Neues zum Coronavirus: Jeder 4. Verlauf schwer – deutsche Kliniken bereiten sich auf Einzelfälle vor, WHO uneins über Gefahr

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

24. Januar 2020

Das Coronavirus breitet sich weiterhin aus: Am Freitagvormittag lag die Zahl der infizierten Menschen bei 876, die der Todesfälle bei 26, am Donnerstagabend waren es noch 644 Infizierte und 18 Todesfälle gewesen, berichtet die chinesische Zeitung Global Times .

Am Donnerstagabend, nach einem weiteren Krisentreffen, sah die WHO davon ab, eine gesundheitliche Notlage von internationaler Tragweite auszurufen. „Es ist nicht der richtige Zeitpunkt", erklärte der Vorsitzende des Notfallkomitees, Dr. Didier Houssin auf der anschließenden Pressekonferenz. Schon am Vortag hatte das Komitee stundenlang getagt. Das 16-köpfige Gremium war in der Frage uneins gewesen.

Der Zwiespalt der Experten: Einerseits besteht die Sorge, zu harte Maßnahmen zu ergreifen und damit Ängste zu schüren und unnötige Kosten zu verursachen. Andererseits darf nicht zu zögerlich gehandelt und dadurch der Moment verpasst werden, in dem die Epidemie noch eingedämmt werden kann.

Strenge Einschränkungen für 7 Städte in China

Peking zieht im Hinblick auf die Neujahrsfeierlichkeiten weitere Konsequenzen: Wegen der Ausbreitungsgefahr werden alle Großveranstaltungen des chinesischen Neujahrsfestes am Wochenende abgesagt, auch einige Touristen-Attraktionen werden geschlossen. Betroffen davon sind auch die traditionellen Jahrmärkte in den Tempeln der Hauptstadt.

Strenge Einschränkungen des öffentlichen Lebens haben die chinesischen Behörden für mindestens 7 Städte getroffen. Zusammen mit den Bewohnern der bereits abgeriegelten 11-Millionen-Metropole Wuhan gelten die Beschränkungen damit für fast 43 Millionen Menschen. In Wuhan wird derzeit im Schnellverfahren ein spezielles Krankenhaus für die Behandlung der Infizierten gebaut. Auch aus Peking liegen laut Global Times inzwischen 26 Fälle von 2019-nCoV vor.

Wissenschaftler des Imperial College London hatten am Mittwoch mitgeteilt, dass ihrer Einschätzung in Wuhan bis zu 4.000 Menschen mit 2019-nCoV infiziert sind. Thailand meldete bislang 4 Fälle, Japan 2, in Südkorea, Taiwan und Singapur wurde jeweils 1 Fall nachgewiesen. In den USA gibt es einen bestätigten Fall und offenbar einen Verdachtsfall – ein texanischer Student, der zuvor nach Wuhan gereist war.

WHO hebt Bemühungen Chinas hervor

„In China liegt ein Gesundheitsnotstand vor, es handelt sich aber um keine internationale Notlage“, sagte WHO-Direktor Dr. Tedros Adhanom Ghebreyesus auf der anschließenden Pressekonferenz der WHO. Allerdings könne sich die Situation noch zu einer internationalen Notlage entwickeln, betonte er. Angesichts der restriktiven Natur eines internationalen Gesundheitsnotfalls (damit können z.B. völkerrechtlich verbindliche Vorschriften zur Bekämpfung einer Epidemie erlassen werden) sei es dafür aber noch zu früh, Im Ausland gäbe es bislang nur wenige Fälle, China selbst habe weitreichende Vorkehrungen zur Eindämmung des Virus getroffen.

 
In China liegt ein Gesundheitsnotstand vor, es handelt sich aber um keine internationale Notlage. Dr. Tedros Adhanom Ghebreyesus
 

Die chinesischen Behörden hatten dem Notfall-Komitee neue epidemiologische Informationen vorgelegt, die einen Anstieg der Zahl der Fälle, der Verdachtsfälle, der betroffenen Provinzen und des Anteils der Todesfälle an den derzeit gemeldeten Fällen um 4% ergaben und berichteten von Eindämmungsmaßnahmen. Das Komitee begrüßte die Bemühungen Chinas. WHO-Direktor Tedros halt Chinas Maßnahmen für angemessen. „Wir hoffen, dass sie effektiv und von kurzer Dauer sind.“

Kritisch vermerkt wurde, dass das Ausmaß der Übertragung von Mensch zu Mensch noch immer unklar ist, dass von den bestätigten Fällen 25% als schwerwiegend anzusehen sind und die Quelle des Virus – höchstwahrscheinlich ein tierisches Reservoir – noch immer unbekannt ist. In einer aktuellen Studie vermuten chinesische Forscher, dass Schlangen das Coronavirus in sich tragen könnten. „Die Untersuchungen dazu, ob Schlangen dieses Reservoir sein könnten, laufen noch“, sagte Ghebreyesus am Donnerstagabend.

Notfallkomitee schlägt internationale Mission vor

Das Gremium gab einige Empfehlungen heraus und wird bei Bedarf erneut tagen. Es schlägt vor, mit einer internationalen multidisziplinären Mission die bisherigen Bemühungen Chinas zu unterstützen (Suche nach der tierischen Quelle, Ausmaß der Übertragung von Mensch zu Mensch, Unterstützung bei Screenings und Überwachung u.a).

 
Die Untersuchungen dazu, ob Schlangen dieses Reservoir sein könnten, laufen noch. Dr. Tedros Adhanom Ghebreyesus
 

In Betracht gezogen werden soll auch ein nuancierteres System mit mittlerer Alarmstufe. Ein solches System könnte die Schwere eines Ausbruchs, seine Auswirkungen und erforderlichen Maßnahmen besser widerspiegeln und eine internationale Koordinierung erleichtern.

Auch für China hat das Komitee verschiedene Empfehlungen ausgesprochen, darunter weitere Maßnahmen zur Eindämmung des aktuellen Ausbruchs, eine bessere Überwachung und Falldetektion und die Zusammenarbeit mit der WHO bei der Durchführung von Untersuchungen (z.B. zur Quelle des Virus, den an der zoonotischen Übertragung beteiligten Tieren, den klinischen Merkmalen der Erkrankung u.a).

Das Komitee hat China auch weitere Ausreisekontrollen an internationalen Flughäfen und Häfen und weiteres Screening an inländischen Flughäfen, Bahnhöfen und Fernbusbahnhöfen empfohlen.

DGI rechnet mit Einzelfällen in Deutschland

Die WHO erwartet, dass es in jedem Land zu exportierten Fällen kommen kann. Deshalb sollten alle Länder auf eine Eindämmung vorbereitet sein. Auch die Deutsche Gesellschaft für Infektiologie (DGI) erwartet, dass einzelne Fälle von 2019-nCoV auch in Deutschland auftauchen: „Wir müssen damit rechnen, dass es auch in Deutschland zu eingeschleppten Einzelfällen kommen wird“, sagt Prof. Dr. Bernd Salzberger, Leiter der Infektiologie am Universitätsklinikum Regensburg und Vorsitzender der DGI. Auf diese Situation bereiteten sich die Kliniken – und dort speziell die infektiologischen Abteilungen – jetzt bereits vor.

 Für 2019-nCoV-Verdachtsfälle in Deutschland hat das Robert Koch-Institut bereits ein Ablaufschema für Ärztinnen und Ärzte zur Verdachtsabklärung, Diagnostik, Hygienemaßnahmen, Patientenisolierung sowie Behandlung entwickelt. Es steht auch ein vor Kurzem von Wissenschaftlern der Charité entwickelter Nachweistest für 2019-nCoV zur Verfügung.

„Wichtig ist jetzt vor allem, Ärzte und medizinisches Personal in Kliniken und Praxen für das Thema zu sensibilisieren, damit Verdachtsfälle schnell identifiziert werden“, sagt Prof. Dr. Oliver Witzke, Direktor der Klinik für Infektiologie am Universitätsklinikum Essen. Für die Bevölkerung in Deutschland besteht nach Einschätzung der DGI-Experten derzeit kein Anlass zur Beunruhigung.

Das betont auch Gesundheitsminister Jens Spahn im Interview mit der Tagesschau : „Wir nehmen die Situation in China sehr ernst, wir sind wachsam, bewahren aber gleichzeitig einen kühlen Kopf. Der Austausch mit dem RKI läuft sehr gut, China verhält sich wesentlich transparenter. Wir sollten das aber entsprechend und mit Ruhe einordnen. An Grippe – die Grippewelle startet gerade – sterben in Deutschland bis zu 20.000 Patienten im Jahr. Auch das ist ein Risiko, das wir jeden Tag haben”.

Entwicklung eines Impfstoffes gegen 2019n-CoV wird dauern

Dass Infektionen mit Coronaviren mehr als eine gewöhnliche Erkältung sind, daran erinnert Dr. Anthony S. Fauci vom National Institute of Allergy and Infectious Diseases in Bedhesda, Maryland, in einer Arbeit im JAMA . 4 humane Coronaviren (HCoV) sind weltweit endemisch und machen 10 bis 30% der Infektionen der oberen Atemwege bei Erwachsenen aus. Lange Zeit erhielten HCoVs wegen ihrer milden Phänotypen relativ wenig Aufmerksamkeit.

Das änderte sich 2002 mit dem Auftreten von SARS und 2012 mit dem Auftreten von MERS. Zwar habe MERS nicht die internationale Panik ausgelöst, die bei SARS zu beobachten war, „doch das Auftreten dieser zweiten, hoch pathogenen zoonotischen HCoV illustriert die Bedrohung, die von dieser Virusfamilie ausgeht“, schreibt Fauci.

Die Situation mit 2019-nCoV entwickele sich rasch, so Fauci. Die Übertragung von 2019-nCoV von Mensch zu Mensch finde statt, das Ausmaß bleibe eine offene und kritische Frage. Bislang scheine die Sterblichkeitsrate von 2019-nCoV niedriger zu sein als die von SARS-CoV und MERS-CoV; das endgültige Ausmaß und die Auswirkungen des Ausbruchs bleiben jedoch abzuwarten.

 
Trotzdem wird es bis zu ersten klinischen Versuchen Monate dauern und mindestens ein Jahr, bevor ein Impfstoff zur Anwendung verfügbar ist. Seth Berkley
 

Die Entwicklung eines Impfstoffes gegen 2019-nCoV wird nach Einschätzung der globalen Impfallianz Gavi mindestens 1 Jahr dauern. Die Gefahren durch das Coronavirus ließen sich noch schwer abschätzen, sagte der Gavi-Geschäftsführer und Epidemiologe Seth Berkley der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. „Die gute Nachricht ist, dass Forscher das Genom des Virus bereits sequenziert und veröffentlicht haben. Das hat es mehreren Organisationen rund um die Welt möglich gemacht, mit der Arbeit an einem Impfstoff zu beginnen“, sagte er. Impfstoffe, die gegen Coronaviren schützen, seien weitaus leichter zu entwickeln als Vakzine gegen Krankheiten wie Malaria oder HIV. „Trotzdem wird es bis zu ersten klinischen Versuchen Monate dauern und mindestens ein Jahr, bevor ein Impfstoff zur Anwendung verfügbar ist“, so Berkley.

Die globale Impfallianz Gavi engagiert sich weltweit mit erheblicher Finanzhilfe aus Deutschland. Die Organisation bat die Bundesregierung zuletzt um 700 Millionen Euro, um den Schutz von Kindern und einen vereinfachten Zugang zu Impfungen in Entwicklungsländern auszubauen.

 

Kommentar

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