Jeder 2. findet den Umgang mit Gesundheitsinformationen schwierig – was dagegen helfen kann

Christian Beneker

Interessenkonflikte

5. Februar 2020

Berlin – Wer erinnert sich noch an Googles Datenbrille „Google Glass“? Das fragte Hardy Müller, Beauftragter für Patientensicherheit bei der Techniker Krankenkasse (TK), auf dem Jahreskongress des Bundesverbandes Managed Care (bmc) in Berlin [1]. Kaum jemand auf dem Workshop „Einbindung von Patienteninteressen“ hob den Arm.

„Google Glass war technisch überzeugend, aber sozial nicht akzeptiert“, erklärte Müller. Tatsächlich schreckte die Brille viele Menschen, weil sie nicht einschätzen konnten, was die Kamera der Brille aufnahm und über das Internet speicherte. „Deshalb war die Brille schnell vom Markt“, sagte Müller. Seine Folgerung: „Wir brauchen einen Knigge für digitale Anwendungen.“

 
Wir brauchen einen Knigge für digitale Anwendungen. Hardy Müller
 

Denn das Problem lag nach Müllers Ansicht nicht bei der Brille, sondern im Misstrauen der potenziellen Nutzer. Ungeachtet der Frage, ob „Google Glass“ zu Recht vom Markt verschwunden ist, forderte Müller darum, für Anwender digitaler Gesundheitsangebote mehr Kompetenz zu schaffen und dadurch mehr Vertrauen zu ermöglichen.

Das Vertrauen in die digitalen Angebote werde weniger enttäuscht, wenn die Nutzer die Gefahren und Chancen kennen, hieß es. Zudem dürfe die Kluft zwischen digital informierten Patienten und nicht informierten nicht zu groß werden.

Die Antwort der Patienten auf die digitalisierte Medizin: Know-how

Nicht erst seit dem verstärkten Einzug digitaler Gesundheitsanwendungen fehlt Versicherten der souveräne Umgang mit medizinischen Apps oder der Tele-Sprechstunde. Schon 2018 machte der Nationale Aktionsplan Gesundheitskompetenz deutlich: „Mehr als die Hälfte der Bevölkerung in Deutschland (53,3%) sieht sich im Umgang mit gesundheitsrelevanten Informationen vor erhebliche Schwierigkeiten gestellt.“

 
Die digitale Gesundheitskompetenz besteht deshalb aus Gesundheitskompetenz und digitaler Kompetenz. Hardy Müller
 

Ernährung, Bewegung, Medikation – viele der gut gemeinten Ratschläge und Informationen verpuffen, weil die Empfänger sie nicht korrekt einordnen können. Dies gilt nun umso mehr, als dass diese Informationen immer häufiger als digitalisierte Informationen daherkommen. „Die digitale Gesundheitskompetenz besteht deshalb aus Gesundheitskompetenz und digitaler Kompetenz“, sagte Müller.

Damit die Patienteninteressen also überhaupt in Versorgungskonzepte einfließen können, müssen Patienten wissen, wie sie mit dem elektronischen Rezept umgehen sollen oder mit der elektronischen Patientenakte.

Parkinson: Patienten sollen sich aktiv an der Forschung beteiligen

Das dürfte auch Jens Gunter Greve unterschreiben. Er ist Parkinson-Patient, Unternehmer und Gründer der Firma Yuvedo in einer Person. „Die Krankheit hat ungefähr 50 Symptome, irgendwann bekommen wir sie alle“, sagte Greve. „Das schwerste Symptom ist die Schlaflosigkeit – und es gibt keine Therapie.“

 
Es kann doch nicht sein, dass Parkinsonpatienten seit 50 Jahren immer noch die gleichen Medikamente bekommen. Jens Greve
 

Greve hat deshalb eine App entwickelt, die die Symptome der Erkrankung nachweislich lindern könne. Sie leitet die Patienten an, in Gruppen und virtuellen Gruppen Übungen zu machen, „studienbasierte Übungen und hoch wirksame Neuroübungen“, versichert Greve. Er verspricht kleine Erfolge und große Siege.

Aber um sich der Erkrankung aktiv entgegenzustellen, brauche es mehr – die Beteiligung der Patienten an der Forschung. „50 Prozent der Erkrankung ist das, was der Patient daraus macht. Er weiß am besten über seine Erkrankung Bescheid“, sagte Greve. Wer die App nutzt, kann deshalb seine Daten über die App der Forschung zur Verfügung stellen.

„Es kann doch nicht sein, dass Parkinsonpatienten seit 50 Jahren immer noch die gleichen Medikamente bekommen“, sagt Greve. „Auch die Patientenverbände haben bei der Therapieverbesserung oder Heilung von Parkinson nichts erreicht!“ Statt ständig auf das „unheilbar“ zu starren, solle es eines Tages heißen: „Parkinson ist heilbar, weil die Patienten ihren Beitrag geleistet haben“, so Greve.

Den Patienten Angebote machen

Ansgar Jonitz, Geschäftsführer und Mitgründer von washabich.de geht gewissermaßen den umgekehrten Weg wie Hardy Müller von der TK. Jonitz und seine rund 2.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter übersetzen medizinische Befunde aus der Fachsprache in verständliches Deutsch.

„Wenn man Patienten befragt, können sich viele Patienten oft nicht äußern. Aber wenn man ein gutes Angebot macht, trifft man auf große Nachfrage. Wir jedenfalls wurden überrannt“, berichtet Jonitz. Seit der Gründung 2011 haben die Mitarbeiter von washabich.de rund 40.000 Befunde übersetzt.

 
Was die Patienten wollen, ist verstehen, nachlesen und entscheiden können. Ansgar Jonitz
 

Unterdessen übersetzt die Initiative im Rahmen eines Forschungsprojektes auch die Arztbriefe an der Paracelsus-Klinik Bad Ems in verständliche Patientenbriefe: Hier werden nicht nur Befunde übersetzt, die die Patienten an wasshabich.de eingeschickt haben, sondern die Patienten bekommen ihre übersetzten Arztbriefe nun als Patientenbriefe automatisch in die Hand. Was den Patienten zuvor als Kauderwelsch gegolten haben muss, wird nun in neuer Übersetzung von mehr als 86% der Patienten gelesen – und zwar ausführlich. Und bei rund 75% der Patienten haben 1, 2 oder 3 weitere Personen den Brief gelesen.

„Was die Patienten wollen, ist verstehen, nachlesen und entscheiden können“, sagt Jonitz. Aus seiner Sicht ist das Projekt Patientenbrief auch auf größere Häuser übertragbar – und auf den ambulanten Sektor.

Abgestuftes Assessment geriatrischer Versicherter

Auch die pronova BKK macht ihren alten, beziehungsweise alternden Mitgliedern Versorgungsangebote, wie Volker Latz von der pronova BKK auf dem BMC-Kongress erklärte. In einem am Alter der Versicherten orientierten, 4-stufigen Schema erheben pronova-Mitarbeiter per Anschreiben oder Telefon den Unterstützungsbedarf der Versicherten:

  • Mit regelmäßig 4 Anschreiben pro Jahr werden in der 1. Stufe 69-jährige Versicherte ohne Hilfebedarf, aber mit ersten Einschränkungen präventiv angeschrieben.

  • In der Stufe 4 werden demenziell Erkrankte im Laufe von 48 Wochen 12-mal angerufen und einmal besucht.

Das „proGero“ genannte Projekt stellt dann in einem Assessment für jeden Patienten den Hilfebedarf individuell zusammen. Bei 45% der Programm-Teilnehmer ergab sich ein akuter Hilfebedarf. „Die meisten älteren Versicherten wollen zuhause wohnen, auch wenn sie Einschränkungen haben“, sagt Latz. „Sie wollen wir unterstützen.“

 
Wir wollen den geriatrischen Versicherten langfristige Lösungen anbieten und sie so enger einbinden. Volker Latz
 

Derzeit sind 2.900 Versicherte in das Programm eingeschrieben, das Projekt läuft seit anderthalb Jahren. Einmal im Quartal bittet die Kasse ihre Studienteilnehmer um ein schriftliches Feedback, berichtet Latz. Die Rücksendequote beträgt 90%. „Wir wollen den geriatrischen Versicherten langfristige Lösungen anbieten und sie so enger einbinden.“

 

Kommentar

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