Pandemisches Potenzial unterschätzt? Coronavirus kontagiöser als gedacht. Lancet-Studie geht von 76.000 Infizierten aus

Michael van den Heuvel

Interessenkonflikte

3. Februar 2020

Die offiziellen Zahlen steigen zwar quasi stündlich – Montagmorgen, den 3. Februar 2020, waren es über 17.400 Infizierte und 362 Tote durch das neue Coronavirus – diese Zahlen finden sich in der offiziellen Statistik, die Forscher am Center for Systems Science and Engineering an der Johns Hopkins University Baltimore im Internet führen.

Doch Prof. Dr. Joseph T. Wu von der University of Hong Kong und Kollegen warnen im Lancet, das wahre Ausmaß der Epidemie und ihr pandemisches Potenzial bleibe unklar angesichts fehlender Daten über vermutete, wahrscheinliche und bestätigte Fälle [1]. Vielmehr schätzen sie auf Basis mathematischer Modellierungen, dass bereits bis zum 25. Januar 2020 etwa 75.800 Personen infiziert worden sind.

„Die offensichtliche Diskrepanz zwischen unseren modellierten Schätzungen und der tatsächlichen Zahl der bestätigten Fälle in Wuhan könnte auf mehrere Faktoren zurückzuführen sein“, kommentiert Prof. Dr. Gabriel Leung von der University of Hong Kong in einer Pressemitteilung. Er ist Letztautor der Veröffentlichung. „Dazu gehören die zeitliche Verzögerung zwischen Infektion und Symptombeginn, Verzögerungen bei der medizinischen Behandlung von Infizierten und die Zeit bis zur Bestätigung durch Labortests.“ Außerdem benötige nicht jeder Patient medizinische Hilfe, was zu einer gewissen Dunkelziffer führe.

Simulation: Mehr Infektionen als offiziell angegeben

In ihrer Studie verwendeten die Forscher mathematische Modelle, um das Ausmaß der Epidemie auf Basis offizieller Falldaten zu simulieren. Hinzu kamen Angaben über Reisen per Bahn, Auto oder Flugzeug. In das mathematische Modell flossen auch Effekte wie die Quarantäne in Wuhan, der Einsatz von Schutzmasken und der Effekt verstärkter persönlicher Hygienemaßnahmen, Stichwort Handdesinfektion, mit ein.

Da es keine verlässlichen Angaben gibt zur Frage, ab wann Infizierte weitere Menschen anstecken, verwendeten Wu und Kollegen bekannte Werte von SARS. Sie schätzen, dass zu Beginn des Wuhan-Ausbruchs vom 1. Dezember 2019 bis zum 25. Januar 2020 jede mit 2019-nCoV infizierte Person im Durchschnitt 2 bis 3 gesunde Menschen infiziert haben könnte und dass sich die Zahl an Patienten alle 6,4 Tage verdoppelt hat. Das heißt: In der frühen Phase könnten bis zu 75.815 Personen infiziert worden sein.

Darüber hinaus deuten Schätzungen darauf hin, dass sich 2019-nCoV ab dem 25. Januar von Wuhan kommend auf mehrere chinesische Großstädte ausgebreitet haben könnte, darunter Guangzhou (111 Fälle), Peking (113), Shanghai (98) und Shenzhen (80). Dies habe nicht nur zu lokalen Epidemien geführt, heißt es im Artikel. Zusammen machen diese Regionen mehr als die Hälfte aller abgehenden internationalen Flüge aus China aus: ein nationales und internationales Risiko.

Die Autoren weisen auf mehrere Einschränkungen ihrer Studie hin, u.a. darauf, dass die Genauigkeit ihrer Schätzungen von ihrer Hypothese einer zoonotischen Infektionsquelle in Wuhan abhängt. Sie arbeiteten auch mit der vereinfachenden Annahme, dass das Reiseverhalten nicht durch Krankheiten oder durch Berichte darüber beeinflusst worden ist.

Aus Wuhan in die ganze Welt

Trotz aller Ungenauigkeiten befürchtet Wu: „Großstädte in Übersee mit engen Verkehrsverbindungen nach China könnten wegen der erheblichen Ausbreitung des Virus durch asymptomatische Patienten ebenfalls zu Epizentren des Ausbruchs werden, wenn nicht sofort substanzielle Interventionen im Bereich der öffentlichen Gesundheit sowohl auf der Ebene der Bevölkerung als auch auf persönlicher Ebene durchgeführt werden.“

 
Großstädte in Übersee mit engen Verkehrsverbindungen nach China könnten wegen der erheblichen Ausbreitung des Virus durch asymptomatische Patienten ebenfalls zu Epizentren des Ausbruchs werden. Prof. Dr. Joseph T. Wu
 

Genau das ist in Deutschland passiert: Wie Medscape berichtete, hat eine chinesische Mitarbeiterin des Automobilzulieferers Webasto den Konzernsitz in Starnberg Bayern besucht und – obwohl sie selbst symptomlos war – andere Kollegen angesteckt, die wiederum andere sowie Familienmitglieder infiziert haben. Ernstlich erkrankt ist derzeit niemand. Alle Infizierten werden in der München Klinik Schwabing isoliert und behandelt.

Auch 128 Deutsche und andere Staatsbürger aus Wuhan, die per Bundeswehr-Maschine aus Wuhan eingeflogen worden sind, befinden sich derzeit in Quarantäne. Unter den Rückkehrern befanden sich 2 Infizierte, wie der Bayerische Rundfunk berichtete. Nach den Infektionen aus Süddeutschland sind Behörden äußerst vorsichtig geworden.

Neues Coronavirus kontagiöser, aber weniger letal als ähnliche Erreger

„Soweit wir derzeit wissen, hatten Patienten, die sich bei der chinesischen Indexpatientin in Bayern angesteckt haben, zum Teil eher flüchtige Kontakte mit Infizierten, zum Beispiel einen Handschlag oder einen kürzeren gemeinsamen Aufenthalt in einem Büro“, erklärt Prof. Dr. Clemens Wendtner gegenüber dem Science Media Center Germany. Er ist Chefarzt der Infektiologie und Tropenmedizin sowie Leiter der Spezialeinheit für hochansteckende lebensbedrohliche Infektionen an der München Klinik Schwabing.

 
Das scheint mir das Neue, dass dieses 2019-nCoV offenbar anders als SARS und MERS, offensichtlich hoch kontagiös, also ansteckend ist. Prof. Dr. Clemens Wendtner
 

Wendtner: „Das scheint mir das Neue, dass dieses 2019-nCoV offenbar anders als SARS und MERS, offensichtlich hoch kontagiös, also ansteckend ist, soweit wir das bisher erkennen können anhand der ersten sieben bestätigten Fälle in Bayern.“ (Anmerkung der Redaktion: Inzwischen sind es 8 bestätigte Infektionen in Bayern.)

Zugleich sei die Infektion mit einer variablen Viruslast verbunden, die Anzahl der Viruspartikel in nasopharyngealen Abstrichen und im Sputum Infizierter schwanke bei den bisher Untersuchten und erreicht in einer quantitativen RT-PCR Werte von bis zu 108 Kopien pro Milliliter.

„Es gibt zudem erste Infektionsketten, bei denen eine Infektion von einem auf einen weiteren Mitarbeiter einer Autozulieferer-Firma und inzwischen auch auf ein kleines Kind eines Firmenangestellten weitergegeben wurde – im Einzelfall sogar von zuvor symptomlos Infizierten“, erklärt der Infektiologe. „Das ist derzeit der Stand der Dinge, der sich aber aufgrund neuer Erkenntnisse rasch ändern kann.“

 
Bisher sieht es so aus, als ob die Letalität des 2019-nCoV eher deutlich geringer ausfällt als bei SARS. Prof. Dr. Clemens Wendtner
 

Doch Wendtner hat auch optimistische Botschaften für Ärzte und Patienten: „Bisher sieht es so aus, als ob die Letalität des 2019-nCoV eher deutlich geringer ausfällt als bei SARS.“ Generell sei abzuwarten, ob es eventuell sekundär zu einer überschießenden Immunität gegen den Erreger komme. „In diesem Zusammenhang können dann auch Infiltrate in der Lunge auftreten (sogenanntes ARDS), daher bleiben alle Patienten weiter unter stationärer Beobachtung.“

 

Kommentar

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