Coronavirus: 3 neue Publikationen – wo der Erreger herkommt, wie er sich manifestiert und was die Kontrolle erschwert

Sonja Boehm

Interessenkonflikte

30. Januar 2020

Das neue Coronavirus 2019-nCoV aus China hält die wissenschaftliche Welt nach wie vor in Atem – in den vergangenen 24 Stunden sind mehrere neue wissenschaftliche Publikationen unter anderem im New England Journal of Medicine und im Lancet erschienen [1,2,3]. Die Arbeiten beschäftigen sich mit der Entstehung und Ausbreitung des neuen Erregers und mit seiner Klinik.

Von der Fledermaus über einen tierischen Zwischenwirt auf den Menschen

In der ersten Publikation im Lancet beschreiben Prof. Dr. Chaolin Huang und Kollegen vom chinesischen Zentrum für Krankheitskontrolle und -prävention in Shandong das Ergebnis ihrer Analysen von 10 Genomsequenzen des neuen Virus, gewonnen von 9 Patienten aus Wuhan. Danach ist der neue Erreger eng verwandt mit 2 SARS-ähnlichen Coronaviren, die ihr natürliches Reservoir in Fledermäusen haben.

Doch sei 2019-nCoV wahrscheinlich nicht direkt von den Fledermäusen auf den Menschen übergesprungen, sondern über einen Zwischenwirt – wahrscheinlich eine Tierart, die auf dem Huanan Seafood Market verkauft worden ist, schreiben sie. Erst über den Zwischenwirt habe der Erreger wohl die Fähigkeit erworben, auch Menschen zu infizieren.

Dass es wahrscheinlich keine direkte Übertragung von den Fledermäusen auf die Menschen gegeben habe, werde auch durch die Tatsache gestützt, dass die ersten Krankheitsfälle Ende Dezember gemeldet wurden – einer Zeit, in der sich Fledermäuse in Winterruhe befinden, argumentiert Prof. Dr. Guizhen Wu, eine der Autorinnen. Auch gebe es auf dem Seafood Market keine Fledermäuse – und sie würden dort auch nicht verkauft. Allerdings würden dort verschiedene kleinere Säugetiere gehandelt, die als Zwischenwirte in Frage kommen.

Von den 9 Patienten, die alle mit einer viralen Pneumonie diagnostiziert worden waren und in deren Lungen 2019-nCoV nachgewiesen werden konnte, hatten 8 vor Ausbruch der Krankheit den Markt besucht, der 9. hatte in einem Hotel nahe des Seafood-Markets gewohnt. Da alle 10 gewonnen Proben zu 99,98% genetisch identisch waren, schließen die Autoren, dass der Erreger erst sehr kürzlich auf Menschen übergegangen ist.

 
Dass die Gensequenzen nahezu identisch waren, lässt darauf schließen, dass der 2019-nCoV-Ausbruch aus einer einzigen Quelle innerhalb kurzer Zeit entstand. Prof. Dr. Weifeng Shi
 

„Dass die beschriebenen Gensequenzen, die von verschiedenen Patienten gewonnen worden waren, nahezu identisch waren, lässt darauf schließen, dass der 2019-nCoV-Ausbruch aus einer einzigen Quelle innerhalb kurzer Zeit entstand – und sehr rasch entdeckt wurde“, wird Prof. Dr. Weifeng Shi von der Universität von Shandong in einer begleitenden Pressemitteilung zitiert. „Wenn der Erreger sich aber so rasch über weitere Individuen ausbreitet, ist unbedingt eine enge Überwachung neu auftretender Mutationen erforderlich“, warnt er.    

In ihrer Analyse fanden die Forscher die engste genetische Übereinstimmung von 2019-nCoV mit 2 Fledermaus-Coronaviren. Sie betrug rund 88%. Auch dass die Übereinstimmung „nur“ 88% betrage, spreche für einen Zwischenwirt, argumentiert Wu. Mit dem SARS-Erreger teilt das neue Virus 79% seiner Gene, mit dem MERS-Erreger 50%. Sowohl bei SARS, als auch bei MERS gelten ebenfalls Fledermäuse als das natürliche Reservoir.

Allem Anschein nach scheint 2019-nCoV unter anderem das Protein, über das es die menschlichen Zellen infiziert, mit dem SARS-Virus zu teilen – es nutzt also wohl die gleiche Eintrittspforte. Doch benötige dies noch weitere wissenschaftliche Bestätigung, schreiben die Autoren.

Fieber, Husten, Pneumonie – 3 typische Symptome

In einer weiteren Publikation im Lancet werden klinische Details einer Fallserie von Patienten mit 2019-nCoV-Infektion, die in einer Klinik behandelt wurden, vorgestellt. Es handelt sich um 99 Patienten aus dem Zeitraum vom 1. bis zum 20. Januar 2020.

Die meisten Patienten waren im mittleren Alter (Schnitt 55 Jahre), 2 Drittel (67) waren männlich, jeder 2. hatte sich auf dem Huanan Seafood Market aufgehalten – die allermeisten (46 Patienten) hatten dort gearbeitet. 

Rund die Hälfte der Erkrankten (n = 50) litt unter chronischen Erkrankungen, etwa Diabetes oder kardio- bzw. zerebrovaskulären Krankheiten. Alle in die Klinik Aufgenommenen hatten eine Pneumonie, diese war bei 75% beidseitig. Fast alle hatten Fieber und Husten (82 bzw. 81 Erkrankte), ein Drittel litt unter Kurzatmigkeit. 5 kritisch Erkrankte hatten Koinfektionen mit Bakterien oder Pilzen.

Therapeutisch erhielten 75 Patienten antivirale Medikamente, 50 Antibiotika und ebenfalls 75 eine Sauerstofftherapie. 17 Erkrankte entwickelten ein akutes progressives Lungenversagen, 11 davon starben aufgrund eines multiplen Organversagens. Rund die Hälfte (n = 57) sind derzeit noch hospitalisiert.

Noch kein „Turning-point“ bei der Epidemie zu erkennen

Ebenfalls vom chinesischen Zentrum für Krankheitskontrolle und -prävention stammt eine weitere Publikation von Prof. Dr. Qun Li und Kollegen im New England Journal of Medicine. Darin werden 425 bestätigte Krankheitsfälle aus Wuhan analysiert. Die Auswertung umfasst Fälle bis zum 22. Januar 2020.

In dieser Serie betrug das mittlere Alter 59 Jahre und 56% waren Männer. Während bei den noch in 2019 diagnostizierten Fällen die Mehrzahl (55%) im Zusammenhang mit einem Aufenthalt auf dem Huanan Seafood Market stand, waren es nach dem 1. Januar 2020 nur noch 8,6% – was nicht verwundert, da der Markt ja geschlossen wurde.

Die mittlere Inkubationszeit betrug 5,2 Tage, variierte aber deutlich – 5% aller Fälle traten später als 12,5 Tage auf. Die Autoren schlagen bei Verdachtsfällen eine Quarantäne- bzw. Beobachtungszeit von 14 Tagen vor.

Erst am 29. Dezember war über die ersten 4 Krankheitsfälle berichtet worden. Sie waren durch einen Überwachungsmechanismus für „Pneumonien unbekannter Ursache“ identifiziert worden, der nach dem SARS-Ausbruch 2003 installiert worden war. Wie die Autoren berichten, folgt die Epidemie einem exponentiellen Wachstum – bei dem sich bislang noch kein eindeutiger „Turning-point“ zeige.

Die besonders rasante Zunahme an Fällen im Januar sei aber eventuell auch noch durch die bessere Verfügbarkeit von Test-Kits angeheizt worden. Über die Zeit ist auch die Zahl der Infizierten, die im Gesundheitswesen beschäftigt sind, gewachsen – doch nicht so stark wie dies bei den MERS- und SARS-Infektionen der Fall war.

Schon Mitte Dezember die ersten Mensch-zu Mensch-Übertragungen?

Aufgrund ihrer Daten schließen die Autoren, dass es bereits ab Mitte Dezember zwischen engen Kontaktpersonen zu Mensch-zu-Mensch-Übertragungen gekommen ist. Sie berechnen bisher eine R0 von 2,2 – was bedeutet, dass jeder Infizierte im Schnitt 2,2 weitere Personen ansteckt. Es sei davon auszugehen, dass eine Epidemie sich so lange ausbreite, wie die R0 größer als 1 sei – es müsse also Ziel aller Maßnahmen sein, die R0 in diesen Bereich zu drücken.

Bei SARS mit einer Ausgangs-R0 von um die 3 sei dies durch die Isolation der Kranken und sorgfältige Infektionskontrolle gelungen. Beim 2019-nCoV-Ausbruch wird dies aber dadurch erschwert, dass es augenscheinlich sehr milde Verläufe gibt und der Erreger wohl auch bereits im asymptomatischen Stadium übertragen werden kann.

Auch werden viele Patienten erst nach Tagen vorstellig: Bei den von ihnen analysierten 425 Fällen waren 89% erst am 5. Tag nach Symptombeginn oder später hospitalisiert worden. Zudem gebe es inzwischen, nachdem zunächst der Fokus bei der Entdeckung neuer Fälle allein auf Pneumonien lag, auch Berichte über eine Erstpräsentation mit gastrointestinalen Symptomen.

„Die zunehmenden Infektionszahlen in anderen Regionen und Ländern weltweit, lässt den Schluss zu, dass sich die Epidemie weiter ausbreitet“, schreiben die Autoren. Es bleibe abzuwarten, ob in anderen Regionen die lokale Transmission eine ähnliche Dynamik wie in Wuhan zeige.

Kaum Kinder, aber viele Ältere mit Symptomen

Sie verweisen darauf, dass bislang nur wenige Fälle bei Kindern berichtet wurden und rund die Hälfte der von ihnen analysierten Patienten 60 Jahre oder älter waren. Es sei aber ebenfalls nicht klar, ob Kinder weniger anfällig für die Infektion seien oder aber nur mildere Verläufe zeigten, so dass sie zwar nicht erkannt werden, aber vielleicht zur Ausbreitung der Infektion beitragen können. Es gebe bereits eine Fallbeschreibung einer „asymptomatischen Infektion eines Kindes“. Ein „großzügiger Einsatz von Test-Kits“, um auch subklinische Fälle aufzudecken, könne zu mehr Klarheit hier beitragen, betonen sie.

 
Es werden beträchtliche Bemühungen notwendig sein, … will man Ausbrüche kontrollieren, wenn diese in anderen Regionen eine ähnliche Übertragungsdynamik zeigen. Prof. Dr. Qun Li und Kollegen
 

Sie warnen: „Es werden beträchtliche Bemühungen notwendig sein, um die Transmissionsraten zu verringern, will man Ausbrüche kontrollieren, wenn diese in anderen Regionen eine ähnliche Übertragungsdynamik zeigen.“ Und weiter: „In Risikopopulationen sollten dringend Maßnahmen ergriffen werden, um die Transmission zu verhindern oder zumindest zu reduzieren.“ Doch müssten die am besten wirksamen Kontrollmechanismen erst noch identifiziert werden.

Um einen Überblick über die Zahl der gemeldeten Fälle in Echtzeit zu behalten, haben Wissenschaftler der US-amerikanischen John Hopkins Universtiät in Baltimore, Maryland, eine interaktive Karte entwickelt.

 

Kommentar

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