Krebspatienten mit Stomaversorgung: Warum Sport nicht nur erlaubt, sondern sogar ärztlich zu empfehlen ist

Dr. Klaus Fleck

Interessenkonflikte

10. März 2020

Berlin – Körperliche Aktivität kann die gesundheitliche Situation von Tumorpatienten spürbar verbessern. Das gilt ebenfalls für Menschen mit einer – definitiven oder passageren – Stomaversorgung. Welche Besonderheiten es bei diesen Patienten gibt und was dies für die ärztliche Beratung und Betreuung bedeutet, erläuterte PD Dr. Henning Mothes vom Sophien- und Hufeland-Klinikum Weimar auf dem 34. Deutschen Krebskongress in Berlin [1] .

 
Prinzipiell darf und sollte jeder Patient mit einem Stoma Sport treiben – idealerweise jeden Tag. PD Dr. Henning Mothes

„Prinzipiell darf und sollte jeder Patient mit einem Stoma Sport treiben – idealerweise jeden Tag“, lautete die Empfehlung des Weimarer Chirurgen. So zeigte ein Review von Studien bei Patienten mit kolorektalem Karzinom (mit und ohne Anlage eines Stomas) und mit mindestens 5 Jahre Überleben positive Effekte körperlicher Aktivität auf Gesamtüberleben, tumorspezifisches Überleben, Lebensqualität, Allgemein- und Gesundheitszustand sowie Schmerzreduktion.

Ähnlich vorteilhafte Effekte von Sport bzw. körperlicher Aktivität gibt es Mothes zufolge bei Menschen, die wegen einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung Stomaträger sind.

Individuelle Kondition zu berücksichtigen

Viele Stomapatienten klagen über eine reduzierte Lebensqualität. Sie empfinden z.B. Einschränkungen im Sexualleben, leiden unter Depressionen und Stoma-spezifischen Nebenwirkungen wie Luftabgang oder Verstopfungen, sie müssen Stoma-gerechte Kleidung tragen, haben Schwierigkeiten beim Reisen und Angst vor Stoma-Geräuschen.

Wenn Patienten mit Stoma körperliche Aktivität empfohlen wird, seien allerdings „auch Faktoren zu berücksichtigen, die solche Aktivitäten teilweise verhindern können“, gab Mothes zu bedenken. Er nannte z.B. Chemotherapien oder auch erschwerende Umweltfaktoren wie schlechter Zugang zu Sanitäreinrichtungen in Sportstätten oder dort fehlende Einzelkabinen zum Umkleiden. Auch der individuelle Gesundheitszustand und die Kondition des Patienten, psychosoziale Faktoren wie Angst und Depression sowie negative Vorerfahrungen seien zu berücksichtigen.

 
Auch mangelnde ärztliche Aufklärung kann der Grund dafür sein, dass ein Patient mit Stoma körperliche Aktivitäten scheut. PD Dr. Henning Mothes
 

„Allerdings“, so der Weimarer Chirurg, „kann durchaus auch mangelnde ärztliche Aufklärung der Grund dafür sein, dass ein Patient mit Stoma körperliche Aktivitäten scheut – es muss ihm einfach gesagt werden, dass Sport prinzipiell gut für ihn ist und er z.B. auch ins Schwimmbad gehen kann.“

Dabei könne man vorsorglich erwähnen, dass negative Zwischenfälle wie ein abgeplatzter Beutel meist nur am Anfang passierten, wenn der Patient noch wenig Erfahrung mit der neuen Situation als Stomaträger habe. Vor dem Schwimmen sollt dieser darauf achten, dass die Belüftungsöffnung des Stomas wasserdicht beklebt werde, damit kein Wasser in den Beutel gelange.

Wo es noch Verbesserungsbedarf gibt

Genauso wie für die Allgemeinbevölkerung gilt Mothes zufolge auch für Menschen mit einem Stoma: „Sport macht Spaß, bessert den physischen und mentalen Gesundheitszustand, reguliert das Körpergewicht und verschafft Erfolgserlebnisse und ein Gefühl der Normalität.“

Damit sportliche Aktivitäten für Stomaträger wirklich zu etwas Normalem werden, sieht er allerdings noch Verbesserungsbedarf: „Für Ärzte, Gesundheitspolitik und Gesellschaft geht es darum, die Patienten nicht allein zu lassen.“

Verbesserungswürdig seien neben der Aufklärung etwa auch gesetzliche Regelungen zur Zuzahlung und zur individuellen Betreuung – neben der Stomaschwester sei ein „Personal Trainer“ als Ansprechpartner empfehlenswert, der den Patienten Tipps und Tricks vermittelt.

Notwendig sei zudem eine weitere Ent-Tabuisierung des Themas Stoma – hier seien Familie und Freundeskreis von Stomaträgern der Gesellschaft wesentlich voraus.

Moderat oder intensiv – beides ist zu empfehlen

Wie intensiv sollten Patienten mit Stoma nun sportlich bzw. körperlich aktiv sein? Mothes verwies auf Empfehlungen der American Cancer Society: pro Woche mehr als 150 Minuten moderate oder mehr als 75 Minuten intensive physische Aktivitäten. Das American College of Sports Medicine empfiehlt, Tumorpatienten mit Stoma für Kontaktsportarten und Schwimmsport eine Arzterlaubnis auszustellen.

 
Sport – auch in hoher Intensität – verbessert alle Kriterien der Lebensqualität von Patienten mit Stoma und sollte ärztlich empfohlen werden. PD Dr. Henning Mothes
 

Intensivere Sportarten sollten leicht begonnen und langsam gesteigert werden; als wichtig gilt zudem ein gezieltes Training der Bauchmuskulatur.

Zu vermeiden sind Sportarten und Übungen mit hohem intraabdominellem Druck (wie Gewichtheben, Sit-ups, Liegestützen) wegen des Risikos einer parastomalen Hernie. Dieses ist bei einem Colostoma höher als bei einem Ileostoma. Weitestgehend uneingeschränkt empfehlenswert sind Mothes zufolge Bewegungssportarten einschließlich Schwimmen.

Fazit des Weimarer Chirurgen: „Sport – auch in hoher Intensität – verbessert alle Kriterien der Lebensqualität von Patienten mit Stoma und sollte ärztlich empfohlen werden.“
 

Kommentar

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