Die WHO will bis zum Jahr 2120 Gebärmutterhalskrebs global ausrotten – mit HPV-Impfung, Screening und guter Behandlung

Kurt-Martin Mayer

Interessenkonflikte

6. Februar 2020

Mit einer ungewöhnlich langfristigen Prognose versucht die WHO ihre Mitgliedsstaaten in Sachen HPV-Impfung und Zervixscreening für die Frauen in den ärmeren Teilen der Welt aufzurütteln. Gelänge es, in den Ländern mit niedrigen und unterdurchschnittlichen Einkommen deutlich höhere Impfquoten, Screening und eine adäquate medizinische Behandlung zu implementieren, könnte das Zervixkarzinom bis zum Jahr 2120 global weitgehend eliminiert sein.

Das würde 62 Millionen Frauen vor einem vorzeitigen Tod und 74 Millionen vor einer Erkrankung bewahren. Dies ergeben 2 Studien, die bei einem Treffen der World Health Assembly, dem Leitungsgremium der WHO, vorgelegt werden. Der WHO gehören 194 Mitgliedstaaten an.

Bei den beiden Studien, die in Lancet veröffentlich worden sind, handelt es sich um Datenmodellierungen. Ihre Autoren gehören dem von der WHO gegründeten Cervical Cancer Elimination Modelling Consortium an.

Studien mit verschiedenen Modellannahmen

Eine Studie fokussiert auf die Frage, ob und wann es auf Grundlage verschiedener Modellannahmen möglich wäre, die Zahl der Zervixkarzinom-Fälle in den 78 Ländern mit niedrigem oder niedrig-mittlerem Einkommen (abgekürzt LMICs) auf Null zu drücken [1]. Die Szenarien waren

  • HPV-Impfung der Mädchen,

  • Impfung in Kombination mit einem Screening aller 35-jährigen Frauen oder

  • Impfung plus zweimaliges Screening innerhalb der Lebensspanne.

Den Modellberechnungen zufolge würde die Impfung allein die Fallzahl um 89% beziehungsweise 61 Millionen in den LMICs reduzieren.

Das bedeutete allerdings, dass die Krankheitslast in den zuvor am meisten betroffenen Ländern (25 Fälle und mehr pro 100.000 Frauen) nicht unter die von der WHO erwünschte Schwelle (4/100.000) sänke. Dieses Ziel wäre in allen Ländern jedoch dann zu erreichen, wenn das zweimalige Screening hinzukäme. Die Gesamtzahl der Fälle würde dann um 97% (74 Millionen Fälle) geringer ausfallen.

Auch die Behandlung der erkrankten Frauen fällt ins Gewicht

In der zweiten Modellierung analysierten die Autoren die Auswirkung der so genannten Triple-Strategie der WHO [2]. Dieser 2018 beschlossene Plan sieht vor:

  • eine Impfquote von 90%,

  • die zweimalige Teilnahme am Screening im Alter zwischen 35 und 45 Jahren in Höhe von 70% und

  • eine leitliniengerechte medizinische Betreuung von 90% der erkrankten Frauen.

Diese Strategie könnte bereits bis 2030 rund 300.000 Frauen das Leben retten. Bis 2070 ginge die Mortalität um 92% zurück, bis 2120 um 99% – deutlich stärker als mit der Impfung allein.

Impfung und Screening nötig

„Unsere Ergebnisse legen nahe, dass sowohl eine hohe HPV-Impfrate als auch eine hohe Teilnahme am Screening notwendig sind, um das Zervixkarzinom innerhalb der kommenden 100 Jahre zu eliminieren, speziell in den Ländern mit den meisten Erkrankungen“, sagt Prof. Dr. Marc Brisson, Forschungsgruppe Mathematische Modellierung und Gesundheitsökonomie der Infektionskrankheiten Université Laval, Quebec, Kanada, und Mit-Hauptautor beider Studien.

 
Unsere Ergebnisse legen nahe, dass sowohl eine hohe HPV-Impfrate als auch eine hohe Teilnahme am Screening notwendig sind, um das Zervixkarzinom innerhalb der kommenden 100 Jahre zu eliminieren. Prof. Dr. Marc Brisson
 

Für Prof. Dr. Karen Canfell, Cancer Council New South Wales und Direktorin Cancer Research Division University of Sydney, Australien und ebenfalls Mit-Hauptautorin, verdeutlichen die Studien, wie wichtig es wäre, „sofort zu handeln und das Zervixkarzinom an allen 3 Fronten zu bekämpfen“.

Dazu seien aber beträchtliche internationale finanzielle Hilfe und auch politische Unterstützung notwendig, fordern sowohl die Studienverfasser als auch Prof. Dr. Vivien Tsu, Abteilung für Epidemiologie University of Washington, USA, in einem Kommentar in Lancet  [3]. Tsu rät, möglichst schnell „auf die lokalen Verhältnisse zugeschnittene Pläne“ auszuarbeiten.

Problem: Hohe HIV-Prävalenz

Zu den Limitierungen ihrer Studie zählen die Autoren unter anderem die hohe HIV-Prävalenz in einigen LMICs, weil eine HIV-Infektion die Wirkung der HPV-Impfung schwächen könne.   

Für das Jahr 2020 wird geschätzt, dass in den LMICs 13 von 100.000 Frauen an einem Zervixkarzinom sterben. 88% der Fälle von Gebärmutterhalskrebs und 91% der Todesfälle entfallen zurzeit auf diese einkommensschwachen Länder. In den meisten reicheren Staaten hat die HPV-Impfung die Prävention drastisch verbessert.
 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....