Verzerrte Evidenz: Cochrane-Autoren beklagen, dass Ergebnisse klinischer Studien nur lückenhaft veröffentlicht werden

Michael van den Heuvel 

Interessenkonflikte

11. Februar 2020

Für Ärzte sind Cochrane Reviews wertvolle Grundlagen, um evidenzbasiert zu diagnostizieren und zu therapieren. „Doch seit den 1990er-Jahren gibt es eine Vielzahl an Untersuchungen, die zeigen, dass nicht von allen klinischen Studien Ergebnisse in Fachpublikationen veröffentlicht werden“, sagt Prof. Dr. Jörg Meerpohl zu Medscape. Er ist Direktor von Cochrane Deutschland und Direktor des Instituts für Evidenz in der Medizin am Universitätsklinikum Freiburg.

 
Dass Universitätskliniken offenbar nicht einmal 10 Prozent ihrer Studienergebnisse innerhalb des empfohlenen Zeitraums öffentlich zugänglich machen, ist völlig inakzeptabel. Prof. Dr. Jörg Meerpohl
 

Jetzt zeigen Analysen von Dr. Nicholas J. DeVito und Kollegen in The Lancet, dass nur 41% der Resultate innerhalb von 12 Monaten auch über das Register ClinicalTrials.gov abrufbar sind [1]. DeVito forscht am Nuffield Department of Primary Care Health Sciences der University of Oxford. Ähnliche Probleme sind auch in Deutschland zu beobachten. 

„Für die Arbeit von Cochrane ist der lückenlose Zugriff auf Daten von allen Studien jedoch essenziell“, so Meerpohl. „Unsere systematischen Übersichtsarbeiten sollen die gesamte Evidenz zu einer konkreten Forschungsfrage abbilden, nicht nur einen verzerrten Ausschnitt.“ Nur so werden sie ihrem Anspruch gerecht, die bestmögliche Evidenz-Grundlage für Entscheidungen für oder gegen Therapieoptionen zu liefern.

„Universitätskliniken sollten hier eigentlich mit gutem Beispiel vorangehen“, ergänzt der Experte. „Dass sie stattdessen offenbar nicht einmal 10 Prozent ihrer Studienergebnisse innerhalb des empfohlenen Zeitraums öffentlich zugänglich machen, ist völlig inakzeptabel.“

Nur 41% der Ergebnisse fristgerecht publiziert

Dazu ein Blick in die USA: Laut Food and Drug Administration Amendments Act (FDAAA) aus dem Jahr 2007 müssen Sponsoren klinischer Studien ihre Ergebnisse innerhalb eines Jahres nach Abschluss direkt an das Register ClinicalTrials.gov melden. DeVito und Kollegen wollten wissen, inwieweit solche Regeln auch eingehalten werden.

 
Die Einhaltung der FDAAA-Regulationen aus 2007 ist schlecht und verbessert sich nicht. Dr. Nicholas J. DeVito und Kollegen
 

Um die Zeitabhängigkeit zu untersuchen, haben sie zwischen März 2018 und September 2019 jeden Monat Daten aus ClinicalTrials.gov heruntergeladen. Ausgeschlossen wurden Studien, bei denen die 1-Jahres-Frist noch nicht erreicht worden war oder bei denen es – aus welchen Gründen auch immer – Verlängerungen gab.

In die Analyse konnten 4.209 Studien einbezogen werden. Bei 1.722 (40,9%) fanden die Forscher publizierte Ergebnisse innerhalb der 1-Jahres-Frist, und bei 2.686 Arbeiten (63,8%) gab es generell Ergebnisse.

Gesetzliche Vorschriften oft ignoriert

Die Wahrscheinlichkeit, dass Industriesponsoren die FDAAA-Vorschriften einhielten, war signifikant höher als bei sonstigen Geldgebern (Odds Ratio [OR] 3,08). Auch Sponsoren, die eine große Anzahl von Studien durchführen, hielten sich häufiger daran (OR 11,84), verglichen mit Firmen, die nur einzelne Studien förderten.

Der Zeitraum zwischen dem Studienabschluss und dem Datum, an dem Resultate eingereicht worden sind, betrug im Schnitt 424 Tage. Das sind 59 Tage mehr als die gesetzliche Meldepflicht von einem Jahr.

„Die Einhaltung der FDAAA-Regulationen aus 2007 ist schlecht und verbessert sich nicht“, kritisieren DeVito und Kollegen im Artikel. Von Aufsichtsbehörden fordern sie, geltende Regularien auch durchzusetzen. Bis dahin wollen sie unter fdaaa.trialstracker.net Informationen darüber zusammenstellen und regelmäßig aktualisieren.

Speziell für Europa liefert der EU Trials Tracker der University of Oxford solche Informationen.

Ein Blick auf Deutschland: Unis veröffentlichen nur 6,7% der Resultate

Zu ähnlich ernüchternden Ergebnissen wie DeVito kamen Ende 2019 TranspariMED und die Buko Pharma-Kampagne. Beide NGOs setzen sich für mehr Transparenz in der medizinischen Forschung ein.

Sie identifizierten im europäischen Register EudraCT (European Union Drug Regulating Authorities Clinical Trials) 477 klinische Studien, die seit mehr als 12 Monaten abgeschlossen waren. Es handelte sich um durchaus relevante Themen, etwa Studien zur Therapie maligner Erkrankungen, von Typ-2-Diabetes oder Multipler Sklerose.

In 445 Fällen (93,3%) gab es dazu keine Ergebnisse – nur 6,7% der Resultate wurden im Register oder in einem Journal veröffentlicht. Zum Vergleich: EU-weit liegt die Rate bei 62,5%.

 
Nicht gemeldete Studien schaden Patienten, untergraben die öffentliche Gesundheit und verschwenden öffentliche Gelder. Till Bruckner
 

„Das Ausmaß des Versäumnisses der deutschen Universitäten, die Ergebnisse ihrer klinischen Studien vollständig zu melden, ist schockierend“, kommentiert Till Bruckner von TranspariMED. „Nicht gemeldete Studien schaden Patienten, untergraben die öffentliche Gesundheit und verschwenden öffentliche Gelder.“

Die Autoren weisen jedoch auf große Unterschiede je nach Hochschule hin: In Münster hat man 61% der Studienergebnisse anderen Forschern zugänglich gemacht, gefolgt von Regensburg (29%), Würzburg (25%), Leipzig (22%), Düsseldorf (20%), Aachen (18%), Ulm (15%), Jena (14%), Duisburg-Essen (9%), Freiburg (7%), München LMU (7%), München TU (4%), Mainz (3%) und Berlin (Charité, 3%). Alle anderen Hochschulen kommen auf 0%.

Meerpohl weist jedoch darauf hin, Universitäten würden mittlerweile das Problem verstärkt wahrnehmen. Sie hätten auch erste Schritte in die Wege geleitet, um nachzubessern.

Gründe für mangelnde Transparenz

Doch wie lässt sich dies erklären? „Die Wahrscheinlichkeit, ob eine Studie in einem Journal publiziert wird, hängt von den Ergebnissen ab“, so Meerpohl. „Beeindruckende, positive Resultate werden eher publiziert.“ Dieser „Disseminationsbias“ oder „Publikationsbias“ ist lange bekannt. Er bereitet der evidenzbasierten Medizin enorme Probleme.

„Bei therapeutischen Effekten nehmen wir eine Gauß-Verteilung an“, ergänzt der Experte. „Fehlen Studien, die keine oder nur eine geringe Wirkung gezeigt haben, führt das zu einer Überschätzung der Interventionseffekte.“ Hier handele es sich dann um eine systematisch verzerrte Evidenzbasis, die bei systematischen Übersichtsarbeiten zu Verzerrungen führe. „Treffen dann Ärzte auf dieser Basis Entscheidungen, wird die Sache problematisch“, kommentiert Meerpohl.

Maßnahmen für mehr Transparenz

Nach Lösungen gefragt, erwähnt Meerpohl die Registrierung von Studien auf Plattformen wie ClinicalTrials.gov, dem Deutschen Register Klinischer Studien (DRKS) oder ähnlichen Portalen. „Für jede Studie wird eine Art Geburtsurkunde hinterlegt“, erklärt Meerpohl. „Dann wissen wir zumindest, dass eine Studie durchgeführt worden ist. Und wir können gezielt nach Ergebnissen fragen, falls wir keine Veröffentlichung finden.“

 
Wir sind noch nicht dort angelangt, dass wir vollständige, verlässliche und strukturierte Daten in den Registern haben. Prof. Dr. Jörg Meerpohl
 

Neben der initialen Registrierung können Wissenschaftler ihre Ergebnisse auch nach Abschluss ihrer Arbeiten mittlerweile in diesen Portalen öffentlich zugänglich machen – ohne den üblichen Peer-Review-Prozess von Fachzeitschriften und ohne die Gefahr, dass Studienergebnisse ohne signifikante Resultate abgelehnt werden. Doch die Qualität der Daten sei „variabel“.

Meerpohl: „Wir sind noch nicht dort angelangt, dass wir vollständige, verlässliche und strukturierte Daten in den Registern haben.“ Er kann sich aber vorstellen, die finanzielle Förderung aus öffentlichen Mitteln auch davon abhängig zu machen, dass Daten in geeigneter Form öffentlich zugänglich gemacht werden.
 

Kommentar

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