Klimawandel: Wie Sie Ihren Herzpatienten über den nächsten Hitzesommer helfen können

Heike Dierbach

Interessenkonflikte

18. Februar 2020

Berlin – Der Klimawandel kann zum Problem für Menschen mit Herzerkrankungen werden – deshalb sollten Ärzte das richtige Verhalten bei Hitzewellen mit ihren Patienten besprechen. Aber auch Kliniken müssen reagieren, etwa indem sie zumindest einige Zimmer mit Klimaanlagen ausstatten. Darauf wies die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) auf ihrer Jahres-Pressekonferenz in Berlin hin [1].

Blutdrucksenker können zu viel des Guten sein

Die heißen Sommer 2018 und 2019 könnten erst der Anfang gewesen sein – mehrere Wochen mit hohen Temperaturen sind möglichweise in Zukunft die Regel. Hitze hat direkten Einfluss auf den Kreislauf: „Die Blutgefäße erweitern sich, und bei den meisten Menschen sinkt damit auch der Blutdruck“, sagt Prof. Dr. Jürgen Floege, Vorsitzender der DGIM und Direktor der Klinik für Nieren- und Hochdruckkrankheiten, rheumatologische und immunologische Erkrankungen an der Uniklinik der RWTH Aachen. „Zusätzlich wird der Blutdruckabfall beim Wechseln vom Liegen zum Stehen ausgeprägter.“

 
Bei längeren Hitzeperioden kann es jedoch sinnvoll sein, die Medikamente niedriger zu dosieren oder eventuell zu pausieren. Prof. Dr. Jürgen Floege
 

Das ist bedeutsam für Patienten, die wegen Bluthochdrucks Medikamente nehmen – der Druck könnte durch die Hitze zu weit sinken. „Diese Patienten sollten in Hitzeperioden ihren Blutdruck täglich überwachen“, rät Floege. Wenn der obere, systolische Wert immer wieder oder dauerhaft unter 120 mmHg sinkt, sollten sie sich beim Arzt melden.

Bei nur wenigen Tagen muss die Medikation meist nicht verändert werden. „Bei längeren Hitzeperioden kann es jedoch sinnvoll sein, die Medikamente niedriger zu dosieren oder eventuell zu pausieren“, so Floege. Ärzte sollten dies schon im Vorfeld, etwa im Frühjahr, mit den Patienten besprechen. In keinem Fall sollten Patienten jedoch eigenmächtig die Medikation ändern.

Es gibt Hinweise, dass es bei höheren Temperaturen auch zu mehr Herzinfarkten kommt. Eine Studie von Kai Chen und Kollegen untersuchte für die Region Augsburg Registerdaten von 27.310 Fällen und verglich sie mit der Temperatur. Ergebnis: Von 2001 bis 2014 ist das Relative Risiko für einen Herzinfarkt bei Hitze signifikant angestiegen.

Die Forscher verglichen dazu die Anzahl der Fälle an heißen Tagen mit der Anzahl an normalen Tagen und berechneten den Unterschied.

  • Für den Zeitraum 1987 bis 2000 lag das Relative Risiko an heißen Tagen bei 0,93 (95% KI 0,78-1,12) – also bestand ein ähnliches Risiko an heißen wie an normalen Tagen.

  • Für 2001 bis 2014 war das Risiko an heißen Tagen leicht erhöht im Vergleich zu normalen Tagen und lag bei 1,14 (95% KI 1,00-1,29). Der Effekt war besonders ausgeprägt bei Patienten mit Herzerkrankungen, Diabetes oder hohem Cholesterin.

  • Nach Korrektur für eine Reihe von anderen möglichen ursächlichen Faktoren (wie etwa Sozialstatus) ergab sich allerdings für die Gesamtgruppe kein Zusammenhang mehr mit Hitze.

„Klar ist aber, dass Herzpatienten eine Überhitzung vermeiden sollten“, sagt Prof. Dr. Georg Ertl, Generalsekretär der DGIM und Kardiologe aus Würzburg, und: „Alkohol stellt eine zusätzliche Belastung dar.“

Schon bei einer leichten Demenz trinken viele zu wenig

Die zweite Gefahr bei Hitze ist ein Flüssigkeitsmangel. Floege sieht hier vor allem ältere Menschen gefährdet. Sie sollten in den Sommermonaten bewusst „über den Durst“ trinken. Bei Pflegebedürftigen, Heimbewohnern und auch Neugeborenen sollten Angehörige und Betreuer darauf achten, dass die Flüssigkeitsversorgung gewährleistet ist: „Schon Patienten mit einer leichten Demenz schaffen es oft nicht mehr, allein ausreichend zu trinken.“

 
Schon Patienten mit einer leichten Demenz schaffen es oft nicht mehr, allein ausreichend zu trinken. Prof. Dr. Jürgen Floege
 

Auch beim Flüssigkeitshaushalt besteht für Bluthochdruck-Patienten ein besonderes Risiko. Denn viele nehmen auch Diuretika ein, die durch eine Entwässerung des Körpers den Blutdruck senken sollen. An heißen Tagen kann auch das über das Ziel hinausschießen. „In wie fern hier auch diese Medikation reduziert werden muss, ist aber sehr komplex und muss auf den Einzelnen abgestimmt sein“, sagt Floege.

Dass die Bewohner gemäßigter Breiten sich schnell an heißere Temperaturen adaptieren, erwarten die Experten eher nicht: „So schnell verläuft die Evolution nicht.“ Daher seien auch technische Lösungen gefragt. Krankenhäuser müssten für Patienten, die wegen hitzebedingter Erkrankungen eingeliefert werden, Zimmer mit Klimaanlage bereitstellen. Dabei gibt es allerdings ein Dilemma: „Krankenhäuser verbrauchen schon jetzt viel Energie“, sagt Floege, „für die Umwelt sind Klimaanlagen dann wieder negativ.“

 

Kommentar

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