MEINUNG

Kritische Fragen zur Herpes zoster Impfung bei Immunsuppression: „Warum nicht auch schon jüngere Patienten impfen?“ 

PD Dr. Martin Hartmann

Interessenkonflikte

24. Februar 2020

Der neue Totimpfstoff gegen Herpes-zoster-Viren wird ab 50 Jahren bei einigen Begleiterkrankungen empfohlen. Reicht das aus, fragt PD Dr. Martin Hartmann und diskutiert die Studienlage.

Transkript des Videos von PD Dr. Martin Hartmann, Heidelberg:

Schönen guten Tag, hier ist Martin Hartmann aus der Hautklinik Heidelberg.

Heute geht es um die Zoster-Impfung bei Immunsuppression.

Ende letzten Jahres wurde bei uns an der Klinik ein HIV-Patient mit einem Herpes Zoster in den Segmenten C2 bis C6 stationär aufgenommen. Er wurde antiviral behandelt, war 31 Jahre alt und hatte stark erniedrigte Helferzellen von 32/µl.

Hätte diesem Patienten eine Impfung geholfen? Eventuell.

Derzeitiger Stand der Kenntnisse

Die Zoster-Impfung ist u.a. zugelassen in USA, Kanada und in Deutschland. In Deutschland wird die Zoster-Impfung von der Ständigen Impfkommission (STIKO) beim Robert-Koch-Institut für Menschen über 60 Jahre als Standardimpfung empfohlen [1]. Als Indikationsimpfung empfiehlt sie die STIKO bei Personen über 50 Jahre bei erhöhter gesundheitlicher Gefährdung infolge einer Grundkrankheit, wie z.B.

  • Angeborener oder erworbener Immundefizienz oder Immunsuppression;

  • HIV-Infektion

  • Rheumatoider Arthritis

  • Systemischem Lupus erythematodes

  • Chronisch entzündlichen Darmerkrankungen

  • Chronisch obstruktiven Lungenerkrankungen oder Asthma bronchiale

  • Chronischer Niereninsuffizienz

  • Diabetes mellitus

Die Empfehlung ist also breit gestreut.

Wie kommt es zu diesen Empfehlungen, die durchaus unterschiedlich sind? In den USA wird die Zoster-Impfung bei allen Personen über 50 Jahren empfohlen.

ZOE-50- und ZOE-70-Studie

Es gibt 2 große zulassungsrelevante Studien, die ZOE-50[2] und die ZOE-70-Studie[3], bei denen jeweils über 50-Jährige bzw. über 70-Jährige eingeschlossen worden waren. Bei weit über 90% zeigte die Impfung einen Erfolg, sowohl bei den über 50-Jährigen als auch – wenn auch etwas schlechter in der Tendenz – bei den über 70-Jährigen.

Wie die STIKO zu einer Empfehlung bei über 60-Jährigen kommt, ist letztendlich nicht ganz klar. Auch die Empfehlung zur Impfung von über 50-Jährigen mit Immundefizienz beruht auf den zu erwartenden gehäuften Erkrankungen. Warum soll aber nicht bei Jüngeren geimpft werden?

Sachstand bei den Publikationen

Es gibt nur eine Publikation, die die Wirksamkeit der Impfung bei Immunsuppression nachweist [4]. Nach autologer Stammzelltransplantation waren nach 2 Impfungen bei knapp 2.000 Patienten die Zosterfälle im Vergleich zu Placebo signifikant geringer. Die Frequenz wurde auf ein Drittel gesenkt von 90/1000 Personenjahren mit Placebo auf 30/1000 Personenjahre mit der Impfung. Wird eine antivirale Prophylaxe durchgeführt, ist der Unterschied nicht mehr signifikant.

Die Nebenwirkungen sind bekannt, sie sind nicht gering. Das liegt an dem unspezifischen Immunstimulans. Es gibt gehäuft lokale, aber auch systemische Nebenwirkungen.

Wie ist das mit den anderen Erkrankungen, die das Immunsystem supprimieren können?

Bei HIV-Infektionen, bei Nierentransplantationen, bei soliden Tumoren und bei hämatologischen Erkrankungen gibt es ebenfalls Publikationen [5,6,7,8].

Sie weisen aber nur die Immunogenität nach, also erhöhte Serumspiegel von Antikörper gegen Glykoprotein E, das ist der Hauptbestandteil der Impfung. Oder es wird eine zelluläre Immunität gezeigt und die Sicherheit anhand der Nebenwirkungsrate belegt. Aber die Wirksamkeit wird nicht nachgewiesen.

Wir haben also letztendlich nur eine Studie bei Immunsuppression, die die Wirkung der Zoster-Impfung zeigt, und das in allen Altersklassen.

Wir haben aber eine Empfehlung, bei gesunden Menschen über 60 zu impfen und bei Patienten mit verschiedenen Erkrankungen über 50 Jahren zu impfen. Das ist nicht ganz befriedigend.

Ob unserem Patienten die Impfung geholfen hätte, bleibt spekulativ. Aber so ist momentan der Stand der Dinge.

Das war es aus Heidelberg. Vielen Dank fürs Zuhören.

(Copyright für die beiden Slides bei Dr. M. Hartmann)
 

Kommentar

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