Therapie älterer Krebspatienten: Individuelle und sektorenübergreifende Versorgung ist das Ziel

Dr. Klaus Fleck

Interessenkonflikte

27. Februar 2020

Berlin – Immer mehr Menschen werden immer älter – entsprechend nimmt auch Zahl an Krebs-Neuerkrankungen bei älteren Menschen zu. Somit erkranken auch zunehmend mehr multimorbide Menschen an Tumoren. Diese Patienten benötigen verbesserte Konzepte für eine individuelle, sektorenübergreifende medizinische Versorgung, um die für den Einzelnen optimale Therapie zu finden, betonten Experten bei einer Pressekonferenz auf dem 34. Deutschen Krebskongress in Berlin [1].

Multimorbidität mit Behandlungskonflikten

In den Industrienationen ist die Bevölkerungsgruppe der über 65-Jährigen die am schnellsten wachsende Population, wie Prof. Dr. Ursula Müller-Werdan von der Klinik für Geriatrie und Altersmedizin der Berliner Charité berichtete. Dabei verwies sie auf Hochrechnungen zur erwarteten Krebsinzidenz in Deutschland. Demnach wird die Zahl der Krebspatienten ab 65 Jahre von 306.000 (im Jahr 2012) auf 443.000 im Jahr 2035 steigen, während gleichzeitig die Zahl der unter 65-jährigen Krebspatienten von 188.000 auf 162.000 fallen wird.

Prof. Dr. Ursula Müller-Werdan

Zur gestiegenen Lebenserwartung und dem damit höheren Krebsrisiko betagter Patienten kommen als medizinische Probleme Multimorbidität, physiologische Alterungsprozesse und geriatrische Syndrome (intellektueller Abbau, Immobilität, Instabilität und Inkontinenz).

„Multimorbidität ist im Alter nicht die Ausnahme, sondern die Regel“, so die Berliner Expertin, „wobei es Krankheitscluster und typische therapeutische Konflikte zwischen verschiedenen Erkrankungen gibt.“ Als Beispiel nannte sie etwa kardiovaskuläre Patienten mit Hypertonie, Herzinsuffizienz, Vorhofflimmern und Antikoagulation.

Individualisierte Therapieziele

Multimorbidität bedeutet in aller Regel auch Polypharmazie. Jeder Dritte über 70 hat inzwischen 5 oder mehr chronischen Erkrankungen und mehr als die Hälfte der über 70-Jährigen nimmt 5 oder mehr Medikamente pro Tag. Mit der Zahl der Medikamente steigt das Risiko unerwünschter Neben- und Wechselwirkungen. Und Multimorbidität ist – vor allem im Alter über 80 – oft mit Gebrechlichkeit assoziiert.

 
Bei älteren multimorbiden Krebspatienten sollten deshalb … die medizinischen Probleme hierarchisiert und die Therapieziele individualisiert werden. Prof. Dr. Ursula Müller-Werdan
 

„Bei Krebspatienten ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie gebrechlich sind, erhöht“, so Müller-Werdan. Das bedeute auch für viele medizinische Interventionen ein höheres Risiko. Ihre Empfehlung: „Bei älteren multimorbiden Krebspatienten sollten deshalb teambasiert in Absprache mit den Betroffenen bzw. seinen Angehörigen die medizinischen Probleme hierarchisiert und die Therapieziele individualisiert werden.“ Hierbei müsse man sich fragen, welche Therapie gegebenenfalls verzichtbar ist und welche der Patient wirklich braucht.

Erst geriatrisches Assessment, dann Intervention

„Moderne onkologische Therapien bieten gute Chancen, auch hochbetagte Krebspatienten mit Komorbiditäten gut zu behandeln, aber es gibt noch deutlichen Verbesserungsbedarf“, stellte Dr. Heike Schmidt von der Klinik für Strahlentherapie des Universitätsklinikums Halle fest.

Dr. Heike Schmidt

Bevor eine onkologische Behandlung geplant wird, empfiehlt sie ein geriatrisches Assessment, bei dem individuelle Risikofaktoren als auch Ressourcen betagter Krebspatienten identifiziert werden. Im günstigsten Fall sei das bereits in der hausärztlichen Praxis geschehen – oder durch qualifiziertes Personal in der Klinik.

Das Assessment umfasst Angaben zu Anzahl und Schwere der Komorbiditäten, zu Medikation, Ernährungszustand, Selbstversorgung, körperlichen Funktionen, Kognition, psychischer Verfassung, sozialer Situation und Möglichkeiten der Unterstützung.

Lebenszeitgewinn versus Lebensqualität

Auf Basis dieser Informationen – und bei Berücksichtigung der persönlichen Werte und Ziele des Patienten – solle dann zwischen möglichen Behandlungsoptionen und Nebenwirkungen, möglichem Lebenszeitgewinn und möglichem Verlust von Lebensqualität abgewogen werden. Schmidt plädierte hier für eine intensive Kooperation von Onkologen und Geriatern im klinischen Bereich sowie eine sektorenübergreifende Zusammenarbeit mit den jeweils betreuenden Hausärzten und niedergelassenen Onkologen.

Es gehe dabei nicht nur um onkologische Behandlungsempfehlungen, sondern auch um vom Patienten benötigte Begleittherapien einschließlich Physiotherapie oder Ergotherapie sowie seine persönliche Verfassung: „Idealerweise werden auch solche Aspekte bereits in die Tumorkonferenz einbezogen, um eine Therapieverträglichkeit und das Durchhalten der onkologischen Therapie durch den Patienten zu gewährleisten.“

Wie die Integration des geriatrischen Assessments in die Versorgung betagter Krebspatienten konkret aussehen kann, wurde am Universitätsklinikum Halle in der PIVOG-Studie (Patientenzentriertes interdisziplinäres Behandlungs- und Versorgungskonzept für onkologisch-geriatrische Patienten) untersucht. Die Assessments führte eine onkologische Fachpflegekraft durch, von Beginn an wurden die Hausärzte einbezogen und in der Klinik wurden die Patienten u.a. physiotherapeutisch und geriatrisch beurteilt. Die Ergebnisse flossen in die Behandlungsplanung ein.

Den Zeitumfang für ein geriatrisches Assessment gab Schmidt mit etwa einer Stunde an: „Das ist Zeit, die sich lohnt, um eine onkologische Therapie möglichst optimal an die individuellen Gegebenheiten bei einem Patienten anpassen zu können.“

Förderung körperlicher Funktion

Trotz angepasster Therapie kann bei älteren Patienten die körperliche Funktion unter und nach einer onkologischen Therapie abnehmen, wenn nicht ausreichend Reserven vorhanden sind. „Dies kann die Selbstversorgung und Lebensqualität der Patienten gefährden“, so die Expertin vom Universitätsklinikum Halle.

Eine dort derzeit noch laufende Studie hat das Ziel, auch unter ambulanter Strahlentherapie die Alltagsfunktion zu erhalten. Dabei werden den Patienten auf Basis ausführlicher Assessments – papier- oder videobasiert via Tablet-PC – individuelle Empfehlungen zur körperlichen Aktivierung (z.B. Training von Kraft, Koordination und Feinmotorik) und Ernährung gegeben.

Einen besonders hohen Bedarf an solchen innovativen Konzepten und Interventionen wie auch psychosozialen Unterstützungsangeboten für ältere Krebspatienten sieht Schmidt im ländlichen Raum.



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Kommentar

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