Frauenkrankheiten durch Superandrogene?: 11-oxygenierte Androgene könnten Hormonstoffwechsel stören – auch bei Kindern

Antje Sieb

Interessenkonflikte

12. März 2020

Gießen – Bezüglich der Wirkung männlicher Hormone müssen die medizinischen Lehrbücher umgeschrieben werden. Davon ist der Gießener Endokrinologe Prof. Dr. Stefan Wudy überzeugt. Auf dem Deutschen Kongress für Endokrinologie berichtete er über die neuen Erkenntnisse [1].

„Bisher kannten wir nur sehr schwache Androgene, die in der Nebenniere produziert werden“, sagte Wudy. Die nun wiederentdeckten „Superandrogene“, wie sie Wudy bezeichnet, gelten allerdings nach den neuen Forschungsergebnissen als mindestens genauso wirksam wie Testosteron. „Das sind die stärksten männlichen Hormone, die wir kennen“, betonte Wudy auf dem Kongress.

 
Bei Kindern und Frauen ist das wichtigste Androgen aber wahrscheinlich 11-Ketotestosteron. Prof. Dr. Richard Auchus
 

Die 11-oxygenierten Androgene sind schon seit Jahrzehnten als Fisch-Androgene bekannt. „Man wusste, dass bei Knochenfischen 11-Keto-Testosteron das Hauptandrogen ist“, erklärte Prof. Dr. Richard Auchus von der University of Michigan, USA. Beim Menschen hielt man sie aber lange Zeit für vergleichsweise unwichtig. Sie werden auch nicht in Hoden oder Eierstöcken, sondern in der Nebenniere produziert.

Testosteron sei zwar immer noch das wichtigste Androgen bei erwachsenen Männern. „Bei Kindern und Frauen ist das wichtigste Androgen aber wahrscheinlich 11-Ketotestosteron“, so Auchus. Also ein Vertreter der „Superandorgene“.

Verschiedene Erkrankungen der Nebenniere, wie etwa kongenitale Nebennierenhyperplasien, könnten beispielsweise mit einer erheblichen Mehrproduktion der „Superandrogene“ einhergehen, so Wudy. Dann drohe der Stoffwechsel der männlichen Hormone aus dem Ruder zu laufen.

Bedeutsam vor allem für Frauen?

Besonders für die Gesundheit von Frauen könnten die 11-oxygenierten Androgene eine große Bedeutung haben. „Wenn bestimmte Störungen im Androgen-Stoffwechsel auftreten, dann sieht es mittlerweile so aus, als ob es diese Superandrogene sein könnten, die die Beschwerden verursachen“, erklärte Wudy.

Sie könnten bei jungen Mädchen zu Störungen der Pubertät führen. Auch am polyzystischen Ovarsyndrom (PCOS) könnten sie beteiligt sein. Bei PCOS leiden Patientinnen bekanntlich häufig unter erhöhten Androgen-Spiegeln, unregelmäßigem Zyklus und Empfängnisproblemen. Auch Hirsutismus ist ein häufiges Symptom. Zudem haben Patientinnen ein erhöhtes Risiko für Übergewicht und Diabetes. Die genauen Ursachen sind dabei allerdings noch unklar, diskutiert werden unter anderem genetische und epigenetische Einflüsse.

 
Wenn bestimmte Störungen im Androgen-Stoffwechsel auftreten, dann sieht es mittlerweile so aus, als ob es diese Superandrogene sein könnten, die die Beschwerden verursachen. Prof. Dr. Stefan Wudy
 

In einer ersten Studie wurden bei Patientinnen erhöhte Werte der 11-oxygenierten Androgene im Vergleich zu Kontrollen gemessen. Daher werden diese Androgene jetzt auch als potentielle neue Biomarker diskutiert, um erhöhte Androgen-Spiegel bei der Erkrankung besser einschätzen zu können. „Man muss das mit einbeziehen, es sollte mitberechnet werden, wenn man die gesamte Androgen-Aktivität messen möchte“, erklärte Auchus.

Kein Routineverfahren

Allerdings sind solche Laborwerte bisher alles andere als Standard. „Es gibt weltweit vielleicht sechs Labors, die solche Messungen häufig durchführen“, erklärte Auchus. Man sei gerade erst dabei, die Resultate und Messmethoden zwischen den Labors abzugleichen, um besser vergleichbare Ergebnisse zu bekommen.

Bisher seien zwar Zahlen aus demselben Labor direkt vergleichbar, aber bei absoluten Messwerten aus unterschiedlichen Laboren sei das noch fraglich. „Uns steht zurzeit noch kein geeigneter Test zur Verfügung, mit dem wir routinemäßig die Konzentration der 11-oxygenierten Androgene im Blut bestimmen können“, bedauert auch Prof. Dr. Matthias Weber, Endokrinologe an der Universität Mainz.

 
Uns steht zurzeit noch kein geeigneter Test zur Verfügung, mit dem wir routinemäßig die Konzentration der 11-oxygenierten Androgene im Blut bestimmen können. Prof. Dr. Matthias Weber
 

Wudy sieht die Superandrogene auch als potentielles neues Ziel für Medikamente: „Durch dämpfende Medikation könnte man ein Herunterregulieren der Nebenniere erreichen, so dass weniger dieser Androgene produziert werden. Oder man gibt direkt Antagonisten – aber da stehen wir erst am Anfang.“

Denn es gebe noch viele ungeklärte Fragen, betont Auchus im Gespräch mit Medscape. „Wir versuchen herauszufinden, wo in der Nebenniere die 11-oxygenierten Androgene genau herkommen und was ihre Produktion reguliert.“ Eine interessante Frage sei beispielsweise, ob etwa hohe Insulinspiegel die Produktion der neuen Androgene verstärken könnten.

 

Kommentar

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