Barmer Arztreport 2020: Noch immer lange Wartezeiten bis zur Psychotherapie – helfen Gruppentherapie und Videosprechstunde?

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

10. März 2020

Wie steht es um die Psychotherapie in Deutschland? Auch nach der Reform der Psychotherapie-Richtlinie muss jeder 3. Patient mindestens 4 Wochen und fast jeder 10. Patient mehr als 3 Monate auf einen Therapieplatz warten. Und jeder 3. Patient, der eine Psychotherapie wahrnimmt, ist mit der Therapie nicht zufrieden. Das ist das Ergebnis des jetzt veröffentlichten Barmer Arztreports 2020 [1].

Laut Report brauchen immer mehr Menschen in Deutschland eine Psychotherapie: 2018 suchten 2,33 Millionen Patienten einen Therapeuten auf – das sind 41% mehr als noch 2009.

Die Psychotherapie-Richtlinie war 2017 mit dem Ziel reformiert worden, Patienten einen besseren und schnelleren Zugang zur Psychotherapie zu ermöglichen. „Die Reform der Psychotherapie-Richtlinie hat zwar den Zugang zu psychotherapeutischer Ersthilfe erleichtert, reicht aber nicht aus. Die Wartezeiten auf einen Therapieplatz sind nach wie vor zu lang, zumal sich psychische Probleme chronifizieren können“, kommentiert der Vorstandsvorsitzende der Barmer, Prof. Dr. Christoph Straub, in einer Pressemitteilung die Ergebnisse des Reports.

 
Die Reform der Psychotherapie-Richtlinie hat zwar den Zugang zu psychotherapeutischer Ersthilfe erleichtert, reicht aber nicht aus. Prof. Dr. Christoph Straub
 

Mehr Gruppentherapien

Wie der Arztreport zeigte, erhalten 94,4% der Patienten Einzeltherapien. Kein guter Ansatz, meint die Barmer. „Die Therapeuten sollten verstärkt Gruppentherapien anbieten, wenn es medizinisch sinnvoll ist“, sagt Straub.

Die seien zwar kein Allheilmittel, hätten aber den Vorteil, dass die Patienten gemeinsam an der Lösung ihrer Probleme arbeiten könnten. Hier seien auch die Verbände in der Pflicht, bei den Therapeuten verstärkt für Gruppentherapien zu werben.

 
Die Therapeuten sollten verstärkt Gruppentherapien anbieten, wenn es medizinisch sinnvoll ist. Prof. Dr. Christoph Straub
 

Psychotherapeutische Sprechstunde 9 Millionen Mal abgerechnet 

Seit der Reform der Psychotherapie-Richtlinie müssen Praxen eine psychotherapeutische Sprechstunde anbieten. In dieser Sprechstunde wird entschieden, ob eine Therapie notwendig ist, und wenn ja, wie dringend sie ist. Laut Arztreport wurde diese Sprechstunde allein im ersten Jahr nach der Reform 9 Millionen-mal abgerechnet.

„Die Psychotherapeutische Sprechstunde hat sich bewährt. Sie wird millionenfach frequentiert und findet bei den Betroffenen positiven Anklang“, sagt Prof. Dr. Joachim Szecsenyi, einer der Autoren des Barmer Arztreports und Geschäftsführer des aQua-Instituts (Institut für angewandte Qualitätsförderung und Forschung im Gesundheitswesen) in Göttingen. 90% der Patienten hätten positiv hervorgehoben, wie umfassend die Therapeuten auf ihre Anliegen eingegangen seien.

 
Die Psychotherapeutische Sprechstunde hat sich bewährt. Prof. Dr. Joachim Szecsenyi
 

Kritik an Terminservicestellen

Weniger gut kamen hingegen die Terminservicestellen an. Nicht einmal jeder 2. Befragte war mit dem vermittelten Termin zur Sprechstunde zufrieden. Bemängelt wurden Schwierigkeiten, die Therapie mit dem Beruf zu vereinbaren, die Uhrzeit, zu der die Therapie stattfinden sollte, und auch die Entfernung zum Therapeuten, an der nur jeder 2. Befragte nichts auszusetzen hatte.

„Die Terminservicestellen sorgen für einen schnellen Erstberatungstermin. Der Patient hat aber kein Anrecht darauf, dass der Therapeut in nächster Nähe ist. Wenn es nicht anders geht, müssen die Servicestellen leider an einen weiter entfernten Experten vermitteln“, erklärt Szecsenyi.

„Denkanstöße zum eigenen Handeln“

89% der Befragten waren mit dem Vertrauensverhältnis zu ihrem Therapeuten sehr zufrieden. Nur 66% waren allerdings mit dem Ergebnis der Therapie zufrieden. Jeder 3. war teilweise oder ganz unzufrieden mit den Resultaten.

„Viele Patientinnen und Patienten wünschen sich eine konkrete Lösung für ihre Probleme. Eine Psychotherapie deckt aber eher Verhaltensmuster auf und gibt Denkanstöße zum eigenen Handeln. Deshalb ist es wichtig, dass die Therapeuten den Patientinnen und Patienten zu Beginn klar formulieren, was sie sich von einer Therapie erhoffen können“, sagt Straub.

Mehr Therapeuten, aber immer mehr reduzieren ihre Arbeitszeit

Dem Arztreport zufolge gab es 2018 mehr als 36.500 Ärzte und Therapeuten mit einer psychotherapeutischen Qualifikation. Seit 2009 stieg die Zahl der psychologischen Psychotherapeuten damit um 54% von 13.700 auf 21.000. Und auch die Zahl der ambulant tätigen Kinder- und Jugendpsychotherapeuten hat sich mehr als verdoppelt: von rund 2.600 auf etwa 5.500.

„Die steigende Anzahl der Therapeuten kommt aber nicht eins zu eins in der Versorgung an, weil immer mehr ihre Arbeitszeit reduzieren“, erklärt Szecsenyi. Haben im Jahr 2013 noch 89% der psychologischen Psychotherapeuten in Vollzeit gearbeitet, sank der Anteil 2018 auf 73%.

Hinzu kommt, dass die regionale Verteilung unterschiedlich ist: Kommen in dünnbesiedelten Gebieten 21 Therapeuten auf 100.000 Einwohner, sind es in dichtbesiedelten Regionen 69 Therapeuten.

„Die Frage ist, wie bekommen wir die Therapeuten dorthin, wo wir sie am meisten brauchen? Hier ist über Anreizsysteme während der Weiterbildung nach dem Studium, über Weiterbildungsverbünde oder auch über ein Modell ähnlich der ‚Landarztquote‘ für Studierende der Psychologie nachzudenken“, meint Szecsenyi. Eine weitere Option seien Videosprechstunden, die auch im Rahmen der Psychotherapie möglich sind.

Invirto – Eine virtuelle Therapie gegen Angst

Virtuelle Angebote sind womöglich auch eine Therapiealternative. Versicherte der Techniker Krankenkasse (TK) können sich bei Angststörungen künftig auch digital zuhause behandeln lassen. Die Therapie basiert auf Virtual Reality (VR) und einer App. Am Beginn der Behandlung steht ein 3-stündiges persönliches Erstgespräch mit einem Psychotherapeuten im Zentrum für Integrative Psychiatrie (ZIP).

Der Patient erhält dann eine Virtual-Reality-Brille und Zugang zu einer Schulungs-App. Mithilfe der VR-Brille wird dann die Angst auslösende Situation simuliert. Der Patient entscheidet, wie weit er gehen möchte und lernt durch wiederholte Übungen, besser mit seiner Angst umzugehen.

Der Patient bearbeitet die Inhalte der App selbstständig und wird dabei von einem Therapeuten unterstützt. Die Schulungsinhalte basieren auf verhaltenstherapeutischen Behandlungsleitlinien für Angststörungen. Sollte sich im Rahmen des virtuellen Schulungsprogramms der Zustand des Teilnehmers verschlechtern, kann er über eine Notfallnummer umgehend Hilfe kontaktieren.

 

Kommentar

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