MEINUNG

„Aktuell katastrophal“: Die Situation von Diabetikern im Krankenhaus muss besser werden – so funktioniert´s

Prof. Dr. Stephan Martin

Interessenkonflikte

9. März 2020

Günstiger, weil schneller gesund: Mit einer Studie demonstriert Prof. Dr. Stephan Martin wie Ärzte Diabetikern bei einem Klinikaufenthalt besser gerecht werden und die Patienten rascher entlassen werden können.

Transkript des Videos von Prof. Dr. Stephan Martin, Düsseldorf:

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

ich möchte Ihnen eine Studie vorstellen, die wir selber in Kooperation mit dem Lehrstuhl für Gesundheitsökonomie in Köln durchgeführt haben. Diese Studie ist am 29. November online in Diabetes, Metabolic Syndrome and Obesity: Targets and Therapy publiziert worden. Sie ist für alle im Krankenhaus Tätigen von Interesse.

 
In der Gruppe der 60- bis 70-Jährigen ist ein Viertel bis ein Drittel der Patienten im Krankenhaus an einem Diabetes erkrankt. Prof. Dr. Stephan Martin
 

Wir alle wissen, dass die Behandlung des Diabetes ein ambulantes Fach geworden ist. Wir können eine Insulintherapie in diabetologischen Schwerpunktpraxen einleiten. Wir haben damit sehr viel Erfahrung. Es gibt nur noch ganz wenige Indikationen, warum ein Patient wegen seines Diabetes stationär aufgenommen werden muss.

Große Herausforderung: Diabetiker im Krankenhaus

Wir wissen aber, dass ganz viele Patienten mit einem Diabetes in die Klinik kommen, weil sie eine andere Erkrankung haben oder weil sie z. B. operiert werden müssen. In der Gruppe der 60- bis 70-Jährigen ist ein Viertel bis ein Drittel der Patienten an einem Diabetes erkrankt. Das stellt Krankenhäuser vor eine große Herausforderung.

Hatte man früher Diabetes-Abteilungen oder eine Gruppe von Ärzten, die sich speziell mit Diabetes beschäftigt hat, so gibt es heute in vielen Kliniken kaum noch Experten für diese Klientel. Die eine oder andere Klinik hat eine Diabetesberaterin, die ihr Möglichstes tut, aber eine strukturierte Behandlung haben die wenigsten Institutionen.

Strukturierte Behandlung mit diabetologischen Teams

Im Verbund katholischer Kliniken haben wir vor einigen Jahren eine strukturierte Behandlung systematisch aufgebaut. Wir haben Teams etabliert, die in allen Krankenhäusern tätig sind. Dabei haben wir zum Teil von Prof. Dr. Erhard Siegel aus Heidelberg vom St. Josefskrankenhaus „abgekupfert“. Er hat uns sehr viele Tipps gegeben.

Jeder Patient mit einem Diabetes, der in eine unserer Kliniken kommt – wir haben unterschiedliche Standorte – wird von einem Mitarbeiter des Diabetesteams gesehen. Er wird kurz befragt und es wird geprüft, wie der HbA1c-Wert ist, wie er behandelt wird und ob es Kontraindikationen gegenüber der Behandlung gibt. Alle Daten werden zentral in einer Datenbank erfasst.

Diese Daten werden dann von einem Diabetologen – der muss nicht jeden Tag in dieser Klinik sein – durchgeschaut. Wir prüfen dann, ob wir die Therapie vielleicht anpassen müssen. Der Patient wird – und das ist das Wesentliche an diesem System – während des stationären Aufenthalts, der nicht primär aufgrund einer Diabeteserkrankung indiziert ist, diabetologisch mit betreut, z. B. auf der Gynäkologie oder auf der Chirurgie. Hier möchte ich ein großes Dankeschön an meine chefärztlichen Kollegen sagen, weil sie es uns erlauben, dass wir automatisch auf die Stationen kommen und uns im Endeffekt dann auch in die Therapie „einmischen“.

Wie ist das Ergebnis?

Bringt das was oder gibt man nur viel Geld dabei aus? Diese Frage stellt sich natürlich jeder Geschäftsführer und mir wird diese Frage auch immer wieder gestellt.

 
Aber die Liegezeiten der Patienten mit einem Diabetes wurden überproportional um 0,91 Tage reduziert. Prof. Dr. Stephan Martin
 

Deshalb haben wir diese Analyse gemacht. Wir haben den §21er Datensatz mit dem Institut für Gesundheitsökonomie der Universität zu Köln angeschaut und geprüft wie lange die Liegezeiten vor der Einführung, während der Einführung und nach dem Scharfschalten unseres Systems waren.

Reduzierte Liegezeiten

Wir wissen, dass sich die Liegezeiten in den Klinken in den letzten Jahren reduziert haben. Auch wir haben in unserer Analyse gesehen, dass die Liegezeiten kürzer geworden sind. Aber die Liegezeiten der Patienten mit einem Diabetes wurden überproportional um 0,91 Tage reduziert. Bedenkt man, dass wir jedes Jahr 5.000 bis 6.000 Patienten betreuen und multipliziert das dann mit dem Faktor 0,91 Tage, ist das eine erkleckliche Menge. Das ist auch eine ökonomische Marke.

Reduzierte Liegezeiten bedeuten, dass wieder neue Patienten aufgenommen werden können. Wie man den einzelnen Tag berechnet, das überlasse ich unseren Geschäftsführern.

Verbesserte Awareness

Parallel konnten wir zeigen, dass sich die Awareness des Diabetes deutlich verbessert hat. Die Codierung eines entgleisten Diabetes nahm deutlich zu. Deutlich häufiger wurde eine Neuropathie bei den Patienten erkannt, weil wir wie bei einer DMP-Untersuchung die Vibration an den Füßen testen. Stellen wir fest, der Patient hat keine Vibrationsempfindung, dann klären wir ihn auf, dass er seine Füße regelmäßig anschaut.

 
Die Codierung eines entgleisten Diabetes nahm deutlich zu. Prof. Dr. Stephan Martin
 

Ein weiterer Bereich ist die Mikroalbuminurie. Jeder Patient bekommt die Mikroalbuminurie bestimmt. Wir haben hier ein ganz einfaches System. Unsere Diabetesmanager, Krankenschwester und Krankenpfleger, die sich um die Patienten kümmern, haben die Erlaubnis – falls der HbA1c-Wert nicht bestimmt wurde – diesen einfach im Labor nachzubestellen. Auch die Mikroalbuminurie kann nachbestimmt werden.

So gewinnen wir wesentlich mehr Informationen über den Patienten und können ihn während des stationären Aufenthaltes optimal behandeln. Außerdem geben wir ihm über diesen stationären Aufenthalt hinaus weitere Hilfen und regen ihn an, dass er sich vielleicht in einer diabetologischen Schwerpunktpraxis vorstellen soll.

Also: Patienten mit einem nicht optimal behandelten Diabetes sind aktuell in Kliniken in einer katastrophalen Situation. Hoffnung für die Zukunft besteht mit strukturierten Systemen. Solche Systeme brauchen wir. Sie sind nicht nur medizinisch sinnvoll. Selbstverständlich fühlt sich ein Patient, der in der Klinik bei hohen Blutzuckerwerten adäquat behandelt wird, auch besser. Wahrscheinlich treten weniger Komplikationen auf, was wir in den reduzierten Liegezeiten sehen.

Und diese Systeme rechnen sich auch. Deshalb ein ganz eindringlicher Appell – schauen Sie sich diese Arbeit an und geben Sie sie Ihrem Geschäftsführer mit der Bitte, sie zu lesen.

Ich hoffe, das war für Sie interessant, vielleicht nutzen Sie die Information, vielleicht helfen Sie uns, dass wir generell in Deutschland die Versorgung von Patienten mit Diabetes im Krankenhaus optimieren.

Ganz herzliche Grüße,

Ihr Stephan Martin
 

Kommentar

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