Coronavirus: US-Infektiologe vermutet viele unerkannte wenig symptomatische Infektionen

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

10. Februar 2020

Das neue Coronavirus hat jetzt bereits mehr Tote gefordert als SARS. 908 Menschen sind laut offizieller Statistik (Stand: 10. Februar, 8 Uhr) infolge einer Infektion gestorben, mehr als 40.000 Menschen sind weltweit infiziert. Außerhalb Chinas sind bislang mehr als 300 Infektionen (darunter ein Todesfall) in 24 Ländern bestätigt, davon 14 in Deutschland. An SARS waren im Jahr 2002/2003 insgesamt 8.096 Menschen erkrankt und 774 gestorben.

Zunehmend muss die Weltgesundheitsorganisation (WHO) aber nicht nur gegen das Virus, sondern immer mehr auch gegen Fehlinformationen kämpfen.

Gute Übertragbarkeit bei verringerter Mortalitätsrate

Im Gespräch mit JAMA-Herausgeber Howard Bauchner machte Dr. Anthony Fauci, Direktor des National Institute of Allergy and Infectious Diseases, NIH am vergangenen Donnerstag deutlich, dass es sich bei der Zahl der bestätigten Fälle von 2019-nCoV lediglich um diejenigen handelt, die sich mit Symptomen in einer Klinik vorstellen – also nur die Spitze des Eisbergs. Von diesen zeigten 25% schwere Symptome, so dass sie der Intensivpflege bedürfen.

„Es gibt aber noch eine ganz andere Kohorte – nämlich diejenigen, die entweder asymptomatisch sind oder nur minimale Symptome aufweisen und das macht den tatsächlichen Nennwert der Infizierten viel größer“, so Fauci im Interview.

 
Historisch betrachtet war es in der Regel so, dass sich speziell bei respiratorischen Infektionen die Mortalitätsrate verringert, je effektiver sie darin werden, sich zu verbreiten. Dr. Anthony Fauci
 

Diese Kohorte spiele eine wichtige Rolle für die Berechnung der Mortalitätsrate, betonte Fauci. 2019-nCoV weist nach derzeitiger Einschätzung und Berechnung noch eine Mortalitätsrate von 2% auf. Das sei deutlich weniger als bei SARS, das eine Mortalitätsrate von 9 bis 10% hatte, aber auch nicht so leicht übertragbar war. Auch MERS habe sich nicht so leicht ausgebreitet, wies aber eine Mortalitätsrate von sogar 36% auf.

Möglicherweise, so Fauci, bewege sich die Mortalitätsrate beim neuen Coronavirus im Bereich der Influenza. Hier betrage sie in einer normalen Saison 0,1%, bei schweren Pandemien wie 1957 oder 1968 stieg sie auf 0,8 bis 1,2%.

Die Grundvermehrungsrate R0 für 2019-nCoV liege zwischen 2 und 3, so Fauci. Ein Infizierter steckt also 2 bis 3 weitere Menschen an. „Das bedeutet, dass das Virus gut darin ist, sich von Mensch zu Mensch zu verbreiten. Historisch betrachtet war es in der Regel so, dass sich speziell bei respiratorischen Infektionen die Mortalitätsrate verringert, je effektiver sie darin werden, sich zu verbreiten.“

Allerdings, so Fauci, gab es Ausnahmen: Etwa die Spanische Grippe 1918 deren Mortalitätsrate deutlich über 2% und damit deutlich über der einer schweren saisonalen Influenza lag.

WHO kämpft gegen Fehlinformationen

Doch wie auf der Pressekonferenz der WHO am Samstag deutlich wurde, kämpft die WHO nicht nur gegen 2019-nCoV sondern mehr und mehr gegen Trolle und Verschwörungstheoretiker: „Während sich 2019-nCoV ausbreitet, machen Fehlinformationen den Job der mutigen Ärzte und Pfleger immer schwerer. Fehlinformationen lenken die Aufmerksamkeit der Entscheidungsträger ab, stiften Verwirrung und verbreiten Angst in der Öffentlichkeit“, machte WHO-Direktor Dr. Tedros Adhanom Ghebreyesus deutlich und fügte hinzu: „Wie eine Überschrift im Guardian heute so treffend formuliert: ‚Die Fake News über 2019-nCoV könnten das Ansteckendste daran sein‘.“

 
Fehlinformationen lenken die Aufmerksamkeit der Entscheidungsträger ab, stiften Verwirrung und verbreiten Angst in der Öffentlichkeit. Dr. Tedros Adhanom Ghebreyesus
 

Gegen die Flut von Fake News kämpft die WHO auf mehreren Ebenen. Über das Netzwerk EpiWin werden Fehlinformationen in verschiedenen Sprachen aufgespürt. Das InfoDemie-Team der WHO arbeitet Hand in Hand mit der Öffentlichkeitsabteilung zusammen, um valide Informationen herauszugeben, mit Mythen aufzuräumen und durch Live-Interviews mit WHO-Experten Gerüchte zu beenden.

Dass sich Fehlinformationen auf Handlungen auswirken, zeigte sich auf der Pressekonferenz der WHO am Freitag, auf der Ghebreyesus über einen Mangel an Schutzausrüstungen berichtet hatte. Weltweit herrsche ein Mangel an Schutzmasken und Schutzausrüstungen – die Nachfrage sei aktuell 100 Mal höher als sonst.

Hauptgrund dafür sei der „weitläufige Einsatz abseits der Versorgung von Patienten“ – die Angst in der Öffentlichkeit verstärke die Nachfrage. „Wir müssen sicherstellen, dass die Schutzkleidung dahin kommt, wo sie am meisten benötigt wird“, appellierte Ghebreyesus – beim medizinischen Personal, und bei den Menschen, die Erkrankte pflegen.

Wie aktiv Trolle und Verschwörungstheoretiker arbeiten, lässt sich bei den Live-Pressekonferenzen der WHO auf Twitter gut beobachten. Im Minutentakt erscheinen Posts mit Inhalten wie „Die WHO hält Informationen über die Schwere der Erkrankung zurück“, „Kann man der WHO noch trauen?“, „Die tatsächliche Zahl der Toten und Infizierten wird geheim gehalten. Die Bilder derer, die tatsächlich geheilt sind, sind reine Propaganda“ und ähnliches.

Auch die Taiwan News griff das Thema auf, indem sie berichtete, die Internet-Firma Tencent habe versehentlich und für kurze Zeit die richtige Zahl der Todesopfer geleakt, die um ein Vielfaches höher als die offiziellen Zahlen liege.

Tod eines chinesischen Arztes wirft Fragen auf

Befeuert wird die Gerüchteküche zusätzlich durch den Tod von Dr. Li Wenliang in der Nacht von Donnerstag auf Freitag. Der Arzt hatte als einer der ersten über SARS-ähnliche Fälle von Lungenerkrankungen im Huanan-Fischmarkt an Kollegen berichtet – und war daraufhin von der städtischen Gesundheitskommission mehrfach vernommen worden.

„Doktor Li Wenliang, einer der 8 Mediziner, die versucht hatten, andere vor dem Coronavirus zu warnen, aber von der lokalen Polizei aufgehalten wurden, stirbt am Freitagfrüh in Wuhan am Coronavirus“, teilte z.B. die Global Times am Freitagvormittag mit. Spekuliert wurde z.B., ob der Tod des jungen Mediziners nicht ungelegen kam, ob womöglich nachgeholfen wurde oder ob der Tod von Li nicht zeige, dass das Virus viel schlimmer sei, als bislang behauptet.

Durch seinen Tod ist der 34-Jährige zumindest zum tragischen Symbol geworden für die rigide Informationspolitik Chinas. In den sozialen Netzwerken herrschen Trauer und Wut.

Der Hashtag: „Wir wollen Redefreiheit“ verbreitete sich zunächst, dann wurde er zensiert. Der Tod Lis zeigt aber, unter welchen Bedingungen Ärzte und Gesundheitspersonal in der Volksrepublik seit Wochen gegen die Verbreitung von 2019-nCoV kämpfen. Weil die Übertragung von Mensch zu Mensch zunächst nicht bekannt war, haben sich in den ersten Wochen wohl auch viele chinesische Ärzte und Pfleger infiziert.

In Fake News zu 2019-nCoV wird auch Schadsoftware transportiert

Neben Desinformation geht von Fake News aber noch eine andere Gefahr aus: In Videos und Dokumenten ist häufig Schadsoftware versteckt, berichtet das ZDF.

Mehr als 40 unterschiedliche Computerviren, massenhaft Spam-Mails zum Ausspähen von Kreditkarteninformationen und Erpresser-Trojaner haben IT-Sicherheitsunternehmen im Zusammenhang mit Fake News zum Coronavirus gefunden. „Bislang haben allein wir 32 einzigartige Dateien mit Schadsoftware entdeckt“, erklärt Anton Ivanov vom IT-Sicherheitsunternehmen Kaspersky.

WHO veranstaltet globales Forschungsforum

„Die Macht der Wissenschaft ist entscheidend, um diesen Ausbruch unter Kontrolle zu bringen“, betonte Ghebreyesus auf Twitter. „Wir sollten uns von Fakten leiten lassen, nicht von Furcht, und von Wissenschaft, und nicht von Gerüchten – und genau deshalb lassen wir die Wissenschaft die Führung übernehmen.“

 
Die Macht der Wissenschaft ist entscheidend, um diesen Ausbruch unter Kontrolle zu bringen Dr. Tedros Adhanom Ghebreyesus
 

Die WHO veranstaltet daher am 11.und 12. Februar in Genf ein internationales Forschungs- und Innovationsforum zum Thema. Dort sollen Prioritäten in der Forschung zu 2019-nCoV identifiziert und die internationale Forschung soll koordiniert werden. Die Entwicklung von Impfstoffen, Therapeutika und Diagnostika sowie anderer Innovationen soll ebenfalls verfolgt werden. Die Experten wollen dazu auf der bestehenden SARS- und MERS-Coronavirus-Forschung aufbauen.

„Das Verständnis der Krankheit, ihres Reservoirs, die Übertragung, der klinische Schweregrad und die anschließende Entwicklung wirksamer Gegenmaßnahmen sind entscheidend für die Kontrolle des Ausbruchs, die Verringerung der Todesfälle und die Minimierung der wirtschaftlichen Auswirkungen“, machte Dr. Soumya Swaminathan, Leiterin der Wissenschaftsabteilung bei der WHO, deutlich.

Bei der Bekämpfung des Virus könnte China kompetente Hilfe erhalten, doch bisher – so scheint es – ignoriert China Hilfsangebote der WHO und den USA. Wie die New York Times berichtet, besteht das Angebot, Experten der CDC nach China zu schicken, seit einem Monat. Auch auf das Angebot der WHO vor 2 Wochen, Personal nach China zu schicken, hat das Land bislang nicht reagiert.

Führt 2019-nCoV zu Lieferengpässen von Medikamenten in Deutschland?

Vor Lieferengpässen bei Medikamenten warnen Apotheker seit langem. Aktuell gilt das für 257 Arzneimittel, darunter Krebsmittel und Blutdrucksenker. Viele Stoffe werden in China produziert. Könnte 2019-nCoV das Problem weiter verschärfen?

Wie die Apothekenumschau berichtet, hat das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) beim Bundesverband Pharmazeutische Industrie (BPI) nachgefragt, ob die Gefahr von Lieferengpässen besteht. Der BPI sieht diese Gefahr bei 48 Wirkstoffen. Bislang allerdings sei es noch nicht zu Lieferengpässen gekommen, die durch die Epidemie oder die Maßnahmen der Regierung bedingt sind. Ob das so bleibe, lasse sich allerdings nicht sagen.

Schon lange vor dem Ausbruch war die Versorgungslage mit Arzneimitteln heikel. Die Situation, dass wenige Hersteller in wenigen Ländern einen großen Teil des Weltmarkts mit Arzneimitteln beliefern, macht die Versorgung anfällig. Fällt die Produktion bei einem Hersteller aus, lasse sich das nicht durch andere Lieferanten ausgleichen, so das BPI. Möglicherweise trage die Epidemie in Hubei dazu bei, das Problem der Lieferengpässe energischer anzugehen.

Kommentar

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