MEINUNG

Neuro-Talk: Schlaganfall, MS und Co. – wie die COVID-19-Welle neurologische Therapien gefährdet und was jetzt zu tun ist

Prof. Dr. Hans-Christoph Diener

Interessenkonflikte

30. März 2020

Seit das Coronavirus die Welt lahm legt, hat sich auch vieles für Patienten mit neurologischen Krankheiten geändert. Prof. Dr. Hans-Christoph Diener gibt Tipps – auch für die Zeit danach.

Transkript des Videos von Prof. Dr. Hans-Christoph Diener

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

ich bin Christoph Diener von der Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen. Mein Beitrag beschäftigt sich diesmal ausschließlich mit der COVID-19-Infektion.

Konsequenzen für die Klinische Neurologie in Deutschland

Praktisch alle Polikliniken an großen Krankenhäusern und Kliniken haben geschlossen. Es werden nur noch Patienten gesehen, die dringende Fälle darstellen. Die Kontakte erfolgen wie in den Praxen der niedergelassenen Neurologinnen und Neurologen über Telefonanrufe oder Videokonferenzen. Dabei wird sich langfristig zeigen, ob Sprechstunden über Video-Telefonie oder das Internet für die Zukunft tatsächlich eine Option sind.

Die neurologischen Kliniken und Abteilungen haben elektive Aufnahmen gestoppt und diese Betten zur Verfügung gestellt. Dasselbe gilt für die verfügbaren Betten auf den Intensivstationen mit Beatmungsplätzen.

Es ist zu hoffen, dass es nicht zu Einschränkungen bei unseren Patientinnen und Patienten mit akuten Schlaganfällen kommt, wenn die COVID-Welle dann wirklich rollt.

Weiterhin haben sich erfreulicherweise Kolleginnen und Kollegen, die im Moment nicht ärztlich tätig sind, bereit erklärt, in den Krankenhäusern auszuhelfen. Dies gilt allerdings nicht für Kolleginnen und Kollegen, die – wie ich – älter sind, weil bei denen ein hohes Risiko besteht, wenn sie sich anstecken.

Immunmodulatorische oder immunsuppressive Therapien weiterführen

Die 2. wichtige Information richtet sich an unsere Patienten-Population mit höherer Gefährdung. Das sind auf der einen Seite Patienten unter immunmodulatorischer oder immunsuppressiver Therapie und auf der anderen Seite Patienten, die jetzt schon Störungen der Atem- und Schluckfunktion haben, wie beispielsweise Patienten mit amyotropher Lateralsklerose, Multisystematrophie oder Muskeldystrophien.

Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) hat dazu auf ihrer Internetseite zusammen mit der Deutschen Multiple-Sklerose-Gesellschaft (DMSG) und den anderen Untergesellschaften Ratschläge publiziert, wie mit den Patienten, insbesondere MS-Patienten, umzugehen ist [1].

Für die meisten Patienten gilt, dass die immunmodulatorische Therapie fortgeführt werden kann. Eine Therapie, die zu einer Immundepletion führt, sollte allerdings im Moment nicht neu begonnen werden.

Müssen Patienten zur Infusion ins Krankenhaus, muss gewährleistet sein, dass dies in möglichst großem Abstand zu den Notaufnahmen oder zu den Bereichen, wo COVID-19-Patienten liegen, geschieht.

Mangel an Beatmungsgeräten – wer wird beatmet?

Ein 3. Problem, das möglicherweise auf uns zukommt, das bereits in Italien, Frankreich und Spanien virulent ist, ist die Frage, was passiert, wenn nicht mehr genügend Beatmungsplätze zur Verfügung stehen. Das New England Journal of Medicine hat eine wichtige Stellungnahme publiziert, wie mit dieser Triage umzugehen ist [2].

Zum Beispiel sollen an COVID-19 erkrankte Menschen, die in der Medizin tätig sind, also Ärztinnen, Ärzte, Krankenpfleger oder Krankenschwestern, die höchste Priorität für ein verfügbares Beatmungsgerät haben. Die weitere Entscheidung muss dann orientiert an der Prognose getroffen werden. Ein bisher gesunder junger Mensch wird wahrscheinlich eher an ein Beatmungsgerät kommen als ein alter, multimorbider Patient, der eine sehr schlechte Prognose hat.

Die Autoren des Beitrags im NEJM empfehlen, dass unabhängige Triage-Komitees gebildet werden, die nicht in die unmittelbare Patientenversorgung involviert sind. Sie sollen dann im Zweifelsfall diese Entscheidung treffen.

Auswirkung auf klinische Studien

Eine ganz relevante Auswirkung hat diese Pandemie auf die klinischen Studien [3]. Im Moment ist es natürlich völlig undenkbar, dass Patienten neu in randomisierte Studien eingeschlossen werden. Persönliche Patientenkontakte im Rahmen der Studien sind praktisch ausgeschlossen, so dass Verläufe und Endpunkte im Moment nur über Telefon und Internet erfragt werden können.

Das gilt natürlich nicht für Registerstudien, bei denen man den Kontakt sowieso schriftlich über das Internet oder per Telefon hält.

Lehren für die Zukunft

Es hat jetzt keinen Sinn darüber zu diskutieren, ob es sinnvoll war in den letzten 10 oder 20 Jahren die Zahl der Krankenhausbetten in Deutschland zu reduzieren. Wir haben sowieso weltweit die höchste Zahl von Krankenhaus- und Intensivbetten pro Kopf der Bevölkerung, was sich jetzt sehr segensreich auswirkt.

Wir müssen aber überlegen, wie wir in Zukunft mit diesem Problem umgehen. Hier können wir von Israel lernen. Dort gibt es Krankenhäuser, die beispielsweise geschlossen, aber nicht abgerissen oder umgewidmet wurden. Sie wurden lediglich „eingemottet“, damit sie im Krisenfall wieder zur Verfügung stehen.

Natürlich muss es in Zukunft angepasste Alarm- und Organisationspläne für große Epidemien geben. Hier muss beispielsweise auch geregelt sein, wie mit der Versorgungslage, mit dem notwendigen medizinischen Bedarfsmaterial wie Intensivbetten oder Beatmungsgeräten umzugehen ist.

Wir müssen natürlich auch verhindern, dass bei einer zukünftigen Pandemie ähnliche Mängel an beispielsweise Atemschutzmasken oder Einmalkitteln auftreten.

Eine weitere Möglichkeit wäre, ein System einzuführen, das dem Reservistensystem bei der Bundeswehr ähnelt. Ärztinnen und Ärzte, die z. B. im Moment nicht ärztlich tätig sind, absolvieren alle 2 Jahre einen 1- oder 2-tägigen Kurs, in dem sie in die wichtigsten Belange der Intensivmedizin und in die Bedienung von Beatmungsgeräten eingearbeitet werden. Dann würden sie tatsächlich kurzfristig zur Verfügung stehen, wenn sie benötigt werden.

Meine Damen und Herren, diese Pandemie ist eine große Herausforderung, insbesondere für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an Krankenhäusern und auf Intensivstationen.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie gesund bleiben!
 

Kommentar

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