Epigenetischer „Schalter“ in der Creme? Parabene in der Schwangerschaft könnten Übergewicht bei Kindern fördern

Heike Dierbach

Interessenkonflikte

24. Februar 2020

Schwangere sollten genau hinschauen, welche Bodylotion sie kaufen – das legt eine Studie des Leipziger Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ), der Charité, der Universität Leipzig und des Berlin Institute of Health nahe, die in Nature Communications publiziert worden ist [1]. Danach erhöhen parabenhaltige Cremes in der Schwangerschaft das Risiko, dass das Kind bis zum Alter von 8 Jahren Übergewicht entwickelt. Allerdings wurde das Gewicht der Mutter in der Auswertung nicht berücksichtigt.

Erhöhter Paraben-Spiegel im Urin

Parabene werden als Konservierungsmittel einer Vielzahl von Kosmetika und auch Nahrungsmitteln zugesetzt. Seit längerem wird eine mögliche schädliche Wirkung auf die Gesundheit diskutiert, vor allem ein Zusammenhang mit Brustkrebs und Allergien.

Die aktuelle Studie ist nach Aussage der Autoren die erste, die einen Zusammenhang mit kindlichem Übergewicht untersucht. Die Forscher nutzten dazu Daten der prospektiven Mutter-Kind-Kohortenstudie LINA, in der ab 2006 insgesamt 629 Schwangere und ihre Kinder begleitet wurden. Diese Daten kombinierten sie mit Experimenten an menschlichen Fettzellen und an Mäusen.

In der LINA-Kohorte waren die Frauen unter anderem gefragt worden, welche Produkte sie in der Schwangerschaft verwendeten. Mit Hilfe der App ToxFox vom Umweltschutzverband BUND prüften die Forscher, ob diese Produkte Parabene enthalten.

138 Frauen hatten parabenhaltige Cremes genutzt, die länger auf der Haut verbleiben („leave on-Produkte“). Bei ihnen wurden bis zu 3-mal so hohe Parabenspiegel im Urin festgestellt wie bei Frauen, die parabenfreie Produkte nutzten. Das galt besonders für Methyl-Paraben, in geringerem Maß auch für Butyl-Paraben.

„Die Nutzung parabenhaltiger Leave-on-Produkte kann als eine potenzielle Paraben-Quelle für werdende Mütter angesehen werden“, folgern die Autoren.

Mütterliches Gewicht nicht berücksichtigt

Die Forscher verglichen dann das Gewicht der Kinder bei Geburt und im Alter von 2 bis 8 Jahren mit dem mütterlichen Paraben-Spiegel. Dabei wurden die Faktoren Geschlecht des Kindes, Rauchen während der Schwangerschaft, Alter und Schulabschluss der Mutter, Geburtstermin, Geschwisterfolge und Stillen kontrolliert, um zu verhindern, dass sie die Ergebnisse verfälschen. Nicht berücksichtigt wurde aber das Gewicht der Mutter.

„Das ist leider ein grober Fehler“, sagt Prof. Dr. Martin Wabitsch, Leiter der Abteilung Pädiatrische Endokrinologie und Diabetologie am Universitätsklinik für Kinder- und Jugendmedizin Ulm, der selbst viele Kinder mit Adipositas behandelt: „Wenn die Mutter Übergewicht hat, ist das der stärkste Risikofaktor für das Kind, dieses ebenfalls zu entwickeln.“

Übergewichtsrisiko doppelt so hoch

Die Studie stellte fest: Kinder, die pränatal einem hohen Spiegel von N-Butyl-Paraben ausgesetzt waren, hatten ein mehr als doppelt so hohes Risiko für Übergewicht (Odds Ratio: 2,17; 95%-Konfidenzintervall: 1,06-4,47). Bei I-Butyl-Paraben war es sogar fast 2,5-fach so hoch (OR: 2,40; 95%-KI: 1,16-4,98). Für die anderen Paraben-Arten zeigten sich keine signifikanten Unterschiede.

Die Effekte waren bei Mädchen stärker ausgeprägt als bei Jungen. „Das ist durchaus interessant“, sagt Wabitsch, „aber wir wissen eben nicht, ob die Mütter nicht auch bereits Übergewicht hatten und das der eigentliche Einflussfaktor war.“ Einen Zusammenhang mit dem Geburtsgewicht gab es nicht.

Die Forscher führten noch weitere Schritte durch: Erstens testeten sie im Labor die Wirkung erhöhter Konzentrationen von Butyl-Paraben auf menschliche Fettzellen. „Die Fettzelldifferenzierung wurde durch die Parabene aber offenbar nicht beeinflusst“, sagt Prof. Dr. Irina Lehmann vom Berlin Institute of Health und der Charité, „es musste also etwas anderes hinter der Gewichtszunahme der Kinder stecken.“

Tierversuch zeigt epigenetische Veränderungen

Die Forscher gaben deshalb in einem weiteren Experiment schwangeren Mäusen N-Butyl-Paraben über die Haut. Es zeigte sich, dass auch hier deren Nachwuchs stärker zunahm – um bis zu 45% während des Beobachtungszeitraums. In der Kontrollgruppe waren es nur 10% Gewichtszunahme.

Die jungen Mäuse fraßen auch mehr. Auch hier zeigte sich der Effekt nur bei männlichen Nachkommen. Die Forscher vermuteten, dass Parabene einen Einfluss auf die Hungerregulation im Gehirn haben könnten und nahmen daher Schlüsselgene im Hypothalamus der Mäuse genauer unter die Lupe.

Es zeigte sich, dass das für die Steuerung des Hungergefühls maßgebliche Gen Proopiomelanocortin (POMC) herunterreguliert war. Weitere Untersuchungen auf genetischer Ebene ergaben, dass hierfür eine epigenetische Veränderung verantwortlich war. Sie verhinderte, dass das entsprechende POMC-Gen abgelesen werden konnte.

 
Unter dem Einfluss von Parabenen während der Schwangerschaft entstehen bei den Nachkommen offensichtlich epigenetische Veränderungen, die die Regulation des natürlichen Sättigungsgefühls langfristig stören. Dr. Tobias Polte
 

„Unter dem Einfluss von Parabenen während der Schwangerschaft entstehen bei den Nachkommen offensichtlich epigenetische Veränderungen, die die Regulation des natürlichen Sättigungsgefühls langfristig stören. Dadurch nehmen diese dann mehr Nahrung auf“, erklärt Dr. Tobias Polte, Umweltimmunologe am UFZ.

„Der Ansatz, dass Adipositas mit POMC zu tun hat, ist plausibel und wird auch international breit diskutiert“, sagt Wabitsch. Es wären aber weitere Untersuchungen nötig, um die Befunde mit einem anderen Patientenkollektiv zu bestätigen.

Reichen die Ergebnisse für eine Warnung vor bestimmten Cremes?

„Unsere Ergebnisse bedeuten nicht, dass eine ausgewogene Ernährung und ausreichende Bewegung weniger wichtig sind“, betonen die Autoren, „aber Umwelteinflüsse in der Schwangerschaft spielen offenbar auch eine große Rolle bei der späteren Anfälligkeit für Krankheiten.“

 
Umwelteinflüsse in der Schwangerschaft spielen offenbar auch eine große Rolle bei der späteren Anfälligkeit für Krankheiten. Dr. Beate Leppert und Kollegen
 

Eine gute Nachricht: 2014 hat die Europäische Kommission eine Höchstgrenze für Parabene (und andere Stoffe) in Kosmetika festgelegt. Heutige Schwangere nehmen also vermutlich automatisch weniger auf als noch 2006. Dennoch rät Lehmann werdenden Müttern, in Schwangerschaft und Stillzeit auf gänzlich Paraben-freie Produkte zurückzugreifen: „Viele Kosmetika sind bereits als parabenfrei deklariert. Ansonsten hilft der Blick auf die Liste der Inhaltsstoffe oder die Nutzung der App.“

 
Viele Kosmetika sind bereits als parabenfrei deklariert. Ansonsten hilft der Blick auf die Liste der Inhaltsstoffe.  Prof. Dr. Irina Lehmann
 

Wabitsch hält hingegen die Ergebnisse noch nicht für ausreichend, um eine generelle Warnung vor Paraben-haltigen Cremes auszusprechen. „Dazu müsste man bei der Berechnung das Gewicht der Mutter und auch des Vaters mit einbeziehen und sehen, ob es dann noch eine Korrelation nur mit dem Paraben-Spiegel gibt.“

 

Kommentar

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