Für Frauen mit hohem Brustkrebs-Risiko: Anastrozol halbiert Wahrscheinlichkeit für ein Mammakarzinom – auch langfristig

Dr. Jürgen Sartorius

Interessenkonflikte

20. Februar 2020

Nach 5 Jahren prophylaktischer Einnahme des Aromatase-Hemmers Anastrozol und einem Follow-up von durchschnittlich 11 Jahren zeigt die IBIS-II-Studie bei Brustkrebs-Gefährdeten eine Reduktion des Auftretens von Brustkrebs um 49% – für Östrogenrezeptor-positive Tumoren sogar um 54%, je nach Lokalisierung.

Im Vergleich zu Placebo lagen die Anzahl der Todesfälle, der Frakturen und kardiovaskulären Erkrankungen gleichauf. Dazu gab es einen signifikanten Rückgang der Krebs-Neuerkrankungen um etwa 25%, hauptsächlich aufgrund weniger Fälle von Nicht-Melanom-Hautkrebs. Die Ergebnisse sind in The Lancet publiziert worden [1].

Langzeit-Studien: IBIS-II zu Anastrozol, IBIS-I zu Tamoxifen

Die Gruppe um Prof. Dr. Jack Cuzick, Centre for Cancer Prevention, Queen Mary University, London, erforscht bereits seit etwa 20 Jahren mit 2 Langzeitstudien die Prävention von Brustkrebs durch endokrine Therapien.

  • IBIS-I (International Breast Cancer Intervention Study) betrachtet den selektiven Östrogenrezeptor-Modulator (SERM) Tamoxifen.

  • IBIS-II beschäftigt sich mit dem Aromatasehemmer Anastrozol.

Die Studiengruppe ist hauptsächlich im Vereinigten Königreich und Australien aktiv, kollaboriert aber mit deutschen und italienischen Zentren.

„Die Ergebnisse wurden bereits im Dezember auf dem San Antonio Breast Cancer Symposium (SABCS) vorgestellt und untermauern erneut die Leistung der Studiengruppe“, urteilt Prof. Dr. Jörg Heil, Sektionsleiter Senologie / Brustzentrum der Universität Heidelberg. „Eine derart große Studie mit knapp 4.000 Teilnehmerinnen umzusetzen erfordert einen sehr großen Aufwand und hilft mit wichtigen Erkenntnissen weiter.“

Prof. Dr. Jörg Heil

Die jetzt veröffentlichte Analyse beruht auf einer Datenerhebung von im Mittel 11 Jahren Follow-up und insgesamt 41.295 Patientinnen-Jahren. In dieser Zeit kam es zu 250 Fällen von Brustkrebs: 85 Fälle traten in der Anastrozol- und 165 in der Placebo-Gruppe auf. Dadurch ergab sich eine hochsignifikante Reduktion der Brustkrebs-Inzidenz von 49%.

In den ersten 5 Jahren betrug diese Reduktion sogar 61%, in den Folgejahren immerhin noch signifikante 39%, jeweils gegenüber Placebo. Die Reduktion lag damit über den entsprechenden Werten von konstant 29%, die dieselbe Forschergruppe mit Tamoxifen in IBIS-I errechnet hatte.

In 10 Jahren über 3.800 Frauen mit erhöhtem Brustkrebs-Risiko rekrutiert

3.864 Patientinnen mit erhöhtem Risiko für Brustkrebs wurden zwischen 2003 und 2012 in insgesamt 153 Brustkrebs-Behandlungszentren rekrutiert. Bei den meisten von ihnen lagen Fälle von Brustkrebs in der Familie vor, bei einer Minderheit lagen Hochrisikoläsionen in der Brust vor (Papillome, lobuläre intraepitheliale Neoplasien, etc.). Etwa die Hälfte von ihnen hatte eine Hormonersatztherapie und ein Drittel eine Hysterektomie hinter sich.

Die Frauen waren zum jeweiligen Studienbeginn im Mittel 59,4 Jahre alt. Das Brustkrebsrisiko war nach Berechnungen bei den 40- bis 44-Jährigen mindestens 4-fach, bei den 45- bis 60-Jährigen mindestens 2-fach und bei den 61- bis 70-Jährigen um mindestens das 1,5-Fache erhöht.

Ausschlusskriterien waren prämenopausaler Status, eine Brustkrebserkrankung, eine vorausgegangene Therapie mit Tamoxifen, Raloxifen oder einem anderen SERM-Präparat, Teilnahme an IBIS-I, die geplante Fortführung einer Östrogen-basierten Hormonersatztherapie oder eine geplante prophylaktische Mastektomie.

„Bei dieser Präventionsstudie ist ein hohes Brustkrebsrisiko zu Recht je nach Alter der Probandin unterschiedlich definiert. Denn je nach Altersgruppe ist das zu erwartende Risiko-Nutzen-Verhältnis der Präventionsmedikation, in diesem Fall Anastrozol, unterschiedlich zu bewerten“, erläutert Heil. „Im Vergleich zu gesunden BRCA-Mutationsträgerinnen ist das Brustkrebsrisiko der untersuchten IBIS-II-Kohorte nur moderat erhöht.“

5 Jahre Therapie, dann 11 Jahre Follow-up

Die Patientinnen wurden 1:1 randomisiert und erhielten über 5 Jahre täglich 1 mg Anastrozol oder Placebo oral. Die Verblindung wurde nur bei Auftreten von Brustkrebs oder ausdrücklichem Verlangen aufgehoben, so dass 81,3% im Anastrozol- und 76,7% im Plazebo-Arm über den gesamten bisherigen Verlauf verblindet blieben.

Nach der Follow-up-Periode schätzten die Autoren aus den vorliegenden Daten das Risiko, an Brustkrebs zu erkranken, im Anastrozol-Arm auf 5,3% und im Placebo-Arm auf 8,8%.

Die Zahl der Patientinnen, die zu behandeln sind, um einen Fall von Brustkrebs zu verhindern (Number needed to treat), lag bei 29. Zum Vergleich errechneten die Forscher eine NNT von 58 für Tamoxifen im entsprechenden Zeitraum. Das Follow-up wird weitergeführt.

Anastrozol mit besseren Daten als Tamoxifen

„Im Hinblick auf das Potenzial, Brustkrebs zu vermeiden, deuten die vornehmlich aus der IBIS-I- und IBIS-II-Studie vorliegenden Daten daraufhin, dass Anastrozol effektiver als Tamoxifen ist“, bestätigt Heil. „Es wurde und wird aber wahrscheinlich auch nach diesen Ergebnissen immer wieder das Nebenwirkungsprofil der Aromatasehemmer gegen deren alltäglichen Einsatz ins Feld geführt werden.“

Hier kämen Cusick und Kollegen allerdings zu einer klaren Fürsprache: Denn die Wahrscheinlichkeit, Anastrozol abzusetzen, unterschied sich nicht relevant von der Placebo-Gruppe. „Das ist als starkes Indiz für ein vertretbares Nebenwirkungsspektrum zu werten“, so Heil.

 
Im Hinblick auf das Potenzial, Brustkrebs zu vermeiden, deuten die … Daten darauf hin, dass Anastrozol effektiver als Tamoxifen ist. Prof. Dr. Jörg Heil
 

In 81,2% der dokumentierten 250 Fälle war der Tumor invasiv und zu 74,4% Östrogenrezeptor-positiv. Wurden die HER+-Tumore exklusiv betrachtet, erzielte die Anastrozol-Behandlung eine höhere Risikoreduktion vs. Placebo: um 54% über den gesamten Zeitraum, um 61% über die ersten 5 Jahre und um 48% über die Folgejahre.

Daneben beobachteten die Forscher eine hochsignifikante 28%ige Reduktion von Nicht-Brustkrebs-Erkrankungen nach Anastrozol-Therapie vs. Placebo, die sich hauptsächlich aus einer stark verringerten Fallzahl von Nicht-Melanom-Hautkrebs erklärte.

Wirkungen auf andere Krebstypen ergaben sich durch die Anastrozol-Behandlung nicht, insbesondere auch nicht auf Endometrium-Karzinome, obwohl Östrogen als Hauptfaktor für diese angesehen wird. „Eine sinnvolle Erklärung für diese beiden Effekte existiert bislang nicht“, sagt Heil.

Nebenwirkungen vergleichbar mit Placebo

Auch die Raten von Frakturen, Herzinfarkten, Schlaganfällen, tiefen Beinvenenthrombosen, Lungenembolien und auch Todesfällen waren in beiden Beobachtungsarmen vergleichbar. Bekannte Nebeneffekte von Anastrozol wie Arthralgie, Gelenksteife, Hitzewallungen, nächtliches Schwitzen, Trockenheit der Augen und der Vagina sowie Bluthochdruck gingen in den ersten Jahren nach Therapieende stark zurück und wurden danach nicht mehr erhoben.

 
Die … Langzeitergebnisse der IBIS-II-Studie legen nahe, dass Anastrozol in der Lage ist, die Wahrscheinlichkeit für Brustkrebs auch über den Einnahmezeitraum hinaus deutlich zu senken. Prof. Dr. Jörg Heil
 

In ihrer Diskussion weisen die Autoren darauf hin, dass sie überraschenderweise auch für Rezeptor-negative Tumoren (HER-) eine zwar nicht signifikante, aber deutliche Reduktionsrate von 27% errechnen konnten. Diese wollen sie im weiteren Follow-up und evtl. weiteren Studien erforschen.

 
Auch das Nebenwirkungsprofil des Medikamentes scheint tolerabel, so dass insgesamt ein günstiges Nutzen-Risikoverhältnis angenommen werden kann. Prof. Dr. Jörg Heil
 

„Zusammenfassend legen die nun publizierten Langzeitergebnisse der IBIS II-Studie nahe, dass Anastrozol in der Lage ist, die Wahrscheinlichkeit für Brustkrebs auch über den Einnahmezeitraum hinaus deutlich zu senken“, schlussfolgert Heil.

„Auch das Nebenwirkungsprofil des Medikamentes scheint tolerabel, so dass insgesamt ein günstiges Nutzen-Risikoverhältnis angenommen werden kann. Ob sich die niedrigere Brustkrebs-Auftrittsrate im längeren Verlauf auch noch auf eine geringe Sterblichkeit übertragen wird, bleibt abzuwarten.“

 

Kommentar

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