Typ-1-Diabetes nach Rotavirus-Impfung? Neue Studie sieht kein erhöhtes Risiko, aber auch keinen Schutz geimpfter Kinder

Petra Plaum

Interessenkonflikte

1. April 2020

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Lebendimpfungen gegen Rotaviren im Säuglingsalter und der späteren Diagnose eines Typ-1-Diabetes mellitus? Auch die neueste Studie mit über 385.000 Teilnehmern fand hier keine Assoziation.

Wie ein Team um Dr. Jason M. Glanz vom Institute for Health Research von Kaiser Permanente in Colorado in einer retrospektiven Kohortenstudie in JAMA Pediatrics berichtet, lag verglichen mit Kindern, die nicht gegen das Rotavirus geimpft wurden, die adjustierte Hazard Ratio (aHR) bei 1,03 (95% KI: 0,62-1,72) für Kinder mit vollständigem Impfschutz und bei 1,50 (95% KI: 0,81-2,77) für unvollständig gegen Rotaviren immunisierte Kinder [1].

Prof. Dr. Fred Zepp

„Diese Studie zu einem möglichen Zusammenhang von Typ-1-Diabetes mellitus und Rotavirus-Impfungen ist methodisch in Ordnung“, betont Prof. Dr. Fred Zepp, Direktor des Zentrums für Kinder- und Jugendmedizin und Leiter der AG Immunologie & Infektiologie der Universitätsmedizin Mainz, gegenüber Medscape. „Sie bestätigt im Grundsatz die Erkenntnis einer Reihe früherer Studien, die zu einem ähnlichen Resultat gekommen sind.“

Zum Design: Viele Geimpfte, wenige Verweigerer

Glanz und sein Team analysierten die gesundheitliche Entwicklung von 386.937 Kindern aus 6 US-Staaten, deren Daten in Vaccine Safety Datalink erfasst sind.

  • Von den Studienteilnehmern wurden 360.169 (93,1%) wie im Impfplan vorgesehen in den ersten 8 Lebensmonaten vollständig immunisiert.

  • 15.765 weitere Kinder (4,1%) waren bis zum Alter von 24 Monaten mindestens einmal geimpft worden und galten als teilweise geschützt.

  • 11.003 Kinder (2,8%) blieben ganz ungeimpft.

Die Geimpften bekamen die auch in Deutschland zugelassenen Lebendimpfstoffe RotaTeq® und Rotarix®, jeweils als Schluckimpfungen. RotaTeq®, eine pentavalente Vakzine, wird in den USA im Alter von 2, 4 und 6 Monaten verabreicht, Rotarix®, ein monovalenter Impfstoff, im Alter von 2 und 4 Monaten.

Alle Kinder waren zwischen 2006 und 2014 zur Welt gekommen. Ihre Datensätze gaben keine Hinweise auf eine schwere oder chronische Erkrankung bei Geburt. Nachverfolgt wurde ihre gesundheitliche Entwicklung bis Ende 2017 bzw. bis zur Diagnose eines Typ-1-Diabetes. Weil Stillen das Diabetesrisiko leicht senkt und Typ-1-Diabetes in der Familienhistorie das Risiko stark erhöht, führten die Autoren Subgruppen-Analysen durch.

Der durchschnittliche Follow-up-Zeitraum betrug 5,4 Jahre (Interquartilsabstand: 3,8 bis 7,8 Jahre). 464 Kinder entwickelten bis Ende 2017 einen Typ-1-Diabetes. Das entspricht einer Inzidenzrate von 20,6 Fällen auf 100.000 Personenjahre.

Zwischen den Vakzinen verglichen

Wer vollständig mit RotaTeq® geimpft worden war, dessen adjustierte Hazard Ratio für eine spätere Diabetesdiagnose lag bei 0,98 (95% KI: 0,59-1,64). Nach nur 1 oder 2 der üblicherweise 3 Dosen lag die bereinigte Hazard Ratio bei 1,48 (95% KI: 0,79-2,74).

Mit dem monovalenten Impfstoff Rotarix® lag die aHR bei 2,03 (95% KI: 0,66-6,28) nach den üblichen 2 Impfungen und bei 2,81 (95% KI: 0,30-26,75) nach nur einer Impfung.

Für das Stillen konnten die Autoren in ihrer Subgruppenanalyse keinen signifikanten protektiven Effekt ermitteln. Hatte ein Elternteil und/oder ein älteres Geschwisterkind bereits eine Diabetesdiagnose, zeigte sich ein um den Faktor 12 erhöhtes Risiko, dass das jüngere Kind ebenfalls im Follow-up-Zeitraum erkrankte.

 
Der Beobachtungszeitraum nach Rotavirus-Impfung ist in allen Studien vergleichsweise kurz. Prof. Dr. Fred Zepp
 

Die Autoren weisen darauf hin, dass Eltern mit Typ-1-Diabetes in der Familienanamnese ihre Kinder nur halb so oft impfen ließen wie Eltern ohne Diabetes-Vorgeschichte. Sie bedauern, dass so „eine wirklich negative oder positive Assoziation zwischen der Rotavirus-Impfung und Inzidenz des Typ-1-Diabetes aufgrund des verzerrenden Bias vielleicht verborgen blieb“.

Eine weitere Limitation der Studie: Der Follow-up-Zeitraum betrug selbst bei den ältesten Teilnehmern, die 2006 geboren wurden, maximal 11 Jahre. Besonders viele Typ 1-Diabetes-Erstdiagnosen werden den Autoren zufolge in den USA jedoch im Alter zwischen 10 und 14 Jahren gestellt.

Doch kein protektiver Effekt?

Im vergangenen Jahr hatten sowohl eine Analyse aus Australien als auch eine Untersuchung aus den USA sogar nahegelegt, dass die Rotavirus-Impfung vielleicht einen protektiven Effekt gegenüber Typ-1-Diabetes haben könnte. Auch hatte es im Tiermodell Hinweise darauf gegeben, dass eine Rotavirus-Infektion die Bauchspeicheldrüse so schädigt, dass Diabetes mellitus wahrscheinlicher wird – damit wäre plausibel, dass das, was vor der schweren Durchfallerkrankung schützt, auch das Diabetesrisiko vermindert.

 
Alles in allem ist die Datenlage dafür, dass die Rotavirus-Impfung keinen nachteiligen Einfluss auf die Entwicklung eines Diabetes hat, robust. Prof. Dr. Fred Zepp
 

Glanz und sein Team konnten in ihrer Studie aber solche Zusammenhänge nicht bestätigen. Zepp betont: „Bei den bisher vorliegenden Studien handelt es sich um Registerstudien, die entweder historische Kontrollen oder, wie in der hier dargestellten Studie, relative kleine Vergleichsgruppen einschließen. Der Beobachtungszeitraum nach Rotavirus-Impfung ist in allen Studien vergleichsweise kurz. Trotzdem sind die Studien wichtig, denn sie zeigen in jedem Fall, dass die Rotavirus-Vakzine sicher an Säuglinge verabreicht werden kann.“

Ob die Rotavirus-Impfung einen protektiven Effekt habe und die Manifestation eines Typ-1-Diabetes verhindern könne, lasse sich gegenwärtig also noch nicht beantworten. Zepps Schlussfolgerung lautet: „Alles in allem ist die Datenlage dafür, dass die Rotavirus-Impfung keinen nachteiligen Einfluss auf die Entwicklung eines Diabetes hat, robust.“
 

Kommentar

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