Nun also doch der Brexit! Unsere britischen Kollegen dokumentieren die Folgen für Ärzte und Gesundheitssystem

Peter Russell

Interessenkonflikte

12. Februar 2020

Was lange währt … Aber jetzt ist er vollbracht: Der Brexit ist da. Das Vereinigte Königreich (UK) hat die EU verlassen – fast 4 Jahre, nachdem das Volk in einem Referendum darüber abgestimmt hatte. Diese lange Wartezeit bot reichlich Raum für Gerüchte und Spekulationen jeglicher Art, bei denen es nicht selten auch um Gesundheitsfragen ging.

Doch was passiert nun konkret? Der britische Gesundheitsdienst NHS erwartet „nach dem 31. Januar keine Veränderungen in der medizinischen Versorgung der Bevölkerung oder im Gesundheitswesen im Zusammenhang mit dem Brexit. Es wird auch im weiteren Verlauf des Jahres keine offensichtlichen Veränderungen geben. Dies liegt an den getroffenen Vereinbarungen“, heißt es.

In der Vereinbarung reicht der Umsetzungszeitraum bis zum 31. Dezember 2020. Während dieser 11-monatigen Verhandlungen wird sich Großbritannien weiterhin an EU-Recht halten. Aber was ist für die Zukunft zu erwarten?

Großbritannien und das EU-Gesundheitssystem

Am 1. Februar 2020 wird es infolge des Brexits zu keinerlei Veränderungen in der medizinischen Versorgung von britischen Bürgern, EU-Bürgern oder anderen Personen kommen, so das offizielle Statement.

Alle bisher geltenden EU-Bestimmungen zu den Krankenversicherungen bleiben für Personen, die in der EU leben, reisen oder arbeiten, im gesamten Jahr 2020 gültig. Reisende in der EU können weiterhin ihre Europäische Krankenversicherungskarte (EKVK) verwenden, was auch die Deckung für bereits bestehende Erkrankungen beinhaltet.

Über die längerfristige Zukunft der EKVK wird im Rahmen der Verhandlungen über die künftigen Beziehungen zwischen EU und UK entschieden, aber die Regierung hat bereits früher erklärt, dass „britische und EU-Staatsangehörige weiterhin in der Lage sein sollten, die EKVK zu nutzen, um im Bedarfsfall, etwa während eines Urlaubes, medizinische Versorgung in Anspruch nehmen zu können“.

Beim NHS hört sich das so an: „Britische Rentner, die eine UK-Rente beziehen, haben bis Ende 2020 weiterhin Anspruch auf medizinische Versorgung in dem EU-Land, in dem sie wohnen. Diese Regelung wird für Briten, die am Brexit-Tag in Ländern der EU wohnen, wahrscheinlich auf unbestimmte Zeit weitergeführt, ist aber Gegenstand der nächsten Verhandlungsphase.“

Die Zukunft der Beschäftigten im Gesundheits- und Sozialwesen

Alle EU-Bürger, die derzeit in Großbritannien leben, einschließlich der 165.000 Mitarbeiter des Europäischen Wirtschaftsraums (EWR), die bereits im Gesundheits- und Sozialwesen arbeiten, können für den Rest des Jahres 2020 dort bleiben, ohne dass sich ihr Einwanderungs- oder Beschäftigungsstatus ändern muss.

Allerdings müssen sie sich in diesem Jahr mit dem „EU Settlement Scheme“ befassen, der neuen Aufenthaltsregelung der britischen Regierung für EU-Bürger, um auch in Zukunft ein Bleiberecht in Großbritannien zu erhalten.

Während der Übergangszeit sollte sich auch nichts daran ändern, wie Ärzte aus dem Vereinigten Königreich, die in der EU sowie in Island, Liechtenstein und Norwegen arbeiten wollen, dort registriert werden sollen, hat die britische Ärztekammer (General Medical Council) bestätigt. Man wies jedoch darauf hin, dass das, was nach der Übergangszeit gelten solle, ebenfalls vom Ergebnis der Verhandlungen abhängig sei.

Im Oktober 2019 hatte der Think-Tank des King's Fund für Gesundheitsfragen geschätzt, dass dann fast 100.000 Mitarbeiter (9% der Stellen) im Gesundheits- und Sozialwesen fehlen würden. Darin hieß es, dass „das Werben um ausländische Mitarbeiter ein Schlüsselfaktor zur Bewältigung dieses Arbeitskräftemangels ist“ und dass „die Auswirkungen des Brexits für das Gesundheits- und Pflegepersonal von der künftigen Migrationspolitik und den angedachten Hindernissen bzw. Anreizen für das Leben und Arbeiten in Großbritannien und seinem Gesundheits- und Sozialwesen abhängen werden“.

Einschätzungen zweier in London lebender Europäer

Im vergangenen Jahr sprach Medscape mit 2 Ärzten aus Frankreich und Spanien, die in Großbritannien arbeiten, über ihre Bedenken bezüglich des Brexits. Wir haben uns jetzt erneut mit ihnen in Verbindung gesetzt, um nachzufragen, wie es ihnen inzwischen ergeht.

 
Nach meiner Erfahrung … hat sich an der Art und Weise, wie wir unseren Beruf ausüben, nichts geändert. Dr. Eliezer Ramírez
 

Dr. Eliezer Ramírez, spanischer Arbeitsmediziner, der in London lebt und arbeitet, sagte gegenüber Medscape: „Nach meiner Erfahrung und im Hinblick auf diesen Prozess hat sich an der Art und Weise, wie wir unseren Beruf ausüben, nichts geändert. Um uns herum sind alle sehr verständnisvoll, was Fragen angeht, die sich möglicherweise stellen könnten, und man hält uns auf dem Laufenden.“

Ramírez möchte das Vereinigte Königreich nicht verlassen: „In meinem speziellen Fall wurde mein Antrag im November 2019 bewilligt. Danach ist es mir erlaubt, hier zu leben und zu arbeiten, während ich meine Rechte als EU-Bürger bis 2024 behalte. Dann werde ich mein Bleiberecht erneut beantragen müssen.“

Der französische Arzt Dr. Guillaume Lafaurie leitet in London eine bauchchirurgische Abteilung: „Da der Brexit nun Realität ist, gibt es 3 Szenarien für medizinisches Personal aus der EU: Wer bereits im Vereinigten Königreich arbeitet, wird keine Probleme bekommen. Jeder Ausländer, der für das NHS arbeitet, wird das auch weiterhin tun können. Bisher konnte das dauerhafte Aufenthaltsrecht nach 5 Jahren beantragt werden, so wie es auch bei mir selbst der Fall war. Aber jetzt kann jeder Arbeitnehmer aus der EU, der vor dem Brexit-Datum in UK lebte und arbeitete, ein vorläufiges Aufenthaltsrecht beantragen, das bis zu der 5-Jahresfrist läuft, die zur Erlangung eines dauerhaften Aufenthaltsrechtes berechtigt. Es wird daher nicht notwendig sein, ein Arbeitsvisum zu beantragen“, sagte Lafaurie.

„Wer zwischen dem 31. Januar 2020 und dem 31. Dezember 2020 kommt, wird praktisch denselben Status mit einer vorübergehenden Aufenthaltsgenehmigung erhalten. Für diejenigen, die jedoch nach dem 31. Dezember 2020 eine Arbeit im Gesundheits- oder Sozialwesen aufnehmen möchten, ist die Situation noch unklar. Wir wissen auch nicht, ob es notwendig sein wird, eine Prüfung zu wiederholen, was bisher für Nicht-EU-Bürger der Fall war“, so Lafaurie.

Er glaubt, dass es einige positive Aspekte für Angehörige der Gesundheitsberufe gibt. Er sagte, dass die britische Regierung „einen Brückenschlag zwischen den Disziplinen vorgeschlagen hat, um es etwa Apothekern und Sanitätern zu ermöglichen, nach einer 3-jährigen Ausbildung den Arztberuf ausüben zu können (in UK dauert das Medizinstudium im Regelfall 5 Jahre)“.

 
Für diejenigen, die nach dem 31. Dezember 2020 eine Arbeit im Gesundheits- oder Sozialwesen aufnehmen möchten, ist die Situation noch unklar. Dr. Guillaume Lafaurie
 

Lafaurie fügte hinzu: „Ich möchte außerdem darauf hinweisen, dass es bisher für Pflegende aufgrund der beruflichen Weiterentwicklungsmöglichkeiten ziemlich attraktiv war, ins Vereinigte Königreich zu kommen, um dort zu arbeiten. So kann z.B. eine endoskopische Fachassistenzkraft, die 2 Jahre lang in der Gastroenterologie und Chirurgie bei der Durchführung von Endoskopien mitgewirkt hat, eine Prüfung ablegen und selbst zum Endoskop greifen.“

Die Situation bei Arzneimitteln und Medizinprodukten

Die Androhung eines „No-Deal-Brexit“ löste enorme Bedenken hinsichtlich der Verfügbarkeit von Medikamenten aus, falls das Vereinigte Königreich die EU ohne einen Deal verlassen würde. Die Regierung investierte beträchtliche Geldmengen in schnelle Lieferungen aus Europa.

Da sich UK und die EU nun auf ein ratifiziertes Abkommen geeinigt haben, wird sich das Vereinigte Königreich bis Ende 2020 weiterhin an die EU-Vorschriften, Handels- und Zollregelungen halten. Dadurch ist es für das Land nicht mehr notwendig, Medikamente zu lagern oder die Import- oder Exportvereinbarungen von Gesundheitsunternehmen zu ändern.

Die Situation bei der medizinischen Forschung und bei klinischen Studien

Es sollte keine Änderung der derzeitigen Forschungsvereinbarungen geben. Patienten, die aktuell an einer EU-Studie teilnehmen, sollten dies auch weiterhin tun können. Auch die Forscher selbst werden weiterhin wie gewohnt über die EU-Rahmenprogramme zusammenarbeiten können.

Der NHS warnte jedoch davor, dass, „wenn keine spezifischen Vereinbarungen über die gegenseitig anerkannten Versicherungsleistungen getroffen werden, ab 2021 vulnerable Reisende ein Risiko eingehen“.

Außerdem: „Wenn wir keine Vereinbarung darüber haben, wie wir mit den Vorschriften und Zöllen für Medikamente und Medizinprodukte umgehen, könnten sich Arzneimittellieferungen verzögern, wodurch komplexe medizinische Versorgungsketten nicht mehr funktionieren würden.“

Dieser Artikel wurde von Markus Vieten aus www.medscape.com übersetzt und adaptiert.
 

Kommentar

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