Bericht deutscher Ärzte im NEJM über Coronavirus in Bayern macht deutlich, wie schwierig die Bekämpfung des Erregers wird

Michael van den Heuvel 

Interessenkonflikte

31. Januar 2020

Der erste deutsche Patient, der sich mit dem Coronavirus infiziert hat, ein 33-Jähriger aus dem Kreis Starnberg, liefert einige wichtige Informationen zur Klinik und zur Übertragbarkeit des neuen Erregers. Die ihn betreuenden Ärzte um Dr. Camilla Rothe vom Klinikum der Universität München stellen den Fall nun aktuell im Detail als „Correspondence“ im New England Journal of Medicine dar [1]. Eine wichtige Erkenntnis daraus: Nach Infektion können Patienten symptomlos, aber trotzdem kontagiös sein.

Symptomlose Patienten können 2019-nCoV übertragen

Zu den Details: Der 33-jährige Geschäftsmann (in der Publikation Patient 1 genannt) ohne Vorerkrankungen berichtete am 24. Januar 2020 von Halsschmerzen, Schüttelfrost und Myalgien. Am folgenden Tag kamen Fieber von 39,1°C und ein produktiver Husten hinzu. Der Mann erholte sich allerdings rasch und ging am 27. Januar, weil es ihm besser ging, wieder zur Arbeit.

Er gab an, vor Einsetzen der Symptome, sprich am 20. und 21. Januar, in seiner Firma bei München an Besprechungen mit einer chinesischen Kollegin teilgenommen zu haben. Sie kam aus Shanghai und hielt sich vom 19. bis 22. Januar in Deutschland auf. Während ihres Aufenthalts hatte sie keine Symptome und fühlte sich gesund.

Erste Symptome traten erst während ihres Rückflugs auf. Am 26. Januar testeten Ärzte die Frau positiv auf 2019-nCoV. Sie wird in der deutschen Publikation als Indexpatientin bezeichnet. Am 27. Januar informierte die Firma bei München das zuständige Gesundheitsamt.

Suche nach Kontaktpersonen

Dieses machte bei der Recherche der Kontaktpersonen den 33jährigen ausfindig, der dann an die Abteilung für Infektionskrankheiten und Tropenmedizin der München Klinik Schwabing verwiesen wurde. Der Mann war selbst innerhalb der letzten Wochen nicht in China.

Zur weiteren Diagnostik wurden ihm 2 Nasopharynx-Abstriche und eine  Sputumprobe entnommen. Beim quantitativen Reverse-Transkriptase-Polymerase-Kettenreaktions-Assay (qRT-PCR) konnte 2019-nCoV eindeutig nachgewiesen werden. Und auch beim Folgetest einige Tage später (am 29. Januar) fand sich noch eine hohe Viruslast von 108 Kopien pro Milliliter in seinem Sputum, obwohl der Mann längst wieder beschwerdefrei war.

Insgesamt waren rund 40 Mitarbeiter der Firma ermittelt worden, die als enge Kontaktpersonen in Frage kamen und vorsichtshalber getestet sowie von der „Task Force Infektiologie“ des Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit eingehend befragt wurden. Am 28. Januar berichteten die Ärzte dann, dass PCR-Tests bei 3 weiteren Mitarbeitern des Unternehmens positiv waren (Anmerkung der Redaktion: Inzwischen ist ein weiterer hinzugekommen).

Interessant: Von diesen Patienten hatte nur einer direkten Kontakt mit der Indexpatientin, also der chinesischen Kollegin, gehabt. Bislang zeigte keiner der bis dato 4 bestätigten Patienten Anzeichen einer schweren klinischen Erkrankung.

Erste Übertragung direkt in Deutschland

Das Bemerkenswerte an diesem deutschen Fall: „Dieser Fall einer 2019-nCoV-Infektion wurde in Deutschland diagnostiziert und außerhalb Asiens übertragen“, schreiben Rothe und ihre Kollegen. „Bemerkenswert ist auch, dass die Infektion offenbar während der Inkubationszeit der Indexpatientin übertragen wurde, bei der die Krankheit kurz und unspezifisch verlief.“

 
Bemerkenswert ist auch, dass die Infektion offenbar während der Inkubationszeit der Indexpatientin übertragen wurde, bei der die Krankheit kurz und unspezifisch verlief. Dr. Camilla Rothe und Kollegen
 

Die Tatsache, dass asymptomatische Personen potenzielle Quellen für eine 2019-nCoV-Infektion seien, könne eine Neubewertung der Übertragungsdynamik erforderlich machen.

„In diesem Zusammenhang weckt (…) eine hohe Sputum-Viruslast bei einem rekonvaleszenten Patienten (Patient 1) die Besorgnis über eine längere Ausscheidung von 2019-nCoV nach der Genesung“, ergänzen die Autoren.

Allerdings reiche der Nachweis von 2019-nCoV via qRT-PCR nicht aus. Vielmehr müsse man die biologische Aktivität des Virus aus Proben des rekonvaleszenten Patienten noch in vitro nachweisen.

 
In diesem Zusammenhang weckt (…) eine hohe Sputum-Viruslast bei einem rekonvaleszenten Patienten die Besorgnis über eine längere Ausscheidung von 2019-nCoV nach der Genesung. Dr. Camilla Rothe und Kollegen
 

Klinisch leichter Verlauf

Alle 4 Patienten, die in München behandelt wurden, gelten den Autoren zufolge als leichte Fälle. Sie wurden hauptsächlich aus Gründen der öffentlichen Gesundheit stationär behandelt und isoliert. „Da die Kapazitäten der Krankenhäuser – insbesondere angesichts des gleichzeitigen Höchststandes der Grippesaison in der nördlichen Hemisphäre – begrenzt sind, muss untersucht werden, ob solche Patienten mit angemessener Anleitung und Aufsicht außerhalb des Krankenhauses behandelt werden können“, fordern Rothe und ihre Koautoren.

Das Bundesministerium für Gesundheit hat inzwischen weitere Maßnahmen veröffentlicht, wie die Ausbreitung des Virus eingedämmt werden soll. Unter anderem will Jens Spahn Piloten verpflichten, Angaben zum Gesundheitszustand ihrer Passagiere zu machen. Eine Maßnahme, deren Erfolg anhand der neuen Erkenntnisse aus dem deutschen Fall, zumindest fraglich erscheint.
 

Kommentar

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