Beobachtungsdaten bei MS: Früh eingesetzt verzögern krankheitsmodifizierende Wirkstoffe tatsächlich Behinderungen

Michael Simm

Interessenkonflikte

26. März 2020

Bei der Therapie der Multiplen Sklerose (MS) reduzieren neuere Präparate – wie Rituximab, Ocrelizumab, Alemtuzumab und Natalizumab, aber auch Mitoxantron – die Schubrate stärker als die traditionell in der Erstlinientherapie verabreichten Wirkstoffe Interferon Beta und Glatiramer-Acetat. Unklar ist, ob ein frühzeitiger bzw. unmittelbarer Beginn mit den genannten „hochwirksamen“ Präparaten langfristig die Behinderungen reduzieren kann.

Eine internationale Beobachtungsstudie zeigt nun, dass der Einsatz der krankheitsmodifizierenden Substanzen die fortschreitenden Behinderungen bei Patienten mit der schubförmigen Form der MS besser verzögert als die übliche Erstlinientherapie [1].

Retrospektive Beobachtungsstudie mit 544 MS-Patienten

Anna He von der Universität Melbourne, Australien, und ihre Kollegen erfassten in der retrospektiven, internationalen Beobachtungsstudie mit Daten des MSBase Registry und des schwedischen MS-Registers 8.775 Patienten ab 18 Jahren. Unter diesen MS-Patienten identifizierten die Autoren jene mit einer Nachbeobachtungszeit von mindestens 6 Jahren.

544 MS-Patienten wurden dann gegenübergestellt und anhand ähnlicher klinischer und demographischer Daten in zwei Gruppen geteilt: Sie hatten entweder die „hochwirksamen“ Präparate in den ersten beiden Jahren nach der Diagnose erhalten (frühe Behandlung; 277 Patienten) oder erst nach 4 bis 6 Jahren (späte Behandlung; 267 Patienten).

Primäres Studienziel war das Ausmaß der Behinderung 6 bis 10 Jahre nach Krankheitsbeginn, gemessen mit dem Expanded Disability Status Score (EDSS). Bei dieser 10 Punkte umfassenden Skala bedeuten höhere Werte einen schlechteren Zustand.

Die wichtigsten Ergebnisse

  • In der Gruppe der früh behandelten Patienten betrug der EDSS anfänglich im Durchschnitt 2,2, bei den spät behandelten 2,1. Im Median lag die Nachverfolgungszeit bei 7,8 Jahren.

  • Im 6. Jahr nach Krankheitsbeginn war der EDSS in der frühen Gruppe immer noch bei 2,2 gegenüber 2,9 in der späten Gruppe (p < 0,0001).

Der Unterschied zwischen den Gruppen vergrößerte sich noch bis zum 10. Jahr nach Beginn der Krankheit (2,3 versus 3,5; p < 0,0001). Nach Adjustierung für die Zeitdauer, während der die Patienten eine krankheitsmodifizierende Therapie erhielten, betrug der Unterschied noch 0,98 Punkte auf dem EDSS (95%-Konfidenzintervall -1,51 bis -0,45; p < 0,0001).

Krankheitsmodifizierende Substanzen als Erstlinientherapie?

Zwar handelt es sich um eine retrospektive Auswertung, die Überlegenheit der „hochwirksamen“ Therapien dürfte aber kaum durch Verzerrungen oder Selektionseffekte zu erklären sein. Die Forderung der Autoren, dass die hochpotenten Therapien bei Patienten mit aktiver, schubförmiger MS als Erstlinientherapie erwogen werden sollten, scheint daher konsequent.

Angekündigt wurden zugleich weitere Forschungen mit dem Ziel, diejenigen zu identifizieren, die von einem aggressiven therapeutischen Vorgehen am stärksten profitieren.

Dieser Artikel ist im Original erschienen auf  Univadis.de .

 

Kommentar

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