Einmalig gut (genug): Schon eine einzige Dosis der HPV-Vakzine: schützt Mädchen ebenso sicher wie 2 oder 3 Injektionen

Dr. Angela Speth

Interessenkonflikte

25. Februar 2020

Steht dem HPV-Impfstoff der nächste Schritt bevor? Erst 3, dann 2 und bald bloß noch eine Injektion? Zugelassen wurde er mit der Empfehlung, Mädchen und junge Frauen 3-mal zu impfen. Aber schon bald gingen die Richtlinien auf ein 2-er Schema herunter, weil sich erwiesen hatte, dass dies zur Prävention von Zervix-Dysplasien ausreicht. Nun bestätigt eine Studie Hinweise, dass bereits eine einzige Dosis effektiv schützt [1].

Die meisten Menschen infizieren sich mindestens einmal im Leben beim Geschlechtsverkehr mit Humanen Papillomaviren (HPV). Hochrisiko-Typen wie 16 und 18 sind mit Karzinomen assoziiert, vor allem am Gebärmutterhals, aber auch an Penis, Vulva, Anus und Mund, Niedrigrisiko-Typen wie 6 und 11 verursachen hauptsächlich Genitalwarzen.

Zur Abwehr von HPV 16, 18, 6 und 11 ist seit 2006 ein tetra-valenter Impfstoff verfügbar, es folgten eine bi- und eine nona-valente Form. Im Jahr 2016 waren in den USA rund die Hälfte der jungen Frauen und etwa ein Fünftel der jungen Männer gegen HPV geimpft, berichten Prof. Dr. Ana M. Rodriguez von der Universität Texas in Galveston und ihre Kollegen.

Im Verlauf von gut 10 Jahren hat sich die Effektivität gezeigt

Für ihre Studie wählten sie den tetra-valenten Impfstoff 4vHPV, weil er im Studienzeitraum von 2006 bis 2015 am häufigsten verwendet wurde. Dessen hohe Wirksamkeit hatte sich im Lauf der Jahre immer mehr herauskristallisiert. Analysen zufolge lassen sich damit Genitalwarzen fast vollständig reduzieren, hochgradige Zellanomalien kaum weniger effektiv und niedrig-gradige knapp zur Hälfte. Außerdem stellte sich heraus, dass für diese gute Immunreaktion 2 Impfungen ausreichen.

Daher hatte die Weltgesundheitsorganisation WHO im Jahr 2014 das bis dahin gültige 3-er Schema durch die Empfehlung ersetzt, jungen Mädchen vor dem 15. Geburtstag lediglich 2 Dosierungen im Abstand von mindestens 6 Monaten zu injizieren.

Die Centers for Disease Control and Prevention zogen bald mit aktualisierten Richtlinien nach. Die Ständige Impfkommission am Robert Koch-Institut (STIKO) berücksichtigt nur die bi- und nona-valente Variante: Sie sollen allen 9- bis 14-Jährigen 2 Mal appliziert werden.

Daten von mehr als 66.000 Teilnehmerinnen

Mittlerweile zeichnete sich in Studien ab, dass schon die Einmalimpfung zervikale intraepitheliale Neoplasien (CIN) und noch ausgeprägtere Zellveränderungen weitgehend verhindert. Wie sie im Vergleich mit aufwendigeren Schemata abschneidet, haben die Gynäkologin und ihr Team in einer retrospektiven Kohortenstudie geprüft.

Aus der Datenbank einer privaten US-Krankenversicherung suchten sie 66.541 Mädchen und Frauen von 9 bis 26 Jahren heraus, die entweder 1, 2 oder 3 Dosierungen erhalten hatten. Weitere Voraussetzung: ein Pap-Test mindestens ein Jahr nach der letzten Impfung. Als Referenz diente ein ebenso großes Kollektiv ohne Impfung, aber sonst ähnlichen Merkmalen.

Die Ergebnisse für einen Zeitraum von 5 Jahren: Bei der relevanten Altersgruppe von 15 bis 19 Jahren war das Risiko einer präinvasiven Zervix-Erkrankung vom Grad CIN-II/III mit 1, 2 und 3 Impfungen um 36%, 28% und 34% im Vergleich zu den ungeimpften Personen verringert. Lediglich in einer Hinsicht brachte das 3-er Schema diesen jungen Frauen einen Vorteil: Es reduzierte das Risiko schwerer zytologischer Läsionen um 16%, 1 oder 2 Dosierungen kamen dagegen nur auf 13%.

Sehr junge Mädchen profitieren besonders

Bei Mädchen unter 15 Jahren waren ebenfalls kaum Unterschiede zwischen den 3 Dosierung festzustellen, wobei der Schutz insgesamt noch intensiver war als bei den älteren. Damit sind nach Ansicht der Autoren frühere Erkenntnisse klar belegt, dass die Impfung besonders diesen Jahrgängen nützt.

Für die stärkere Immunantwort werden im Allgemeinen 2 Gründe angeführt: einerseits das jugendliche Alter direkt und andererseits, dass in der beginnenden Pubertät meist noch keine Sexualkontakte und folglich keine HPV-Infektionen stattgefunden haben. Denn dann induzieren die Impfproteine – es handelt sich um Bestandteile der Virushülle – Antikörper in mehr als hundertfach höheren Titern als die natürlichen Erreger. Diese Antikörper binden an die Viruskapside und blockieren so den Befall des Epithels.

Entsprechend hatten Frauen über 20 Jahre mit keinem der Schemata einen Gewinn gegenüber ungeimpften Gleichaltrigen. Als Grund vermuten die Forscher, dass die meisten bereits mit HPV in Berührung gekommen waren, die Impfung aber eher prophylaktisch als therapeutisch wirkt. In den USA sind Frauen beim ersten Geschlechtsverkehr im Durchschnitt 16 bis 18 Jahre alt.

Wichtig: Neben Impfung auch Vorsorgeuntersuchungen

„Die Studie zeigt, dass die Impfung bei jungen Mädchen einen dauerhaften Schutz gegen Gebärmutterhalskrebs bietet“, resümiert Rodriguez in einer Mitteilung der American Cancer Society. „Es ist wichtig, die Eltern darüber aufzuklären, wie notwendig die Impfung ihrer Kinder ist.“

Denn HPV seien nach wie vor häufige Ursachen von Krankheit und Tod, sowohl in Industrie- als auch in Entwicklungsländern. Die Bemühungen sollten sich außerdem auf die Vorsorgeuntersuchungen konzentrieren, darunter auch bei Frauen, die bei der Impfung über 18 waren.

In Deutschland erkranken dem Zentrum für Krebsregisterdaten zufolge jährlich etwa 6.250 Frauen und 1.600 Männer an HPV-bedingten Karzinomen. Der größte Anteil entfällt bei Frauen auf das Zervixkarzinom mit jährlich etwa 4.600 neuen Erkrankungen. Pro Jahr sterben etwa 1.600 daran.

Zudem wird jährlich bei etwa 56.000 Frauen wegen HPV-bedingten Krebsvorstufen eine Konisation vorgenommen, was ein höheres Risiko für Frühgeburten bedeutet.

1-Dosis-Schema würde den Impfstoffmangel abmildern

In ihrem Editorial stellt Prof. Dr. Julia M. L. Brotherton von der Universität Melbourne fest: „Die Ergebnisse ergänzen bevölkerungsbasierte Studien, die bereits die Wirksamkeit einer einzelnen Dosis gegen Gebärmutterhals-Präkanzerosen gezeigt haben.“

 
Die Ergebnisse ergänzen bevölkerungsbasierte Studien, die bereits die Wirksamkeit einer einzelnen Dosis gegen Gebärmutterhals-Präkanzerosen gezeigt haben. Prof. Dr. Julia M. L. Brotherton
 

Sie verweist darauf, dass die verfügbaren Mengen mit einem vereinfachten Schema gestreckt werden könnten, was den derzeitigen Mangel an HPV-Impfstoffen lindern würde. Allgemein würde es die Logistik von Impfkampagnen erleichtern und die Kosten senken. Sowieso bleiben Impfserien oft unvollständig, vor allem, wenn sie nicht von Schulen angeboten werden.

Wie Brotherton berichtet, hat sich die WHO als Ziel gesetzt, Gebärmutterhalskrebs bis zum Ende des Jahrhunderts auf eine Rate unter 4 pro 100.000 zu drücken. Als maßgebliche Etappe bis zum Jahr 2030 ist angepeilt, 90% aller Mädchen unter 15 Jahren zu impfen.

Mangelware HPV-Impfstoffe

Die Empfehlung zur HPV-Impfung, die zunächst nur für Mädchen zwischen 9 bis 14 Jahren galt, ist inzwischen auf Jungen desselben Alters ausgedehnt worden, so auch von der STIKO im Juni 2018. Jedoch scheint diese Erweiterung die Kapazitäten der Hersteller zu übersteigen.

Die Strategic Advisory Group of Experts on Immunization (SAGE) dekretiert daher im wöchentlichen epidemiologischen Bericht der WHO vom 22. November 2019: „Alle Länder sollten mit der Impfung von Jungen vorerst pausieren, ebenso von Altersgruppen über 15 Jahre, bis die Versorgung mit HPV-Impfstoffen allgemein gewährleistet ist.“

Weiter heißt es: „SAGE ist zutiefst besorgt, dass Engpässe an HPV-Impfstoffen die Einführung und Fortsetzung von Impfprogrammen in einigen Ländern zum Scheitern bringen, gerade dort, wo viele Frauen an Zervixkarzinomen erkranken.“

Und schließlich: „SAGE begrüßt daher ausdrücklich die laufenden und geplanten Studien zum 1-Dosis-Schema, da sie sich auf künftige Empfehlungen auswirken werden.“


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Kommentar

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