Kinder kommen mit SARS-CoV-2 besser zurecht als Erwachsene – dennoch gilt es für Ärzte und Umfeld einiges zu beachten

Anke Brodmerkel

Interessenkonflikte

19. März 2020

Bei Corona scheint alles anders zu sein. Kinder gelten meist als besonders gefährdet für Infektionen – doch vor COVID-19 sind sie offenbar besser geschützt als Erwachsene. Aktuellen Studien zufolge stecken sich Kinder zwar ähnlich leicht mit dem Erreger SARS-CoV-2 an. Aber sie erkranken nach bisherigen Erfahrungen sehr viel seltener an COVID-19 als erwachsene Menschen.

Und wenn sie doch erkranken, haben sie meist viel mildere Symptome: ein bisschen Husten und Halsweh vielleicht oder auch mal leichter Durchfall. An Fieber hingegen leidet vermutlich nur etwa jedes 3. mit SARS-CoV-2 infizierte Kind.

In China war nur etwa jeder 100. Patient jünger als 9 Jahre

Für die bisher größte Studie zum Verlauf von COVID-19 haben Wissenschaftler der chinesischen Gesundheitsbehörde CCDC (Chinese Center for Disease Control and Prevention) knapp 45.000 Fälle der Viruserkrankung untersucht [1].

Demnach fanden sich unter den Patienten gerade einmal 416 Kinder unter 9 Jahren. Das entspricht rund 1%. Ältere Kinder und Jugendliche zwischen 9 und 19 Jahren machten 1,2% der Fälle aus. Bisherigen Beobachtungen zufolge zeichnet sich in anderen Ländern ein ähnliches Bild ab.

Womöglich gelangen bei Kindern weniger Viren in die Zellen 

Woran das liegt, können Wissenschaftler derzeit noch nicht mit Sicherheit sagen. „Zunächst einmal verfügen junge Menschen in der Regel über ein besseres Immunsystem als ältere“, sagt Prof. Dr. Thomas Kamradt, der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Immunologie (DGfI) und Leiter des Instituts für Immunologie am Universitätsklinikum Jena, im Gespräch mit Medscape.

Darüber hinaus könnte es Kamradt zufolge aber noch einen weiteren, spezifischeren Grund geben, warum COVID-19 bei Kindern milder verläuft: „Womöglich produziert ihr Körper geringere Mengen eines Proteins, das auf der Oberfläche von Zellen sitzt und dem Virus dort quasi als Türöffner dient“, sagt der Immunologe. „Wenn das so ist, würden weniger Viren in die Zellen gelangen.“ Nur in den Zellen aber können sich die Erreger vermehren.

 
Zunächst einmal verfügen junge Menschen in der Regel über ein besseres Immunsystem als ältere. Prof. Dr. Thomas Kamradt
 

Prof. Dr. Marcus Mall, der Leiter der Klinik für Pädiatrie mit Schwerpunkt Pneumologie, Immunologie und Intensivmedizin an der Charité - Universitätsmedizin Berlin, kann sich darüber hinaus noch vorstellen, dass die Immunantwort der Kinder auf das Virus anders verläuft als bei Erwachsenen und daher zu einer weniger schweren Schädigung der Lungen führt.

 
Womöglich produziert ihr Körper geringere Mengen eines Proteins, das auf der Oberfläche von Zellen sitzt und dem Virus dort quasi als Türöffner dient. Prof. Dr. Thomas Kamradt
 

„Fakt ist aber, dass wir die Gründe, aus denen Kinder meist leichter erkranken, noch nicht wirklich kennen“, sagt Mall gegenüber Medscape. Dazu sei die Krankheit einfach noch zu neu.

Kinder stecken sich sogar häufiger an als Erwachsene

Ob Kinder sich tatsächlich seltener anstecken oder ob ihr Körper nur anders auf die Infektion mit Sars-CoV-2 reagiert, haben Forscher der Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health in Baltimore untersucht [2].

Qifang Bi und seine Kollegen analysierten dazu 391 COVID-19-Fälle in der chinesischen Stadt Shenzhen sowie 1.286 enge Kontakte der Patienten. Ihrer Studie zufolge steckten sich Kinder sogar noch etwas häufiger an als Erwachsene. Bei Kindern unter 10 Jahren lag die Infektionsrate bei 10,7%. Betrachteten die Wissenschaftler alle Altersgruppen zusammen, waren es 7,9%.

In einer anderen, kleineren Studie haben Mediziner von der Abteilung für Radiologie am Third People's Hospital in Shenzhen 15 positiv auf Sars-CoV-2 getestete Kinder zwischen 4 und 14 Jahren genauer untersucht [3].

Nur 5 der Kinder hatten Symptome wie Husten und Fieber entwickelt. CT-Aufnahmen zeigten allerdings, dass immerhin 9 Kinder in ihren Lungen verschiedene Opazitäten aufwiesen, also typische Zeichen einer Entzündung. Inwieweit diese Ergebnisse repräsentativ sind, bleibt aber natürlich noch abzuwarten.

Nur sehr vereinzelt erkranken auch Kinder schwer

Ganz ausgeschlossen ist es zudem nicht, dass auch Kinder schwer an COVID-19 erkranken. So berichtet eine Gruppe um Dr. Weiyong Liu vom Tongji Hospital der Huazhong University of Science and Technology im chinesischen Wuhan im New England Journal of Medicine, dass COVID-19 schon in der frühen Phase des Sars-CoV-2-Ausbruchs in Wuhan in sehr seltenen Fällen auch bei Kindern mittelschwere bis schwere Atemwegsprobleme verursachte [4].

Eines der 6 in Krankenhäuser eingelieferten Kinder musste demnach im Januar 2020 auf der Intensivstation behandelt werden. Alle Kinder überlebten die Erkrankung jedoch.

Bestätigt werden die bisherigen Beobachtungen von einer jetzt ebenfalls im NEJM veröffentlichten Untersuchung von 1.391 Kindern, die engen Kontakt zu vermutlich oder nachweislich infizierten Menschen hatten [5]. Wie die chinesischen Wissenschaftler um Dr. Xiaoxia Lu vom Wuhan Children’s Hospital berichten, konnte Sars-CoV-2 bei 171 (12,3%) der Kinder nachgewiesen werden. Im Mittel waren die Patienten 6,7 Jahre alt.

Häufige Symptome waren Husten und Halsrötungen, Fieber trat bei 41,5% der Erkrankten auf. 15,8% der infizierten Kinder blieben symptomfrei. 3 Kinder (0,2%) benötigten intensivmedizinische Betreuung, sie alle hatten Vorerkrankungen. Ein 10 Monate altes Kind mit einer Darminvagination starb an Multiorganversagen. Verglichen mit Erwachsenen habe man bei den Kindern insgesamt jedoch einen milderen Verlauf der Erkrankung beobachten können, schreiben die Mediziner um Lu.

Auch symptomfreie Kinder können ansteckend sein

Unklar ist bislang, wie ansteckend ein mit dem Coronavirus infiziertes Kind ist, das kaum oder gar keine Krankheitssymptome zeigt. „Fest steht, dass infizierte Kinder das Virus ausscheiden und damit andere Menschen potenziell anstecken können“, sagt Prof. Dr. Melanie Brinkmann, die Leiterin der Arbeitsgruppe Virale Immunmodulation am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) in Braunschweig, im Gespräch mit Medscape.

Allerdings wisse man von anderen Infektionserkrankungen, dass Kinder beim Husten oder Niesen aufgrund des kleineren Volumens ihrer Lungen weniger Erreger an die Umgebung abgeben, als es Erwachsene tun, sagt der Berliner Mediziner Mall. Aus diesem Grund seien Kinder in der Regel auch etwas weniger infektiös. „Ob das allerdings bei COVID-19 – einer Erkrankung, die ja ebenfalls überwiegend per Tröpfcheninfektion weitergegeben wird – genauso ist, wissen wir noch nicht mit Sicherheit“, sagt Mall.

 
Fest steht, dass infizierte Kinder das Virus ausscheiden und damit andere Menschen potenziell anstecken können. Prof. Dr. Melanie Brinkmann
 

Er und der DGfI-Präsident Kamradt halten es für sehr wahrscheinlich, dass selbst Kinder, die völlig symptomfrei bleiben, den Erreger übertragen können. Zumindest kenne man solche Fälle von anderen Viruserkrankungen, sagt Kamradt. Wie lange die Kinder ansteckend sind, ist noch unbekannt. Mall geht davon aus, dass es sich um einen Zeitraum von mehreren Wochen handelt.

Nicht alle hustenden Kinder können jetzt auf Sars-CoV-2 getestet werden

Wie Eltern und Ärzte mit Kindern, die beispielsweise husten, zurzeit am besten umgehen, ist für die Experten ebenfalls eine nur schwer zu beantwortende Frage. „Die Labordiagnostik in Deutschland hat gar nicht die Kapazitäten, jetzt alle Menschen, die an Erkältungssymptomen leiden, auf das neue Coronavirus zu testen“, sagt die Brauschweiger Virologin Brinkmann. Von daher empfiehlt sie, Kinder derzeit – insbesondere, wenn sie husten – vor allem von älteren Menschen, also auch von den Großeltern, und solchen mit Vorerkrankungen fernzuhalten.

 
Die Labordiagnostik in Deutschland hat gar nicht die Kapazitäten, jetzt alle Menschen, die an Erkältungssymptomen leiden, auf das neue Coronavirus zu testen. Prof. Dr. Melanie Brinkmann
 

Auch könne man insbesondere größere Kinder dazu anhalten, mehr Abstand als sonst zu Freunden und anderen Menschen einzuhalten, sich beispielsweise nicht mehr zu umarmen oder einander die Hand zu geben, sagt Brinkmann. „Gerade im häuslichen Umfeld ist es aber fast unmöglich, eine Ansteckung untereinander mit Sicherheit zu vermeiden – zumindest bei symptomfreien Verläufen der Erkrankung“, betont sie.

Keine privaten Feiern – aber nach draußen sollen Kinder trotzdem gehen

„Sehr viele Kinder husten zurzeit“, sagt Mall. Schließlich sei auch die Erkältungssaison noch immer in vollem Gange. Seine Empfehlung sei daher, diese Kinder ganz normal am Leben teilhaben zu lassen – zumindest so normal, wie es unter den momentanen Umständen möglich ist – und erst dann einen Arzt aufzusuchen oder den Kontakt zu Geschwistern zu begrenzen, wenn andere Symptome, etwa Fieber, hinzukommen.

Zu erhöhter Vorsicht rät allerdings auch Mall, wenn es beispielsweise um einen Besuch bei den Großeltern oder anderen Bezugspersonen mit einem erhöhten Erkrankungsrisiko geht. „Diese Kontakte sollten derzeit so weit wie möglich vermieden werden“, empfiehlt der Mediziner. Auch Geburtstags- oder ähnliche Feiern sollen den Experten zufolge besser zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt werden.

Insbesondere für Eltern hält Brinkmann, die selbst Mutter ist, noch ein paar weitere wichtige Ratschläge bereit: „Gehen Sie mit Ihren Kindern auch weiterhin an die frische Luft, sorgen Sie für Bewegung und geistige Beschäftigung.“ Allerdings sollte auch draußen, so rät sie, zu anderen Menschen, wenn irgendwie möglich ein Abstand von mindestens 2 Metern eingehalten werden.

Alle nicht notwendigen Arztbesuche sollten derzeit abgesagt werden

Speziell für Kinder- und Allgemeinärzte hat die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) gemeinsam mit weiteren Fachgesellschaften und Berufsverbänden Empfehlungen herausgegeben, die ausführlich auf der Website der DGPI nachzulesen sind. Die wichtigsten Botschaften lauten demnach:

  • Aktuell sollten Kinder, die mit einer schwerwiegenden Erkrankung der Atemwege stationär aufgenommen werden müssen, auf das Virus getestet werden. Bei Kindern, die ambulant behandelt werden, erfolgt eine gezielte Testung nur nach Rücksprache mit dem vor Ort zuständigen Gesundheitsamt oder auf dessen Veranlassung.

  • Sowohl bei einem begründeten Verdachtsfall (Kontakt zu bestätigtem Covid-19-Fall oder Aufenthalt in einem Risikogebiet) als auch bei einem Fall unter differenzialdiagnostischer Abklärung ist ein ambulantes Management unter bestimmten Voraussetzungen empfehlenswert: leichter Erkrankungsgrad, Fehlen von Risikofaktoren, Compliance bezüglich der Verhaltensempfehlungen und die Möglichkeit einer jederzeitigen Wiedervorstellung bei Verschlechterung.

  • Schutz für das medizinische Personal bietet – zusätzlich zur hygienischen Händedesinfektion – eine aerosoldichte Atemschutzmaske (FFP2) und eine Schutzbrille (neben Schutzkitteln und Handschuhen).

  • Besuche in der Praxis sollten auf das notwendige Maß beschränkt werden. Bei größeren Erkrankungszahlen müssen alle nicht notwendigen Maßnahmen verschoben werden. Wichtig ist allerdings ein rasches Nachholen von ausstehenden oder fehlenden Impfungen, insbesondere Pertussis- und Masernimpfung, sowie die Durchführung von Indikationsimpfungen (Pneumokokken, Influenza) gemäß den Empfehlungen der Stiko.

  • Ein Arzt- oder Ambulanzbesuch sollte bei schweren Atemwegsinfektionen (z.B. Fieber mit angestrengter, beschleunigter Atmung, schlechter Allgemeinzustand, unzureichende Flüssigkeitszufuhr) erfolgen. Hilfreich ist hierbei die Durchführung rasch verfügbarer Schnelltests auf Influenza- und Respiratorische Syncytial-Viren (RSV). Patienten mit Atemwegsinfektionen und ihre Begleitpersonen sollten sich bereits bei Betreten der Praxis (oder der Notfallambulanz) die Hände desinfizieren und einen Mund-Nasen-Schutz anlegen.
     

Kommentar

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