Tipps vom Arbeitsmediziner: Was Kliniken tun können, um Angestellte und deren Familienmitglieder zu schützen

Dr. Angela Speth

Interessenkonflikte

20. März 2020

Kaum eine andere Berufsgruppe ist durch die Corona-Krise so unter Druck geraten wie die Beschäftigten im Gesundheitswesen, vor allem in den oft überfüllten Notaufnahmen und Ambulanzen, aber auch in Pflegeheimen und ähnlichen Einrichtungen. Was können die Klinikleitungen einerseits und die Arbeitnehmer andererseits tun, um eine historisch derart kritische Situation zu meistern, die sich noch Wochen bis Monate hinziehen kann? Prof. Dr. James G. Adams von der Abteilung für Notfallmedizin an der Feinberg School of Medicine in Chicago hat zusammen mit Kollegen Vorschläge zusammengestellt [1].

Health Professionals besonders gefährdet

Wegen der gegenwärtigen Pandemie ist für viele medizinische Angestellte die Arbeitsbelastung enorm gestiegen, zumal wenn sie an vorderster Front stehen. Erschwerend kommt das Risiko hinzu, sich selbst zu infizieren und damit das Virus weiter zu verbreiten.

So hätten sich in China schätzungsweise 3.000 Fachkräfte mit dem Coronavirus angesteckt, mindestens 22 seien gestorben, und häufig sei die Krankheit auf Familienmitglieder übertragen worden, so Adams und Kollegen. Sie stellen Strategien vor, die zur Bewältigung der Situation beitragen können.

Wie können sich die Arbeitnehmer schützen?

  • Patienten mit COVID-19: Für die Versorgung von nachweislich Infizierten empfehlen die Centers for Disease Control and Prevention (CDC) in evidenzbasierten Richtlinien eine persönliche Ausrüstung, einschließlich Schutzanzug, Handschuhe und entweder ein Atemschutzgerät N95 plus Gesichtsschutz/Brille oder ein motorisiertes, luftreinigendes Gerät (PAPR).

  • Patienten mit Verdacht auf COVID-19: Sie sollten rasch durch Triage nach Dringlichkeit eingeschätzt und in einen gut belüfteten Raum mit einem Abstand von mindestens 1,80 m zu anderen Patienten gebracht werden, bis ein Platz auf einer Isolierstation verfügbar ist.

  • Patienten mit Atemwegserkrankungen: Auch hier gilt die strikte Einhaltung der empfohlenen Vorsichtsmaßnahmen: den Ankommenden eine Gesichtsmaske anlegen, ihnen Papiertücher aushändigen, sie zu Husten-Etikette und Handhygiene auffordern, Oberflächen dekontaminieren.
    Ein Problem kann sein, dass zur Untersuchung aller Patienten mit Atemwegserkrankungen nur wenige N95-Masken und PAPR vorhanden sind. Dann helfen auch medizinische Masken, wie eine Studie zu Grippeviren in ambulanten Praxen nachweist: Haben sowohl Patienten als auch Pflegepersonen diesen Schutz getragen, war die Inzidenz von laborbestätigten Erkrankungen bei den Beschäftigten ähnlich wie mit N95-Masken.

  • Alle anderen Patienten: Vorsicht ist generell angebracht, weil es unter den Hilfesuchenden Infizierte noch ohne Diagnose geben kann, manche mit leichten oder untypischen Symptomen. Auch asymptomatische Menschen übertragen die Krankheit, wenn auch seltener als manifest erkrankte.

  • Desinfektion persönlicher Gegenstände: Die Mitarbeiter sollten ihren Arbeitsbereich und ihre eigenen Sachen wie Stethoskop, Festnetz- und Mobiltelefon, Tastatur, Diktiergerät oder Namensschilder regelmäßig desinfizieren.

Welche Maßnahmen sollten Arbeitgeber im Klinikum umsetzen?

  • Oberflächendekontamination: Oberflächen keimfrei zu halten sei ein weiterer Schlüssel zur Sicherheit, denn der Erreger könne auf Materialien einige Tage überdauern, werde aber durch Viruzide effektiv abgetötet, erinnern die Autoren. Mitzuerleben, dass auf Dekontamination große Sorgfalt verwendet werde, wirke zudem beruhigend auf gestresste und besorgte Betreuer, Patienten und Besucher. Ihr Rat: „Reinigungsfirmen sollten den Auftrag erhalten, ständig berührte Oberflächen, etwa Lichtschalter, Arbeitsplatten, Stuhlarme, Rolltreppengeländer, Aufzugknöpfe, Tür- und sonstige Griffe noch öfter als bisher zu säubern.“

  • Unterstützung neuer Standorte: Wird ein Behandlungszentrum für COVID-19-Patienten eröffnet, benötigt man möglicherweise das Fachwissen von Ärzten und Pflegekräften, die schon Erfahrungen gesammelt haben, etwa zu telemedizinischen Diensten, Patienten-Hotlines und telefonischer Triage.

Fürsorge für Mitarbeiter – was macht noch Sinn?

  • Schulungen zu Barriere-Vorkehrungen und Hygienepraktiken fördern den Schutz. Dabei sei es wichtig, den Teilnehmern ihre eigene Sicherheit als oberstes Ziel ans Herz zu legen, stellt Adams klar. Ein sachlicher Ton werde aufkommende Panikgefühle und Beunruhigung besänftigen.

  • Selbstbeobachtung: Die Mitarbeiter müssen angehalten werden, sich selbst zu überwachen und Krankheitszeichen unverzüglich zu melden. Es versteht sich von selbst, dass sie sich nicht mehr an der Patientenversorgung beteiligen dürfen, sobald sie infektiöse Symptome bemerken.

  • Priorität bei Tests und Therapien: Falls Tests Mangelware werden, sollte das Gesundheitspersonal Vorrang bekommen. Diesen Grundsatz empfehlen Adams und Kollegen auch für den Fall, dass künftig Impfungen und Therapien zur Verfügung stehen.

  • Vermeiden von Überlastung: Manche Ärzte und Pflegekräfte arbeiten unter Bedingungen, die mit einem hohen Infektions- und Mortalitätsrisiko einhergehen. Hier müssen die Verantwortlichen entscheiden, wer von solchen Gefahrenpunkten abgezogen werden sollte und wie lange.

  • Reisen und Versammlungen: Um einem Engpass an medizinischem Personal vorzubeugen, aber auch um die Sicherheit zu gewährleisten, sagen Organisatoren Konferenzen ab, verbieten Dienstreisen, etwa zu Fachtagungen, und empfehlen zudem, persönliche Reisen zu unterlassen und allgemein Menschenansammlungen zu meiden. Die Beschränkungen gelten nicht nur für Krisenregionen, sondern auch für weniger betroffene nationale und internationale Ziele.

Welche Schutzplanung für die Familie empfehlen Experten?

  • Sorge um nahestehende Menschen: „Während Beschäftigte des Gesundheitswesens vielfach für sich selbst eine erhöhte Infektionsgefahr als Teil ihres gewählten Berufes akzeptieren, sorgen sie sich wegen einer Übertragung in der Familie“, heißt es im Artikel. Die Befürchtungen beziehen sich besonders auf ältere, immungeschwächte oder chronisch kranke Angehörige. Zwar sprechen CDC und die Occupational Safety and Health Administration klare Empfehlungen aus, dennoch ist nach Ansicht von Adams gegenwärtig mehr erforderlich.

  • Vorrang auch für die Familie: Mitarbeiter könnten sich erkundigen, ob ihre Familienangehörigen eventuell bevorzugt getestet, in Zukunft auch geimpft und behandelt werden. Eine Zusicherung würde das Vertrauen der Angestellten stärken.

  • Arbeitsbeginn und Dienstende in der Klinik: Festzulegen wäre, wie und wo die Beschäftigten bei Arbeitsbeginn ihre Alltagskleidung ablegen und ihre Berufskleidung anziehen. Und wie sie umgekehrt beim Wechsel nach Dienstschluss vorgehen.

  • Verhalten bei der Ankunft zu Hause: Adams plädiert dafür, auch zu diesem Punkt ein Protokoll zu erstellen, obwohl für den Nutzen noch Belege fehlen: „Wie verfährt der Mitarbeiter, wenn er nach Hause zurückkehrt? Wo zieht er seine Schuhe aus? Wäscht er gleich seine Kleidung, stellt er sich sofort unter die Dusche?“, zählt Adams als Themen auf.

  • Gestaltung der Wohnung: Gemeinsam mit den Angestellten könnten Klinikmanager Alternativen zu den bisherigen häuslichen Abläufen überlegen. Zum Beispiel, das Bad und das Wohnzimmer vom Bereich der übrigen Familie zu trennen. Experten können zudem Hinweise zur Dekontamination von Oberflächen zu Hause geben, einschließlich wirksamer Produkte und Techniken.

  • Balance zwischen einem Zuviel und Zuwenig: „Bei all diesen Schritten ist jedoch ein gewisses Gleichgewicht zu wahren, da ein Übermaß an Anweisungen Ängste schüren kann“, betonen Adams und Kollegen. Aber: Einerseits machen lange Dienstzeiten zusätzliche Vorbereitungen und Aktionen im Haus zu einer Herausforderung, haben andererseits zugleich einen günstigen Effekt: Putzen beruhigt.

  • Persönliche Gespräche: Mit einem Angestellten über Erfahrungen, Verbesserungsvorschläge und Kritikpunkte zu sprechen kann dazu beitragen, die Lage in den Griff zu bekommen. Der Schwerpunkt sollte auf Unterstützung liegen, auf klaren Vorgaben und der Korrektur von Fehlinformationen.

  • Kommunikation: Die Experten raten Führungskräften außerdem, Informations- und Feedback-Sitzungen mit der Belegschaft einzuplanen: „Eine transparente und durchdachte Kommunikation wird das Vertrauen fördern und den Mitarbeitern das Gefühl geben, die Situation unter Kontrolle zu haben“, schreiben sie.

  • Stärkung: Wenn Beschäftigte nicht nur beruflich, sondern auch privat unterstützt werden, lässt sich die Leistungsbereitschaft langfristig besser aufrechtzuerhalten. So sollten sie die Gewissheit erhalten, dass sie sich sowohl genügend ausruhen als auch um persönliche Angelegenheiten kümmern können, etwa um die Betreuung von Kindern oder älteren, pflegebedürftigen Personen.

  • Konzentration aufs Wesentliche: Die Befreiung der Ärzte und des Verwaltungsteams von nachrangigen Verpflichtungen erleichtert es ihnen, sich aufs unmittelbar Notwendige zu konzentrieren: „Gute Verpflegung, Ruhepausen, Entlastung und angemessene Freizeit stellt eine Schutzausrüstung im übertragenen Sinn bereit, da aus Tagen Wochen und aus Wochen Monate werden können“, so Adams und Kollegen.

 

Kommentar

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