Insulin, Testosteron, Schilddrüse: Hormone sollten im Alter nur mit Bedacht eingesetzt werden

Antje Sieb

Interessenkonflikte

12. März 2020

Gießen – Hormonersatz kann das Altern nicht aufhalten. Und bei der Hormonbehandlung im Alter sei sogar besonderes Fingerspitzengefühl erforderlich, sagte der Aachener Geriater Prof. Dr. Cornelius Bollheimer auf dem Deutschen Kongress für Endokrinologie [1]. „Die Referenzwerte werden im Alter immer breiter“, erklärte Bollheimer in Gießen.

Geschlechtshormone, Wachstumshormone, Melatonin oder De-Hydro-Epi-Androsteron (DHEA) bei alten Menschen als Anti-Aging einzusetzen, sei nicht effektiv. Entsprechende Versuche fasst der Direktor der Klinik für Altersmedizin am Universitätsklinikum Aachen mit knappen Worten zusammen: „Viel gebracht hat das nicht.“

Diabetestherapie im Alter

Der typische geriatrische Patient sei über 70, leide unter Mehrfacherkrankungen und sei daher nur bedingt belastbar. Daher gelte es, Kompromisse zu finden, statt sich an strengen Normwerten zu orientieren. Als Beispiele nannte Bollheimer das Vorgehen in der Altersdiabetologie.

Möglichst normale Werte erreichen zu wollen, kann bei alten Menschen offenbar kontraproduktiv sein. Nicht nur erhöhte Sturzneigung und damit verbundenes Frakturrisiko seien damit verbunden, sondern sogar eine Demenz-fördernde Wirkung schon von einzelnen Hypoglykämie-Episoden werde diskutiert, erklärt Bollheimer. „Dementsprechend plädieren wir Geriater für liberalere Blutzucker-Ziele als beim jüngeren Menschen.“

 
Wir Geriater plädieren für liberalere Blutzucker-Ziele als beim jüngeren Menschen. Prof. Dr. Cornelius Bollheimer
 

Dazu komme, dass sich bei alten Menschen das kardiovaskuläre Risiko durch die strenge Blutzuckereinstellung offenbar nicht reduziere. „Eine Verzögerung der diabetischen Folgeerkrankungen beim alten Menschen durch eine besonders normnahe Einstellung gibt es wahrscheinlich nicht“, sagte Bollheimer.

Fachgesellschaften wie die American Diabetes Association (ADA) tragen dem Rechnung: Der Nüchtern-Blutzucker darf bei gebrechlichen Patienten danach schon mal bei 130 mg/dl liegen, und auch in Deutschland empfehlen medizinische Fachgesellschaften für alte Patienten höhere Zielwerte beim Langzeitblutzuckerwert HbA1c.

Subklinische Schilddrüsen-Unterfunktion

Als weiteres Beispiel nannte Bollheimer die subklinische Schilddrüsen-Unterfunktion. Dabei befindet sich das Hormon FT4 noch im Normalbereich, die Patienten sind beschwerdefrei, doch das Steuerhormon TSH ist erhöht. Während bei jüngeren Patienten eine Hormonbehandlung empfohlen wird, um die Schilddrüse zu entlasten, solle das bei älteren Patienten nur in Ausnahmefällen geschehen.

„Da hat man noch vor 10 Jahren die Ansicht vertreten, dass eine subklinische Hyperthyreose bei alten Menschen die Kognition schädigen kann. Das ist aber mittlerweile durch entsprechende Studien widerlegt“, erläuterte Bollheimer. Die Leitlinien hätten den TSH-Wert, ab dem mit einer Behandlung begonnen werden soll, bei älteren Menschen auf 10 mU/l erhöht.

Keine Wechseljahre bei Männern

Die größten Missverständnisse beständen bei der Testosteron-Behandlung des alten Mannes, so der Experte. Wechseljahre beim Mann gebe es nicht, die Hormonproduktion nehme zwar im Alter ab, das sei aber sehr individuell. „Ich warne vor Testosteron in der Geriatrie“, sagte Bollheimer.

Im Rahmen der Testosterone Trials wurde bei über-65-jährigen Männern Testosteron substituiert. Das Geschlechtshormon habe dabei weder gegen Muskelschwäche noch gegen Gebrechlichkeit viel geholfen. Und es sei ungenügend geklärt, ob das Risiko für Herzinfarkt oder Schlaganfall durch zu liberale Testosterongaben erhöht werde.

 
Ich warne vor Testosteron in der Geriatrie. Prof. Dr. Cornelius Bollheimer
 

„Die Wissenschaft hat uns mittlerweile eine ‚Red Flag‘ aufgezeigt, und bevor dieses Problem nicht gelöst ist, würde ich ganz klar sagen, Testosteron hat in der Geriatrie nichts zu suchen“, bekräftigt Bollheimer. Testosterongaben seien lediglich in der Sexualmedizin gerechtfertigt, bei Patienten, die nicht gebrechlich, sondern vital seien.

Aber: „Die Potenz wird dadurch auch nicht besser“, ergänzte Prof. Dr. Matthias Weber, Leiter des Schwerpunktes Endokrinologie und Stoffwechselerkrankungen am Uniklinikum Mainz. „Was wir damit erreichen können, ist eine leichte Zunahme der Libido.“

 

Kommentar

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