und für die müssen wir etwas tun!“
 

Kommentar

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