Mit der Ukulele auf der Kinder-Krebsstation: Musiktherapie kann „den Blickwinkel der jungen Patienten verändern“

Kristin Jenkins

Interessenkonflikte

17. Februar 2020

„Die Musiktherapie kann den Blickwinkel eines Patienten verändern“, sagt David Knott, Leiter des Creative-Arts-Therapies-Programms am Seattle Children's Hospital, USA, gegenüber Medscape. „Wir können den kleinen Patienten dadurch helfen, neue Einblicke in das, was mit ihnen geschieht, zu gewinnen. Die Musiktherapie ist ein wichtiger Teil des gesamten Supportivprogramms.“

Jüngste Ergebnisse einer Mitgliederbefragung der American Music Therapy Association (AMTA), der Knott einst vorstand, zeigen jedoch, dass es in den USA nicht genügend Musiktherapeuten gibt, um die Bedürfnisse der pädiatrischen Patienten auf Krebsstationen zu erfüllen.

Musikbasierte Interventionen

Im Jahr 2002 wurde Knott als erster Musiktherapeut am Kinderkrankenhaus von Seattle eingestellt. Seitdem konnte er erleben, wie musikbasierte Interventionen das emotionale und psychische Wohlbefinden der Patienten steigern, ihnen dabei helfen, mit Schmerzen umzugehen und ihre kommunikativen Fertigkeiten und ihre Bewältigungsstrategien zu verbessern. Dadurch seien die Patienten motivierter, kooperativer und könnten sich besser an eine ungewisse Situation anpassen, sagt er.

Knott war ein Veteran der US-Armee mit einem Händchen für den Bau von Musikinstrumenten wie Hackbrett (eine Kastenzither) und Harfen, als er die Musiktherapie entdeckte. Nachdem er einiges über dieses Thema gelesen hatte, beschloss er, noch einmal die Schulbank zu drücken und erlangte dann seinen Bachelor-Abschluss zum staatlich anerkannten Musiktherapeuten. Anschließend machte er noch den Master in Musik und erhielt ein Stipendium an der Akademie für neurologische Musiktherapie.

„Ich habe reichlich Lebenserfahrung sammeln können, bevor ich Musiktherapeut wurde“, betont er, „aber es gab in meinem Leben noch nie eine schwierigere und zugleich lohnendere Arbeit.“

Obwohl er eine Gitarre dabei hat, bevorzugt Knott die Ukulele, die er als „ideales Krankenhausinstrument“ beschreibt, „klein, leicht und gut zu reinigen“. Sie ermögliche eine unaufdringliche Einführung in die Musiktherapie, die Patienten und Familien dazu ermutige, zuzuhören, mitzusingen, zu improvisieren, sich eigene Texte auszudenken oder ein anderes Instrument zu spielen.

 
Wir können den kleinen Patienten dadurch helfen, neue Einblicke in das, was mit ihnen geschieht, zu gewinnen. Die Musiktherapie ist ein wichtiger Teil des gesamten Supportivprogramms. David Knott
 

„Ich kann vielleicht nicht jedes Lied, das sich das Kind wünscht, mitreißend interpretieren“, erklärt Knott, „aber das ist auch nicht meine Aufgabe. Meine Rolle ist es vielmehr, durch Musik eine Beziehung zu entwickeln, die den Patienten belastbarer macht, ihm dabei hilft, schmerzhafte physiotherapeutische Übungen durchzuhalten oder mit einer neurologischen Problematik oder einer Dekompensation klarzukommen.“

Manche Patienten weinten vielleicht anfangs oder seien völlig verschlossen, aber musikbasierte Interventionen könnten ihnen dabei helfen, negative Gefühle zu überwinden, die oftmals durch die Krebstherapie und ihre Nebenwirkungen noch verstärkt würden.

Knott erinnert sich noch lebhaft an eine seiner ersten Patientinnen, eine schüchterne 6-Jährige, die schließlich mit ihm sang und sich dann plötzlich übergeben musste. Die Mutter des Kindes reagierte schnell und Knott spielte zur Unterstützung weiterhin leise auf der Ukulele. Aber er fragte sich auch, ob die Musik vielleicht zu viel war. Doch als das Erbrechen aufhörte, bekam er sogleich seine Antwort: „Lasst uns noch etwas singen“, hatte das kleine Mädchen zu ihm gesagt.

„Ich kann nicht behaupten, irgendetwas gegen ihre Übelkeit bewirkt zu haben, doch Musik kann allgemein dabei helfen, Patienten im Kampf mit derartigen Dingen zu unterstützen“, sagt er. „Sie kann auch dabei helfen, sich zu erholen und wieder zur Ausgangssituation zurückzukehren.“

Nicht genug Musiktherapeuten?

Musikbasierte Interventionen können die Ängste von Krebspatienten vor einer Chemotherapie und den behandlungsbedingten Nebenwirkungen wie Müdigkeit, Appetitlosigkeit und Benommenheit verringern.

In den USA haben die meisten großen Pädiatrie-Zentren und Kinderkliniken mindestens einen staatlich anerkannten Musiktherapeuten in ihrem Team, sagt Musiktherapeutin Kimberly Bell vom Children's Hospital New Orleans in Louisiana. Es gäbe auch Musiktherapeuten in größeren Kinderkrankenhäusern in Kanada, der EU und in Australien. Die jüngsten Ergebnisse der AMTA-Mitgliederbefragung deuten jedoch darauf hin, dass es in den USA nicht genügend Musiktherapeuten gibt, die speziell mit Jugendlichen arbeiten.

Diese Querschnittsstudie, bei der Knott als Hauptautor auftritt, wurde im Journal of Music Therapy publiziert [1]. Sie sollte nationale Benchmark-Daten für die pädiatrische Musiktherapie in medizinischen Einrichtungen erstellen. Es zeigte sich, dass fast 75% der Mitglieder in Akutpflegeeinrichtungen und vor allem auf pädiatrischen Intensivstationen arbeiten. Die Patienten haben häufig Krebs, eine Hirnverletzung oder sind aufgrund anderer schwerer medizinischer Probleme beatmungspflichtig.

Die meisten Musiktherapeuten gaben an, für etwa 100 Patientenbetten verantwortlich zu sein und täglich im Schnitt 4 bis 6 individuelle Musiktherapiesitzungen durchzuführen. 30% der AMTA-Mitglieder waren die jeweils einzigen Musiktherapeuten in ihrem Umfeld. Die Hälfte berichtete, dass ihre Stellung über Spendengelder und nicht aus dem Personalbudget der Klinik finanziert würde.

„In der Summe zeigen diese Ergebnisse einen Mangel bei der Verfügbarkeit von Musiktherapie für vulnerable Gruppen, die davon am meisten profitieren würden“, sagt Knott, der die AMTA-Ressourcengruppe für pädiatrische Musiktherapie leitete, die die Umfrage auch durchführte.

„Auf der Grundlage unserer Ergebnisse empfehlen wir, ein Best-practice-Vorgehen zu definieren, das am ehesten ein optimales Verhältnis zwischen Therapeut und Patient zu schaffen vermag, um die bestmögliche Versorgungsqualität zu gewährleisten“, sagt Knott. „Wir empfehlen, dass Ärzte und Institutionen herauszufinden versuchen, in welcher Form durch abgestufte Versorgungsmodelle die Verfügbarkeit derartiger Leistungen erweitert werden könnte.“

 
In der Summe zeigen diese Ergebnisse einen Mangel bei der Verfügbarkeit von Musiktherapie für vulnerable Gruppen, die davon am meisten profitieren würden. David Knott
 

Musiktherapeuten benötigen die Unterstützung der multidisziplinären Onkologieteams, um standardisierte Systeme zu entwickeln, welche eine Musiktherapie auf der Grundlage der Bedürfnisse des Patienten zu einem Therapieschwerpunkt machen können, erklärt Knott. Dies würde den Musiktherapeuten dabei helfen, die onkologischen Ziele in der Rehabilitation und in einer Beatmungssituation zu unterstützen und die Musik als nicht pharmakologischen Ansatz in der Schmerztherapie zu erforschen.

Was Musiktherapie bewirken kann

Knott und Bell sind Kollegen an der Academy of Neurologic Music Therapy. Sie bietet ihre musiktherapeutischen Dienste im Bereich der Rehabilitation, auf Akut- und Intensivstationen sowie auf geburtshilflichen Abteilungen ohne angeschlossene Kinderklinik an (neonatologische Versorgungsstufe IV).

Bell sagte, dass sich der Beruf in den vergangenen 30 Jahren seit Beginn ihrer Tätigkeit erheblich weiterentwickelt habe. „Musiktherapeuten stehen nicht nur während der akuten Klinikaufenthalte zur Verfügung, sondern setzen ihre Behandlung oft auch bei Nachuntersuchungen oder späteren Krankenhausaufenthalten fort.“

Bell hat erlebt, wie die musikbasierten therapeutischen Interventionen einen jungen Patienten dazu veranlassten, das Bett zu verlassen und eine Parade von Familie und Stationspersonal anzuführen. Einem jugendlichen Patienten, der sich entschieden hatte, seine Behandlung zu beenden, half das Schreiben von Liedern, seine Gefühle auszudrücken. Und der Familie eines palliativ versorgten Kindes hinterließ sie ein Stück, in dem sie den Herzschlag des Kindes verarbeitet hatte, erinnert sie sich.

Die Musiktherapeutin Cecelia Bartosiewicz, die auf der Krebsstation des Seattle Children's Hospital arbeitet, weiß, wie erschreckend ein Krankenhaus für kleine Kinder sein kann, die oft Angst vor dem Personal und den ganzen Dingen, die dort passieren, haben. Im Verlauf einer einzigen Musiktherapiesitzung könnten die besorgten Kinder mehr interagieren, ausdrucksstärker werden und eine bessere Compliance zeigen, sagt sie gegenüber Medscape.

„Ich habe Musik als Mittel eingesetzt, um eine Verbindung zu den Patienten herzustellen und darüber sichere und vertraute Momente während ihres Krankenhausaufenthalts zu schaffen. Sie suchen sich Lieder aus oder Instrumente, auf denen sie spielen, und ich folge dann oft dem Tempo, das sie für die Musik vorgeben.“

Auch Gruppen-Interventionen möglich

Musikbasierte Interventionen sind auch in Gruppensituationen sehr effektiv. Für die jüngsten Patienten, die eine Krebsbehandlung erhalten, bietet „Busy Bees“ im Seattle Children's Hospital ein Peer-Learning-Angebot unter der Anleitung eines Kunsttherapeuten, eines Child-life-Spezialisten und eines Mitglieds des Rehabilitationsteams. Für Patienten im Schulalter und Teenager bieten die musikbasierten Aktivitäten in einem Krankenhaus-Klassenzimmer den zusätzlichen Vorteil der sozialen Einbindung, so Knott.

Wenn er es mit einem schlecht gelaunten Teenager zu tun hat, der lieber Hardcore-Rap hätte, legt Knott seine Ukulele (zumindest vorübergehend) beiseite und besinnt sich auf seine Fähigkeiten beim Beatboxen, die er sich bei seinen Patienten abgeschaut hat. Dieser in der Hip-Hop- und Rap-Kultur populäre Vokal-Percussion-Stil hat es ihm ermöglicht, auch mit den unkooperativsten Jugendlichen in Kontakt zu kommen, wenn andere schon aufgegeben hatten. „Ich habe mich bei diesen Patienten mit dem Beatboxen auf dünnes Eis begeben“, gab er zu, „aber ich hatte großen Erfolg damit.“

Nach ein paar Sitzungen stimmen auch die widerspenstigsten Teenager den Entspannungsübungen zu und machen mit, während Knott dann wieder Ukulele spielt. Viele bitten ihn, ihnen das Spielen auf dem Instrument beizubringen, was er dann auch gerne tut. Dies ist ein weiterer Pluspunkt einer musikbasierten Behandlung für Klinikpatienten: Sie nehmen das Erlernte auch mit nach Hause, wenn sie das Krankenhaus wieder verlassen.

Unwiderstehlich für das Krankenhauspersonal

Der Klang der kleinen Ukulele ist auch für das Personal des Seattle Children's Hospital unwiderstehlich geworden. Nach nur 6 wöchentlichen Proben begann der Ukulele-Chor des Personals, bestehend aus Personen aus 40 Abteilungen, ohne nennenswerte musikalische Hintergründe im ganzen Krankenhaus spontane Konzerte zu geben und erntete dafür begeisterte Resonanz, sagt Knott.

 
All diese Dinge zeigen uns, wie wir Musik und im weiteren Sinne jede andere Kunstform nutzen können, um die Erfahrungen der Menschen in einem Krankenhaus zu beeinflussen. David Knott
 

Viele Mitarbeiter berichteten ihm, dass der Ukulele-Chor ihre Wertschätzung für das Arbeitsumfeld und ihr Verständnis für die Auswirkungen der Musiktherapie auf Patienten und Familien gesteigert habe. „All diese Dinge zeigen uns, wie wir Musik und im weiteren Sinne jede andere Kunstform nutzen können, um die Erfahrungen der Menschen in einem Krankenhaus zu beeinflussen“, so Knott. Er empfiehlt allen Personen, die an einem Musiktherapie-Programm interessiert sind, sich mit der AMTA in Verbindung zu setzen.

In Deutschland gibt es staatlich anerkannte Studiengänge in Musiktherapie mit einem Bachelor- oder Masterabschluss. Es gibt jedoch auch verschiedene qualifizierte private Ausbildungsstätten. Informationen dazu gibt es bei der Deutschen Musiktherapeutischen Gesellschaft.

Dieser Artikel wurde von Markus Vieten aus www.medscape.com übersetzt und adaptiert.

 

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