Prostata, Brust, Haut, Niere, Schilddrüse: Jeder 5. Krebs an einem dieser Organe ist eine Überdiagnose

Liam Davenport

Interessenkonflikte

10. Februar 2020

Etwa 20% der Diagnosen von 5 häufigen Krebsarten sind das Ergebnis von Überdiagnosen – so das Fazit einer Studie aus Australien, in der nationale Gesundheitsdaten aus 30 Jahren analysiert wurden. Die Zahl der Überdiagnosen lag bei 18% für Frauen und bei 24% für Männer. Die Studie wurde im Dezember 2019 im Medical Journal of Australia veröffentlicht [1].

Überdiagnose ist dabei definiert als die Diagnose von Krebs bei Menschen, die niemals Symptome oder Schäden erfahren hätten, wenn der Krebs unentdeckt und unbehandelt geblieben wäre, wie die Autoren erläutern. Sie ergibt sich oft aus Krebs-Früherkennungsprogrammen, die bei gesunden Personen durchgeführt werden.

Obwohl über das Konzept der Überdiagnose und deren Schätzung aus den Screening-Programmen schon früher berichtet worden ist, bietet diese Studie eine neue Perspektive. Dies ist „das erste Mal, dass das Risiko einer Überdiagnose für 5 Krebsarten weltweit quantifiziert worden ist“, sagt der Erstautor der Studie, Dr. Paul P. Glasziou, Bond University in Robina, Queensland, Australien, in einer Erklärung.

Früherkennung oft Ursache von Überdiagnosen

Die Autoren betrachteten 5 Krebsarten, für die eine Überdiagnose dokumentiert war: Brust-, Schilddrüsen-, Nieren- und Prostatakrebs sowie das Melanom.

Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass im Jahr 2012 insgesamt 18% dieser 5 Krebsarten bei Frauen überdiagnostiziert wurden, das beinhaltet 22% der Brustkrebsfälle und bis zu 73% der Schilddrüsen-Krebsfälle. Bei Männern wurden 24% dieser 5 Krebsarten überdiagnostiziert, darunter 42% der Prostatakarzinome, 58% der Melanome und 73% der Schilddrüsenkarzinome.

 
Das Problem besteht darin, dass in einigen Screeningverfahren abnorme Zellen identifiziert werden, die wie Krebs aussehen, sich aber nicht wie Krebs verhalten. Dr. Paul P. Glasziou
 

Die Gründe für die Überdiagnose unterscheiden sich je nach Krebsart, kommentieren die Autoren, wobei die Überdiagnose von Brustkrebs „weitgehend auf die nationale Früherkennung zurückzuführen“ sei, und die von Prostatakrebs und Melanom auf die „opportunistische, aber umfangreiche Vorsorge“, sprich Früherkennungsmaßnahmen bei vielen Menschen.

Überdiagnostizierte Nierentumore würden häufig im Rahmen der abdominalen Bildgebung entdeckt, fügen die Studienautoren hinzu. Diese Inzidentalome machen auch einen Teil der überdiagnostizierten Schilddrüsen-Krebsarten aus, die bei über das Notwendige hinausgehenden Tests zur Schilddrüsenfunktion gefunden werden.

Glasziou kommentiert in seiner Erklärung, bezogen auf Screeningverfahren: „Das Problem besteht darin, dass in einigen Screeningverfahren abnorme Zellen identifiziert werden, die wie Krebs aussehen, sich aber nicht wie Krebs verhalten. Es ist jedoch nicht einfach, dieses Problem zu verringern, weil einige Arten von Früherkennungsuntersuchungen wichtig sind. Es wird nicht leicht sein, die richtige Balance zwischen zu wenig und zu viel Screening und Tests zu finden, aber das ist ein wichtiger Schritt“, sagt er.

Gegenüber Medscape Medical News wies er darauf hin, dass einige Früherkennungsuntersuchungen, wie z.B. Neuroblastom- und Brust-Röntgenuntersuchungen für Lungenkrebs, nicht wirklich funktionieren, und „die Früherkennungsuntersuchungen, die oft bescheidene Vorteile haben, gegen deren verschiedene Nachteile abgewogen werden müssen“.

 
Es wird nicht leicht sein, die richtige Balance zwischen zu wenig und zu viel Screening und Tests zu finden, aber das ist ein wichtiger Schritt. Dr. Paul P. Glasziou
 

Er ist der Meinung, dass es zum Abbau von Überdiagnosen Änderungen bei der Benennung und Klassifizierung von Krebserkrankungen sowie Änderungen der klinischen Praxis und insbesondere Änderungen der „Empfehlungen zum Screening und zur Vorgehensweise beim Screening“ geben muss.

Diese Ideen wurden in den vergangenen Jahren von anderen Gruppen verbreitet, darunter ein Vorschlag, das Wort „Krebs“ aus einigen Diagnosen zu streichen, und Vorschläge, die Früherkennung auf Personen mit einem höheren Krebsrisiko zu beschränken, anstatt ganze Bevölkerungsgruppen zu untersuchen.

Details der Studie

Für ihre Studie haben die Forscher Daten über krebsspezifische Diagnosen, krebsspezifische Todesfälle und Todesfälle aller Art sowie die Bevölkerungszahlen untersucht, die vom Australian Institute of Health and Welfare für Männer und Frauen zwischen 1982 und 2012 zusammengetragen worden sind.

Das Team berechnete und verglich dann die aktuellen und früheren Lebenszeitrisiken für Krebs, wobei es Änderungen in der Prävalenz von Risikofaktoren im Verlauf des Studienzeitraumes, wie z.B. die kumulative Sonnenexposition oder den Body-Mass-Index, berücksichtigte.

Die Ergebnisse zeigen, dass bei Frauen das Lebenszeitrisiko, an Brustkrebs zu erkranken, zwischen 1982 und 2012 um 3,4 Prozentpunkte gestiegen ist, während der Anstieg bei Nierenkrebs 0,6 Prozentpunkte, bei Schilddrüsenkrebs 1,0 Prozentpunkte und bei Melanomen 5,1 Prozentpunkte betrug.

Die Forscher schätzten, dass im Jahr 2012 insgesamt 22% der Brustkrebsfälle (darunter 13% der invasiven Fälle), 58% der Nierenkrebsfälle, 73% der Schilddrüsenkrebsfälle und 54% der Melanome (darunter 15% der invasiven Fälle) überdiagnostiziert waren. Das entsprach 18% aller Diagnosen dieser 5 Krebsarten bei Frauen (8% der invasiven Krebsarten).

Das Risiko für invasive Krebserkrankungen stieg während des Studienzeitraums bei Frauen um 8,6%, wobei die Überdiagnose von invasivem Brust-, Nieren- und Schilddrüsenkrebs sowie Melanomen 47% des Anstiegs erklärt.

Bei Männern stieg das Lebenszeitrisiko, an Prostatakrebs zu erkranken, zwischen 1982 und 2012 um 8,2%, während der Anstieg bei Nierenkrebs 0,8%, bei Schilddrüsenkrebs 0,4% und bei Melanomen 8,0% betrug. Es wurde geschätzt, dass 42% der Prostatakarzinome, 42% der Nierentumore, 73% der Schilddrüsentumore und 58% der Melanome überdiagnostiziert waren. Dies entsprach 24% aller Diagnosen für diese 5 Krebsarten bei Männern (16% der invasiven Krebsarten).

Das Risiko von invasivem Krebs stieg während des Studienzeitraums bei Männern um 10,9%, wobei die Überdiagnose von invasivem Prostata-, Nieren- und Schilddrüsenkrebs sowie von Melanomen 97% des Anstiegs erklären.

Öffentliche Bildungskampagnen

Bei der Diskussion der Ergebnisse verweist das Team auf aktuelle Krebsstatistiken aus Großbritannien, die eine 5-Jahres-Überlebensrate von 99% für Brustkrebs im Stadium 1, von 100% für Prostatakrebs im Stadium 1, von 100% für Melanome im Stadium 1, von 89% für Nierenkrebs im Stadium 1 und von 88% für Schilddrüsenkrebs in jedem Stadium zeigen.

Diese „sehr hohen Überlebensraten“, schreibt das Team, liefern „einen weiteren Hinweis für eine wahrscheinliche Überdiagnose“. In den letzten Jahren habe es in Großbritannien ein Bestreben gegeben, Patienten mit Krebs in früheren Stadien zu diagnostizieren, um eine bessere Prognose zu bieten, was sich in den jüngsten Daten widerspiegele, die darauf hindeuteten, dass nur noch wenige Patienten mit Tumoren des Stadiums 4 diagnostiziert werden.

Glasziou stimmte zu, dass dies darauf hindeutet, dass ein sorgfältiges Gleichgewicht zwischen öffentlichen Gesundheitskampagnen, die auf eine frühe Diagnose drängen, und der Begrenzung von Überdiagnosen gefunden werden muss, aber er betonte, dass „früher nicht immer besser bedeutet“. Er wies auf die erheblichen Schäden hin, die bei überdiagnostizierten Patienten entstehen können, die sich (unnötigerweise) einer Krebsbehandlung unterziehen.

Öffentliche Aufklärung ist notwendig, schlägt Koautorin Dr. Katy J. L. Bell von der Sydney School of Public Health der Universität Sydney in New South Wales, Australien, vor. „Die Menschen müssen immer noch wachsam bleiben, wenn es um die Früherkennung von Krebs geht, aber sie müssen informiert werden und gemeinsam mit medizinischen Fachleuten über die Schäden der Krebsfrüherkennung und anderer damit verbundener Verfahren entscheiden“, sagt sie in einer Erklärung.

Dieser Artikel wurde von Ute Eppinger aus www.medscape.com übersetzt und adaptiert.

 

Kommentar

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