Kinder, die Voll- statt Magermilch trinken, sind seltener zu dick – was könnte die Erklärung sein?

Tara Haelle

Interessenkonflikte

30. Januar 2020

Der Genuss von Vollmilch scheint mit einer reduzierten Wahrscheinlichkeit für Übergewicht bei Kindern assoziiert zu sein. Das ergab eine Meta-Analyse, die im American Journal of Clinical Nutrition erschienen ist [1].

Welcher Mechanismus könnte dahinterstecken?

Eine Kritik an den Befunden ist allerdings, das Störvariablen nicht adäquat berücksichtigt worden sind, insbesondere dass die tägliche Gesamt-Kalorienaufnahme nicht erfasst wurde. Eine reverse Kausalität ist demnach ebenso plausibel wie jede andere Erklärung für die Ergebnisse.

„Einfach ausgedrückt gibt es keinen Weg, um verbleibende Störvariablen aus der Diskussion in der Ernährungsforschung zu entfernen und diese Studie versucht nicht die gesamte tägliche Energieaufnahme zu quantifizieren“, sagt Adipositas-Spezialist Prof. Dr. Yoni Freedhoff, University of Ottawa, Kanada, gegenüber Medscape Medical News.

Ein anderes Problem ist, „dass es keinen nachgewiesenen Mechanismus gibt, nach dem Vollmilch-Konsum zu einem geringeren Gewicht führen kann“. Unter den von den Autoren vorgeschlagenen Mechanismen sind kalorischer Ersatz von weniger gesunder Nahrung wie zuckergesüßter Getränke mit Milchfett oder eine stärkere Sättigung durch Vollmilch.

 
Eltern von Kindern mit geringerem Gewicht könnten Milch mit höherem Fettgehalt wählen, um die Gewichtszunahme zu erhöhen. Shelly M. Vanderhout und Kollegen
 

„Eine weitere mögliche Erklärung ist, dass eine geringere Sättigung durch fettreduzierte Milch in einem höheren Milchkonsum resultieren könnte. Dadurch könnte eine größere Gewichtszunahme im Vergleich zu Kindern, die Vollmilch trinken bedingt sein“, schreiben Studienautorin Shelly M. Vanderhout, Universität von Toronto, Kanada, und ihre Kollegen. Aber sie bestätigen, dass eine Beeinflussung durch Kofaktoren und reverse Kausalität ebenso mögliche Erklärungen für ihre Ergebnisse sind.

„Eltern von Kindern mit geringerem Gewicht könnten Milch mit höherem Fettgehalt wählen, um die Gewichtszunahme zu erhöhen“, schreiben die Autoren. „Andererseits könnten Eltern mit mehr Gewicht fettarme Milch wählen, um das Risiko für Übergewicht oder Adipositas zu verringern.“

Die aktuellen Ernährungsempfehlungen raten jedenfalls dazu, dass Kinder im Alter unter 2 Jahre fettreduzierte Milch (0,1 bis 2%) trinken sollten anstatt Vollmilch (3,5%), um das Risiko für Übergewicht zu reduzieren.

28 Studien zu Zusammenhang von Übergewicht und Milch-Fettgehalt

Für ihre Studie suchten die Autoren in den Datenbanken Embase, CINAHL, MEDLINE, Scopus and the Cochrane Library nach allen Beobachtungs- und Interventionsstudien im August 2019, die sich mit der Beziehung zwischen dem Fettgehalt von Kuhmilch-Konsum und dem Body-Mass-Index (BMI) bei gesunden Kindern zwischen 1 und 18 Jahren beschäftigten.

Unter den 28 Studien, die die Bedingungen erfüllten, waren 20 Querschnittsstudien und 8 prospektive Kohortenstudien. Es war keine klinische Studie darunter. Die Aufnahme von Milch wurde aufgrund von Häufigkeitsfragebögen, Ernährungstagebüchern oder 24-Stunden-Ernährungsrecalls erhoben.

Die Outcome-Messung beinhaltete den Standard Deviation Score (SDS; Abweichung zum Mittelwert), den BMI, das Gewicht-Alter-Verhältnis, Körperfettmasse, fettfreie Körpermasse, Taillenumfang, Taille-zu-Hüfte-Verhältnis, Körperfettanteil, Hautfaltendicke und die Prävalenz von Übergewicht oder Fettleibigkeit, wie sie durch die Grenzwerte von Weltgesundheitsorganisation (WHO), die Centers for Disease Control and Prevention (CDC) oder International Obesity Task Force definiert ist.

Mehrheit der Studien fanden Assoziation

10 der Studien fanden keinen Zusammenhang zwischen Vollmilch-Konsum und der Wahrscheinlichkeit von Übergewicht bei Kindern. Die anderen 18 Studien kamen zu dem Ergebnis, dass Milch mit höherem Fettgehalt mit einer geringeren Fettleibigkeit assoziiert war.

Die Forscher nahmen 14 der Studien mit 20.897 Teilnehmern in ihre Meta-Analyse auf. Die Analyse ergab, dass die Rate an Übergewicht oder Fettleibigkeit bei Kindern, die Vollmilch tranken, um 39% geringer war als bei Kindern, die fettreduzierte Milch konsumierten (Odds Ratio: 0,61; p < 0,0001). Die Autoren berichten aber, dass die Studien sehr heterogen waren.

„Beobachtungen unterstützen die These, dass Kinder, die Vollmilch konsumieren, im Vergleich zu denen, die fettarme Milch zu sich nehmen, eine geringere Rate an Übergewicht oder Fettleibigkeit haben“, schlussfolgern die Autoren.

Sie merken aber an: „Daten aus klinischen Studien könnten bessere Nachweise für die Richtung dieses Zusammenhangs liefern.“ Nur 2 prospektive Kohortenstudien versuchten die Störfaktoren zu kontrollieren.

Störfaktoren zu wenig berücksichtigt

Eine Handvoll der eingeschlossenen Studien kontrollierten die Energieaufnahme, aber die Autoren der Metaanalyse, haben diesen Faktor nicht als wichtigen Störfaktor betrachtet, stellt Freedhoff fest. „Die tägliche Kalorienaufnahme ist enorm wichtig“, betont er allerdings gegenüber Medscape Medical News.

Er argumentiert, dass eine reverse Kausalität sehr plausibel sei, „bei der Eltern fettreduzierte Milch als Reaktion auf die Essgewohnheiten ihrer Kinder wählen. Und die elterliche Wahl des Fettgehalts der Milch könnte auch mit anderen Überzeugungen und Mustern bei der Ernährung korrespondieren, die wiederum Einfluss auf das Gewicht haben.“

 
Ich ringe sehr mit Studien wie diesen und glaube, dass sie zur Erosion wissenschaftlicher Kenntnisse beitragen und zur Zunahme von Ernährungsmoden und Schlagzeilen. Prof. Dr. Yoni Freedhoff
 

Das sich die Metaanalyse nur auf Beobachtungsstudien verlässt, sei ihre größte Limitation. Freedhoff hat Sorge, dass der Journal-Artikel „eine starke kausale Beziehung zwischen der Abnahme des Konsums von Vollmilch in der Bevölkerung und der Zunahme von Fettleibigkeit in der Kindheit nahelegt“ – trotz der Limitationen der Studie, die die Autoren diskutieren.

„Ich ringe sehr mit Studien wie diesen und glaube, dass sie zur Erosion wissenschaftlicher Kenntnisse beitragen und zur Zunahme von Ernährungsmoden und Schlagzeilen“, sagt er.

„Offensichtlich sind diese Art von Veröffentlichungen schädlich – auch sind sie sicher  nicht nützlich für Diskurse rund um die Ernährung, außer es gibt eine extrem klare Diskussion zu ihren Limitierungen.“ Aber selbst dann sorge er sich, dass die „sehr realen und signifikanten Limitierungen für die Presse und die Öffentlichkeit verloren gehen“.

Dieser Artikel wurde von Bettina Micka aus www.medscape.com übersetzt und adaptiert.

 

Kommentar

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