Große Malaria-Impfstudie bei Kindern in Afrika: Mangelnde Aufklärung über Risiken?

Dr. Jürgen Sartorius

Interessenkonflikte

3. März 2020

In 3 afrikanischen Ländern ist unter der Leitung der World Health Organisation (WHO) eine Kohortenstudie mit 720.000 Kindern angelaufen, bei der die Sicherheit der Impfung mit dem innovativen Malaria-Impfstoff RTS,S untersucht wird [1]. Aber der Wirkstoff ist nicht unproblematisch: Es kommt zu 10-fach erhöhten Raten von Meningitis und zerebraler Malaria sowie einer Verdoppelung der allgemeinen Sterblichkeit von Mädchen. Ethiker zweifeln nun aufgrund des Settings der Studie an, dass Eltern über diese Bedingungen ausreichend informiert werden.

Die Malaria ist mit etwa 200 Millionen Erkrankten pro Jahr die häufigste Infektionskrankheit der Welt. Die WHO schätzt die Todesfälle durch Malaria auf weltweit jährlich knapp eine halbe Million. Besonders bei Kindern kann die Krankheit rasch zu Koma und Tod führen. 90% der Erkrankten leben auf dem afrikanischen Kontinent.

Pilotstudie zum ersten wirksamen Impfstoff gegen Malaria

Der Impfstoff RTS,S (Mosquirix®) von GlaxoSmithKline (GSK) ist der erste wirksame Impfstoff gegen Malaria überhaupt, wobei Studien eine signifikante Abnahme der Neuerkrankungen um 31 bis 56% je nach Alter der Geimpften ergaben.

Der Impfstoff enthält ein im Erreger Plasmodium falciparum enthaltenes Protein, das eine Immunisierung und eine schnellere Abwehrreaktion des Immunsystems bewirken soll. Dieses Vakzin ist ein Ergebnis von 30 Jahre Forschungen.

RTS,S erhielt durch die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) eine positive Beurteilung für die Anwendung außerhalb der EU, allerdings nur für eine Pilotierung, um die doch beträchtlichen Sicherheitsprobleme – das erhöhte Auftreten von Meningitis und zerebraler Malaria sowie die erhöhte Sterblichkeit von Mädchen – zu evaluieren ( Medscape berichtete ).

Ethiker sagen: Eltern werden nur unzureichend über Risiken informiert

Prof. Dr. Charles Weijer, Medizinethiker an der Western Ontario University, Kanada, kritisiert nun das Studiensetting im British Medical Journal, da die Information der Eltern der an der Studie teilnehmenden Kinder nicht gesichert sei: „Der Verzicht auf die Zustimmung der Eltern nach einer ausreichenden Information stellt einen ernsthaften Bruch internationaler ethischer Standards dar.“

 
Der Verzicht auf die Zustimmung der Eltern nach einer ausreichenden Information stellt einen ernsthaften Bruch internationaler ethischer Standards dar. Prof. Dr. Charles Weijer
 

Die WHO verweist auf den Pilot-Status der Studie und die Vorgehensweisen bei Routineimpfungen in den 3 Ländern Ghana, Malawi und Kenia. Der Impfstoff RTS,S werde im Rahmen regionaler Routine-Impfprogramme appliziert, bei denen die Zustimmung der Eltern dadurch gegeben sei, dass diese ihre Kinder zum zuvor angemeldeten Impftermin schicken könnten oder auch nicht. Die Eltern werden allerdings aufgrund des Pilot-Status der Studie nicht darüber informiert, dass ihre Kinder an einer Studie teilnehmen.

Das sei aber kein Ersatz für eine auf neutraler Information basierende ausdrückliche Zustimmung der Eltern, wie sie nach ethischen Gesichtspunkten üblich sei, antwortet Weijer.

Auch Prof. Dr. Christine Stabell Benn, Impfexpertin an der University of Southern Denmark, sieht gerade in der um etwa 1% auf 2% erhöhten Sterblichkeit von Mädchen im Zusammenhang mit dem Impfstoff RTS,S ein großes Problem: „Wenn sich dieser Befund bewahrheitet und die Eltern nicht nachweislich darüber informiert wurden, könnte dies zu einem katastrophalen Vertrauensverlust gegenüber Impfungen und Gesundheitsinstitutionen führen.“

Erhöhte Sterblichkeit von Mädchen bei verschiedenen Passiv-Impfungen

In einer vorausgegangenen Phase-3-Studie ergab eine Post-hoc-Analyse, dass insgesamt 67 von 2.967 geimpften (2,3%) und 17 von 1.503 (1,1%) nicht geimpften Mädchen in der Kontrollgruppe starben, wobei alle Todesursachen gezählt wurden. Daraus ergab sich ein signifikantes relatives Risiko von 2,0 (p = 0,009). Auf diese erhöhte Mortalität bei Mädchen werden die Eltern vor der Impfung nicht hingewiesen, anders als auf die erhöhten Risiken in Bezug auf die Meningitis-Vorkommen unter RTS,S.

Benn weist allerdings in diesem Zusammenhang darauf hin, dass eine solche erhöhte Sterblichkeit wie nach einer Impfung mit RTS,S auch nach anderen Passiv-Impfungen gegen Hepatitis B, Polio und Diphterie-Tetanus-Pertussis sowie gegen Masern und Gelbfieber bei Mädchen dokumentiert wurden.

Auch Prof. Dr. Jonathan Kimmelman, Director of Biomedical Ethics Unit der McGIll University, Montreal, Kanada, bezweifelt die ethische Korrektheit dieser Pilot-Studie: „Die Studie ist in clinicaltrials.gov registriert und wird damit offiziell zu Forschungszwecken durchgeführt. Somit muss sie auch ebenso wie andere wissenschaftliche Studien den allgemeingültigen ethischen Ansprüchen genügen.“

 
Wenn sich dieser Befund bewahrheitet …, könnte dies zu einem katastrophalen Vertrauensverlust gegenüber Impfungen und Gesundheitsinstitutionen führen. Prof. Dr. Christine Stabell Benn
 

Die WHO antwortet bislang auf diese Vorwürfe, dass die Impfungen nach den Vorgaben und unter Kontrolle der Gesundheitsministerien der 3 afrikanischen Staaten durchgeführt werden, also den dort üblichen Gepflogenheiten entsprächen. Ferner hätte die Studie durch die sehr hohe Anzahl der Impfungen schon nach den ersten 24 Monaten die statistische Power, um zu beurteilen, ob in den Impfgruppen entscheidende Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen gegenüber den Kontrollgruppen gefunden werden. Falls ja, würde die Studie durch das Datensicherheits- und Monitoring-Board der WHO gestoppt.

 

Kommentar

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