Langzeitrezepte: Eigentlich eine gute Idee – aber der Teufel steckt im Detail und blockiert die Umsetzung

Christian Beneker

Interessenkonflikte

1. April 2020

Seit dem 1. März 2020 dürfen Ärzte ihren chronisch kranken Patienten bis zu 3-mal wiederverwendbare Rezepte ausstellen. Das erlaubt § 31 Abs. 1b SGB V. Allerdings hat die Regelung offenbar noch ihre Tücken. Deshalb wird sie bisher nicht umgesetzt.

Der Deutsche Apothekerverband rät seinen Mitgliedern dazu, der Regelung noch nicht zu folgen. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung, der GKV-Spitzenverband und der Deutsche Apothekerverband streiten noch um die Ausführungsbestimmungen.

„Für Versicherte, die eine kontinuierliche Versorgung mit einem bestimmten Arzneimittel benötigen, können Vertragsärzte Verordnungen ausstellen, nach denen eine nach der Erstabgabe bis zu dreimal sich wiederholende Abgabe erlaubt ist. Die Verordnungen sind besonders zu kennzeichnen. Sie dürfen bis zu einem Jahr nach Ausstellungsdatum zu Lasten der gesetzlichen Krankenkasse durch Apotheken beliefert werden“, heißt es in dem Gesetzespassus.

Es ist die Entscheidung des Arztes, ob ein Wiederholungsrezept ausgestellt wird oder nicht. Der Bundestag hat die Neuregelung zusammen mit dem Masernschutzgesetz verabschiedet.

Allerdings ist das Gesetz ohne Ausführungsbestimmungen beschlossen worden. Die Einzelheiten besprechen derzeit der GKV-Spitzenverband (GLV-SV), die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und der Deutsche Apothekerverband, wie der GKV-SV auf Anfrage mitteilt.

Geteiltes Echo

Die Gesetzesinitiative trifft auf ein geteiltes Echo. Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, erklärt, die Langzeitrezepte ersparten den Patienten unnötige Arztbesuche. „Nicht nur in Zeiten von Corona ist das enorm wichtig. Schließlich wird unnötige Bürokratie abgebaut“, so Brysch. „Das hilft gerade alten, pflegebedürftigen und chronisch kranken Menschen. Umso wichtiger ist, dass Ärzte und Apotheker den Medikationsplan im Blick behalten.“

 
Das hilft gerade alten, pflegebedürftigen und chronisch kranken Menschen. Eugen Brysch
 

Anders die Apotheker. Sie raten derzeit davon ab, schon jetzt Wiederholungsrezepte Rezepte auszustellen. „Es ist noch völlig ungeklärt, wie mit den wiederverwendbaren Rezepten umgegangen werden soll“, erklärt Christian Splett, Sprecher des Deutschen Apothekerverbandes.

So sei dieses Rezept als solches ja eine Urkunde und ein Originaldokument. Wenn dann das Rezept in 4 verschiedenen Apotheken abgerechnet wird – wo ist dann das Original? Sollte die Einlösung an ein und dieselbe Apotheke gebunden sein? Was geschieht, wenn das Rezept zuerst bei der heimischen Apotheke eingelöst wird und dann am Urlaubsort, womöglich im Ausland? Wenn es 2-mal in derselben Apotheke eingelöst wurde, wo ist das notiert?

 
Es ist noch völlig ungeklärt, wie mit den wiederverwendbaren Rezepten umgegangen werden soll.  Christian Splett
 

„Es ist nicht üblich, Kopien abzurechnen“, gibt Splett zu bedenken. „Die Kassen wollen immer das Original haben.“ Das dürfte auch bei der Kassenabrechnung für Verwirrung sorgen. „Theoretisch könnten Ärzte also das neue Rezept ausstellen, aber wir raten ab. Das gibt nur Ärger auf beiden Seiten.“

KBV gegen Wiederholungsrezept

Die KBV hat sich bereits im Vorfeld der Regelung gegen das Wiederholungsrezept ausgesprochen. „Die KBV lehnt diese Regelung aus Gründen der Patienten- und Arzneimitteltherapiesicherheit ab. Gerade die Versorgung von Versicherten mit schwerwiegenden chronischen Erkrankungen muss regelmäßig überwacht und gegebenenfalls angepasst werden“, so die KBV in einer Stellungnahme bereits aus dem Jahr 2019.

Zwar entscheide der Arzt, ob er ein Wiederholungsrezept ausstellt oder nicht. Aber die Patienten könnten es auch in medizinisch nicht sinnvollen Fällen fordern. Zudem könne sich der Zustand des Patienten im Laufe eines Jahres ändern und damit auch eine veränderte Medikation erfordern. Mit Patienten, die nur einmal im Jahr in der Praxis erscheinen, sei das kaum vorstellbar.

Erlöse beruhen auf Mischkalkulation

Auch Klaus Greppmeir, Hauptgeschäftsführer und Sprecher des Virchow-Bundes, rät abzuwarten. „Die Selbstverwaltung muss noch Einzelheiten klären.“ Allerdings sind seine Erwartungen an das wiederverwendbare Rezept nicht sehr hoch.

„Es gibt doch in den Praxen funktionierende Systeme, um einfach Folgerezepte auszustellen, eigene Rufnummern oder feste Prozeduren“, sagt Greppmeir. „Vielleicht ist das neue Rezept für den einen oder anderen Patienten aus Komfortgründen interessant, aber das wird nicht die Menge sein.“

Anders ein Hausarzt aus Norddeutschland. Er fürchtet deutliche finanzielle Einbußen, wenn das wiederverwendbare Rezept kommt. Der Hausarzt glaubt, dass ihm durch die Mehrfachrezepte am Schluss vor allem die aufwändigen, teuren Fälle bleiben. Um sie zu finanzieren, brauche er aber auch die lukrativen Patienten, die in jedem Quartal ihr Rezept holen und allein damit die Quartalspauschale auslösen.

„Uns fehlen mit der Neuregelung im Zweifel die Verdünnerscheine“, resümiert der Hausarzt. „Schließlich beruhen unsere Erlöse auf einer Mischkalkulation.“ Der wesentliche Beweggrund für die Wiederholungsrezepte ist für ihn denn auch „der Versuch, die Fallzahl in den Praxen zu drücken und Geld zu sparen“.

 

Kommentar

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