EMA schränkt Anwendung von Cyproteron nach neuen Sicherheitssignalen ein: So kann der Wirkstoff noch eingesetzt werden

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

17. Februar 2020

Der Ausschuss für Risikobewertung im Bereich der Pharmakovigilanz (PRAC) der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) hat bei seiner Sitzung Mitte Februar zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen bei der Verordnung von Cyproteron empfohlen. Damit soll das Risiko von Meningeomen, also gutartigen Hirntumoren, minimiert werden [1].

Experten des PRAC raten Ärzten, das Progesteron-Derivat in Dosen von täglich 10 mg oder mehr nur bei Hirsutismus, Alopezie, Akne und Seborrhö einzusetzen, falls andere Behandlungsoptionen, einschließlich der Therapie mit geringeren Mengen des Pharmakons, versagt haben. Sobald höhere Dosen zu wirken beginnen, sollten Ärzte die Gabe wieder verringern.

Antiandrogen seit den 1970er-Jahren zugelassen

Cyproteron, ein synthetisches Progesteron, wirkt als kompetitiver Antagonist am Androgenrezeptor. Seine antiandrogenen Eigenschaften machen sich Ärzte bei Patienten mit von Akne, Hirsutismus, Alopezie, Prostatakrebs oder Hypersexualität zu Nutze. Es wird auch zur Empfängnisverhütung und in der Hormonersatztherapie eingesetzt. Solche Medikamente enthalten entweder Cyproteron allein oder in Kombination mit einem Östrogen.

Der Arzneistoff ist in Europa seit den 1970er-Jahren über nationale Verfahren zugelassen und unter verschiedenen Handelsnamen auf Rezept erhältlich.

Neue Hinweise auf seltene Gehirntumore

Hinweise auf die Assoziation von Cyproteron mit Meningeomen sind schon länger bekannt. Im Jahr 2009 wurden erstmals Warnungen in die Fachinformation und in den Beipackzettel aufgenommen. Dies betraf Tagesdosen von 10 mg Cyproteron oder mehr. Meningeome in der Vorgeschichte sind seither eine Kontraindikation für den Arzneistoff.

Doch es gab neue Sicherheitssignale. Die aktuelle, vom PRAC jetzt abgeschlossene Überprüfung umfasste Ergebnisse einer epidemiologischen Studie. Französische Wissenschaftler berichten über dosisabhängige Assoziationen zwischen der Verordnung von Cyproteron und Meningeomen. Hinzu kam eine Analyse der französischen Arzneimittelbehörde ANSM. Daten des europäischen Registers EudraVigilance zu unerwünschten Effekten des Arzneistoffs standen ebenfalls zur Verfügung.

Auf Basis aller Informationen nennt der PRAC je nach Dosis und Dauer der Behandlung zwischen 1 und 10 zusätzliche Meningeome pro 10.000 Patienten, die Cyproteron erhalten. Das Risiko steigt mit zunehmender kumulativer Dosis, sprich der Menge, die ein Patient im Laufe der Zeit eingenommen hat, weiter an.

„Verfügbare Daten weisen nicht auf ein Risiko für niedrig dosierte Cyproteron-Medikamente hin, die 1 oder 2 mg Cyproteron in Kombination mit Ethinylestradiol oder Estradiolvalerat enthalten und bei Akne, Hirsutismus, zur Verhütung oder zur Hormonersatztherapie eingesetzt werden“, schreibt die EMA in einer Mitteilung. „Als Vorsichtsmaßnahme sollten sie jedoch nicht bei Personen angewendet werden, die ein Meningeom haben oder hatten.“ Diese Einschränkung gelte bereits für höher dosierte Medikamente.

Das sollten Ärzte jetzt beachten

Der PRAC empfiehlt Ärzten bis zum Abschluss des Verfahrens, folgende Hinweise zu beachten:

  • Meningeome werden mit ≥ 25 mg Cyproteron in Verbindung gebracht – und zwar bei mehrjähriger Pharmakotherapie.

  • Medikamente, die 10 mg oder mehr Cyproteron enthalten, sollten nur bei Hirsutismus, androgenetischer Alopezie, Akne und Seborrhö eingesetzt werden, falls andere Behandlungsoptionen wie niedrig dosierte Cyproteron-haltige Medikamente nicht wirken.

  • Nach der klinischen Besserung sollte die Menge allmählich auf die niedrigste wirksame Dosis verringert werden.

  • Cyproteron-Medikamente sollten bei Männern nur dann zur Verringerung ihres Sexualtriebs eingesetzt werden, falls andere Therapien ungeeignet sind.

  • Ärzte sollten Patienten auf klinische Anzeichen eines Meningeoms überwachen. Die Symptome können unspezifisch sein und folgende Symptome umfassen: Veränderungen im Sehvermögen, Hörverlust oder Ohrensausen, Geruchsverlust, Kopfschmerzen, die sich mit der Zeit verschlimmern, Gedächtnisverlust, Krampfanfälle oder Schwäche in den Extremitäten.

  • Über diese Beschwerden sind Patienten zu informieren mit dem Hinweis, umgehend ihren Arzt aufzusuchen.

  • Falls bei einem mit Cyproteronacetat behandelten Patienten ein Meningeom diagnostiziert wird, muss die Pharmakotherapie gestoppt werden; der Wirkstoff ist generell, auch nach der Therapie des benignen Tumors, kontraindiziert.

  • Auch Cyproteronacetat (1 und 2 mg) in Kombination mit Ethinylestradiol oder Estradiolvalerat ist bei Patienten mit einem Meningeom kontraindiziert.

  • Es gibt keine Änderung in der Anwendung von Cyproteron beim Prostatakarzinom. Das Pharmakon wird zur Antiandrogen-Therapie bei inoperablem Prostatakrebs eingesetzt, auch zur Verhinderung von Nebenwirkungen wie Hitzewallungen oder Schweißausbrüchen beim Einsatz von LHRH-Agonisten.

Maßnahmen für mehr Sicherheit

Im Rahmen der laufenden Überwachung der Sicherheit der Medikamente müssen Unternehmen, die Medikamente mit ≥ 10 mg Cyproteron auf den Markt bringen, Maßnahmen ergreifen, um das Bewusstsein von Ärzten für mögliche Risiken zu verbessern.

Alle PRAC-Empfehlungen wurden der Koordinierungsgruppe für Verfahren der gegenseitigen Anerkennung und Dezentralen Verfahren weitergeleitet, die dazu Stellung nehmen wird. Im Gremium sind alle EU-Mitgliedstaaten sowie Island, Liechtenstein und Norwegen vertreten. Ziel des Verfahrens ist, EU-weit harmonisierte Sicherheitsstandards für Arzneimittel zu gewährleisten, die über nationale Verfahren zugelassen worden sind.

 

Kommentar

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