Medikament lindert Autismus-Symptome bei Kindern: Schleifendiuretikum senkt den GABA-Spiegel und bringt so Hirnchemie ins Lot

Megan Brooks

Interessenkonflikte

7. Februar 2020

Das Schleifendiuretikum Bumetanid scheint einige der zentralen Verhaltenssymptome bei Autismus zu verbessern, indem es die Spiegel des Neurotransmitters Gamma-Aminobuttersäure (GABA) senkt und damit das Verhältnis von GABA zu Glutamat im Gehirn verändert. Die Erkenntnisse wurden in Translational Psychiatry  veröffentlicht  [1].

Forscher um Studienleiterin Prof. Dr. Barbara Sahakian von der Abteilung für klinische Neuropsychologie der Universität Cambridge, Großbritannien, fanden heraus, dass kleine Kinder mit Störungen aus dem autistischen Spektrum (ASD), die 3 Monate lang mit dem Diuretikum behandelt worden waren, auf einer Verhaltensskala, auf der sowohl die emotionale Reaktion als auch die verbale und nonverbale Kommunikation erfasst wurden, im Vergleich zu Kindern, die ein Placebo einnahmen, besser abschnitten.

„Diese Studie ist wichtig und spannend, weil sie zeigt, dass es ein Medikament gibt, das das soziale Lernen verbessern und autistische Symptome in einer Zeit verringern kann, in der sich die Gehirne dieser Kinder noch entwickeln“, wird Sahakian, in einer Pressemitteilung zitiert.

Weniger repetitives Verhaltens und sinkendes Interesse an Gegenständen

Die Studie schloss 83 Kinder im Alter von 3 bis 6 Jahren mit moderaten bis schweren autistischen Störungen ein. 42 wurden 3 Monate lang 2 mal täglich mit 0,5 mg Bumetanid behandelt und 41 in der Kontrollgruppe erhielten ein Placebo.

Zu Beginn der Studie wiesen beide Gruppen ähnliche Werte auf der Skala des CARS-Tests (Childhood Autism Rating Scale) auf. Im Vergleich zur Kontrollgruppe trat bei den Probanden in der Bumetanid-Gruppe eine signifikante Verringerung der Symptome auf, was sich u.a. am CARS-Gesamtscore zeigte.

Die Verbesserung der klinischen Symptome wurde durch einen Arzt bestätigt, der gegenüber den Studiengruppen verblindet war. Besonders bemerkenswert waren der Rückgang des repetitiven Verhaltens und das sinkende Interesse an Gegenständen bei den Kindern, die Bumetanid einnahmen.

Dr. Fei Li, klinischer Leiter der Studie an der Jiao Tong University School of Medicine in Shanghai, China, berichtet: „Die Mutter eines 4-jährigen Jungen, der in einer ländlichen Gegend außerhalb Shanghais lebte und die Therapie erhielt, erzählte mir, dass er nun besser im Blickkontakt mit Familienmitgliedern und Verwandten sei und mehr an Aktivitäten teilnehmen könne. Wir hoffen, dass wir in Zukunft sicherstellen können, dass alle Familien, unabhängig davon, wo sie leben, eine solche Behandlung für ihr Kind erhalten können.“

Mechanismus aufgedeckt

Bereits in früheren Untersuchungen hat sich gezeigt, dass Bumetanid die Symptome von Störungen aus dem autistischen Spektrum verringert. Die neue Studie aber beleuchtet den Mechanismus des Medikaments genauer.

 
Das ist der erste Nachweis, dass Bumetanid die Gehirnfunktion verbessert und die Symptome verringert, indem es die Menge des Neurotransmitters GABA reduziert. Dr. Ching-Po Lin
 

Untersuchungen mit Bildgebung zeigen, dass die 3-monatige Behandlung mit Bumetanid mit einer Abnahme des Verhältnisses von GABA zu Glutamat in 2 wichtigen Hirnregionen verbunden war: dem Insellappen, der eine Rolle bei Empathie und Selbstbewusstsein spielt, und dem visuellen Cortex, der für die Integration und Verarbeitung visueller Informationen verantwortlich ist. Das verringerte GABA/Glutamat-Verhältnis war mit einer Abnahme des Schweregrades der Symptome verbunden.

„Das ist der erste Nachweis, dass Bumetanid die Gehirnfunktion verbessert und die Symptome verringert, indem es die Menge des Neurotransmitters GABA reduziert. Das Verständnis dieses Mechanismus ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Entwicklung neuer und wirksamer medikamentöser Behandlungen“, so die Ko-Autorin der Studie, Dr. Ching-Po Lin von der National Yang-Ming Universität in Taipeh, Taiwan, in der Veröffentlichung.

„Kein Allheilmittel“

„Weil soziale Interaktion und Kommunikation so früh im Leben beginnt, ist es am besten, Bumetanid so bald wie möglich nach der Diagnose zu verwenden“, sagte Sahakian gegenüber Medscape Medical News. „Dies gibt Kindern mit autistischen Störungen die bestmögliche Chance, Augenkontakt, Lächeln und andere Formen der sozialen Kommunikation zu entwickeln, eine gute Lebensqualität zu haben und sich wohl zu fühlen.“

Sie stellt aber auch fest, dass weitere Studien erforderlich sind. Wenn eine groß angelegte, doppelblinde, placebo-kontrollierte klinische Studie „unsere Ergebnisse reproduzieren kann und festgestellt wird, dass Bumetanid sicher und wirksam die Symptome bei Kindern mit moderaten und schweren autistischen Störungen reduziert, dann kann es eine Behandlungsoption sein“, aber dies wohl erst in 3 bis 5 Jahren, räumt sie ein.

 
Weil soziale Interaktion und Kommunikation so früh im Leben beginnt, ist es am besten, Bumetanid so bald wie möglich nach der Diagnose zu verwenden. Prof. Dr. Barbara Sahakian
 

Dr. Randi Hagerman, medizinische Direktorin des UC Davis MIND Institute in Sacramento, Kalifornien, kommentiert die Ergebnisse für Medscape Medical News und zeigt sich über den Nutzen der Therapie nicht überrascht. Hagerman, die nicht an der Forschung beteiligt war, sagt, sie habe Bumetanid selbst bei einem autistischen Patienten ausprobiert, der nicht sprach, und der anschließend in der Lage war, zu sprechen.

„Ich denke, es könnte für Personen mit Autismus sehr hilfreich sein. Ich glaube nicht, dass es ein Allheilmittel ist, aber ich glaube, dass es eines der wenigen Medikamente ist, die wirksam sind und so einen Unterschied machen“, betont Hagerman. „Weil es ein Diuretikum ist, müssen die Kaliumwerte genau beobachtet werden“, gibt sie jedoch zu bedenken. Ihre Forschungsgruppe am MIND-Institut wird bald mit einer Studie mit Bumetanid bei Kleinkindern beginnen.

Dieser Artikel wurde von Ute Eppinger aus www.medscape.com übersetzt und adaptiert.

 

Kommentar

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