„Geschäft mit der Angst“: Krebsversicherungen sind meist nur „Geldmacherei“, warnen Verbraucherschützer

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

5. Februar 2020

Immer mehr Menschen erkranken an Krebs und immer mehr Menschen überleben Krebs. 500.000 Neuerkrankungen werden laut Deutschem Krebsforschungszentrum (DKFZ) allein in 2020 erwartet. Gut die Hälfte der Betroffenen ist unter 65 Jahre alt und eigentlich noch erwerbstätig. Spezielle Versicherungen gegen Krebs versprechen finanziellen Schutz.

„Die Krebsversicherung zahlt dir Geld …, wenn du an Krebs erkrankst. Zum Beispiel 50.000 Euro. Entscheide selbst, wie du das Geld verwendest. Alle Krebsarten sind versichert. Kinder kostenlos mitversichert. Schnelle Auszahlung. Jetzt absichern. Krebs-Versicherung ab 9,90 Euro pro Monat.“

So wirbt etwa Getsurance im Internet, z.B. auf Facebook. Der Versicherungsabschluss sei einfach, günstig und online in 5 Minuten möglich. Bis zu 100.000 Euro zahle die Krebsversicherung, wenn man selbst oder eines der Kinder die Krebsdiagnose bekomme. Ab einem Alter von 51 Jahren kann man allerdings nur noch maximal 50.000 Euro absichern.

Wie sinnvoll ist eine Krebsversicherung?

Doch was ist dran, ist so was empfehlenswert? Tatsächlich kann eine Krebserkrankung den Patienten, bzw. seine Familie, finanziell stark belasten. Der Bund der Versicherten e. V. (BdV) steht Krebsversicherungen kritisch gegenüber: „Alle sind wahrscheinlich über Verwandte oder Bekannte schon einmal mit Krebs in Berührung gekommen und wissen um die Angst Betroffener. Dennoch sollte sich niemand dazu hinreißen lassen, einen solchen Versicherungsvertrag abzuschließen“, sagt BdV-Pressesprecherin Bianca Boss in der Pressemitteilung „Krebsversicherung – das Geschäft mit der Angst“. Es handele sich nur um eine Ausschnittsdeckung mit zahlreichen Fallstricken, die sich im Leistungsfall zu bösen Überraschungen für die Verbraucherinnen und Verbraucher entwickeln könnten, so Boss. „Also lieber Hände weg. Es gibt Alternativen.“

Schon im Jahr 2017 war eine Krebs-Police vom verbrauchernahen Bund der Versicherten (BdV) mit dem Schmähpreis „Versicherungskäse des Jahres“ ausgezeichnet worden. Den Kunden – so die Begründung – sei suggeriert worden, „dass es für Krebspatienten in Deutschland keine ausreichende Therapie durch die gesetzliche Krankenversicherung gibt“.

Dr. Susanne Weg-Remers

Möglicherweise könne der Abschluss einer solchen Versicherung zwar dabei helfen, eine Erwerbsminderungsrente aufzustocken, meint Dr. Susanne Weg-Remers, die Leiterin des Krebsinformationsdienstes (KID) am Krebsforschungszentrum Heidelberg (DKFZ).

„Wenn aber beispielsweise der Haupternährer einer Familie aufgrund einer Krebserkrankung langfristig nicht mehr arbeiten kann, ist das möglicherweise nur ein Tropfen auf den heißen Stein und es ist fraglich, ob eine Notsituation dadurch nachhaltig verhindert werden kann.“

Michael Wortberg von der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz spricht gegenüber dem Tagesspiegel von einem „Geschäft mit der Angst und hält die Krebsversicherung für „reine Geldmacherei“. In vielen Fällen würde die Versicherung nicht zahlen, weil etwa gutartige Tumore oder Vorstufen von Krebs nicht abgedeckt sind. Zudem gebe es eine Wartezeit von 6 Monaten.

Wortberg rät stattdessen zu einer Berufsunfähigkeitsversicherung – die biete einen viel umfassenderen Schutz. Der Bund der Versicherten kritisiert die zu geringe Abdeckung des finanziellen Risikos selbst für Krebserkrankungen. Eine Einmalzahlung in der angepriesenen Höhe tauge nicht als Absicherung gegen einen Verdienstausfall. Wichtiger wäre eine regelmäßige Rentenzahlung in angemessener Höhe als Versicherungsleistung.

Johannes Becher, Geschäftsführer von GetSurance weist jedoch darauf hin, dass sich viele Menschen eine Berufsunfähigkeitsversicherung nicht leisten könnten, weil sie Vorerkrankungen haben oder in einem Job arbeiten der als riskant gilt. „Es ist doch besser, man hat etwas Absicherung als gar keine“, meint Becher. Krebs sei schließlich eine der häufigsten Erkrankungen.

Konditionen sehr genau anschauen

„Man sollte sich die Konditionen solcher Krebsversicherungen schon sehr genau anschauen“, empfiehlt KID-Leiterin Weg-Remers.

Wer erwerbstätig ist und an Krebs erkrankt, muss tatsächlich oft mit finanziellen Einbußen rechnen. Die Lohnfortzahlung des Arbeitgebers ist in der Regel auf 6 Wochen begrenzt, danach gibt es – maximal für 78 Wochen – Krankengeld durch die gesetzliche Krankenkasse. Das aber liegt deutlich unter dem Nettogehalt.

 
Man sollte sich die Konditionen solcher Krebsversicherungen schon sehr genau anschauen. Dr. Susanne Weg-Remers
 

Ist wegen der Erkrankung eine Erwerbstätigkeit nicht mehr möglich, folgt in vielen Fällen die Erwerbsminderungsrente. Auch diese ist deutlich geringer ist als das vorherige Einkommen Dies könne Patienten und deren Familien finanziell erheblich belasten, erklärt Weg-Remers im Gespräch mit Medscape.

Dass vor diesem Hintergrund manche Menschen überlegen, ob eine Krebsversicherung drohende finanzielle Einbußen kompensieren kann, findet sie nachvollziehbar. Zumal die Wahrscheinlichkeit an Krebs zu erkranken, nicht ganz klein ist: „Aus epidemiologischen Daten wissen wir, dass jeder zweite Mensch in Deutschland im Lauf seines Lebens an Krebs erkranken wird“, so Weg-Remers. Jeder 4. bis 5. Erkrankte wird daran sterben.

 
Die Hälfte der jährlichen Neuerkrankungen an Krebs entfällt auf Menschen, die älter als 70 Jahre sind. Dr. Susanne Weg-Remers
 

Dennoch sei Krebs eine Alterserkrankung, so Weg-Remers: „Die Hälfte der jährlichen Neuerkrankungen an Krebs entfällt auf Menschen, die älter als 70 Jahre sind.“ Doch die Krebsversicherung von Getsurance springt laut den Versicherungsbedingungen genau dann nicht mehr ein. „Gehört es bei einer Krebsversicherung zu den Konditionen, dass ab einem Alter von 70 Jahren nicht mehr ausgezahlt wird, dann sollte man sich den Abschluss einer solchen Versicherung schon gut überlegen“, sagt Weg-Remers.

Werbung mit komplementärmedizinischen Therapien

Nicht unproblematisch findet sie, wenn Krebsversicherungen den Eindruck erwecken, dass Krankenkassen nicht alle notwendigen Krebsfrüherkennungsmaßnahmen oder Krebstherapien bezahlten. Geworben wird bisweilen auch damit, dass eine Krebsversicherung sinnvolle komplementärmedizinische Therapien abdecken würde.

„Dahinter sollte man ein großes Fragezeichen setzen“, so Weg-Remers, denn: Die gesetzlichen Kassen zahlen alle sinnvollen Früherkennungsuntersuchungen sowie die notwendigen und evidenzbasierten Therapien im Rahmen einer Krebserkrankung. Und für komplementärmedizinische Therapien wie z.B. Homöopathie liegt keine wissenschaftliche Evidenz für eine Wirksamkeit vor.

Armutsrisiko Krebs

Macht Krebs arm? Jürgen Walther, Leiter des Sozialdienstes im Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen (NCT), sagt: „Das kann man nicht pauschal beantworten. Wie hoch das individuelle Armutsrisiko bei einer Krebserkrankung ist, hängt von vielen Faktoren ab, zum Beispiel der Einkommens- und Vermögenssituation des betroffenen Menschen oder von der Anzahl an Personen in der Familie, die Geld verdienen. Nachweislich hat das Risiko zugenommen, durch eine schwere Erkrankung finanzielle Probleme zu bekommen oder sich zu verschulden.“

Walter berichtet von den Ergebnissen einer Längsschnittstudie in der die Mehrausgaben und die Einkommensverluste aufgrund von Krebs bei 247 Patienten mit neuroendokrinen Tumoren (NET) und Darmkrebs (CRC) untersucht worden sind: 81% der Befragten berichteten von Mehrausgaben, 75% davon jedoch unter 200 Euro, 40% hatten Einkommensverluste, davon 36% über 500 Euro und 24% über 1.200 Euro monatlich.

Mit steigenden Ausgaben und der Notwendigkeit zu sparen erhöht sich die empfundene Belastung durch die Krebserkrankung. In Deutschland sind es aber weniger die Zuzahlungen als vielmehr die Einkommensverluste, die gravierend sein können.

Dass Krebspatienten, die finanziell schlechter gestellt sind, ein höheres Risiko haben frühzeitig zu sterben, zeigen Studien. So ergab eine Arbeit des Deutschen Krebsforschungszentrums auf Basis von über einer Million Daten, dass Menschen aus den sozioökonomisch schwächsten Landkreisen während der ersten 3 Monate der Krankheit ein 33% höheres Risiko hatten zu sterben. 9 Monate nach der Diagnose lag der Unterschied bei 20%, in den darauffolgenden 4 Jahren blieb er stabil bei 16%.

 

Kommentar

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