Skandal um Nationale Diabetesstrategie: Streit um Zuckerreduktion und Werbeverbot könnte der Sargnagel sein

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

22. Januar 2020

Die Diabetes-Inzidenz in Deutschland steigt seit Jahren: Über eine halbe Million Deutsche erkranken jedes Jahr neu an Diabetes mellitus und für 2040 liegen die Prognosen bei 12 Millionen Patienten. Doch die im Koalitionsvertrag 2018 beschlossene Nationale Diabetesstrategie, die helfen soll, die drohende Epidemie einzudämmen, steht möglicherweise vor dem Aus.

Der Grund ist offenbar der Widerstand von Politikern des Ernährungsausschusses gegen einen Passus zu Ernährungsfragen: Knackpunkte sind Maßnahmen zur verbindlichen Zuckerreduktion in Lebensmitteln und ein Werbeverbot für zuckerhaltige Lebensmittel für Kinder.

Gesundheit künftiger Generationen steht auf dem Spiel

Ein Scheitern der Nationalen Diabetesstrategie sei „unverantwortlich“, die Koalition riskiere damit die Gesundheit künftiger Generationen – mit solchen deutlichen Worten haben jetzt Vertreter der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) und von Deutsche Diabetes-Hilfe (diabetesDE) in einer Stellungnahme auf die anhaltende Uneinigkeit reagiert [1].

„Es ist seit Jahren bekannt, dass die Prävention, Früherkennung, Erforschung und Versorgung der Volkskrankheit Diabetes politisch konsequent angegangen werden muss und keinen Aufschub mehr duldet“, erklärt DDG-Präsidentin Prof. Dr. Monika Kellerer. Neben dem persönlichen Leid für die Betroffenen, seien auch die Behandlungs- und Folgekosten von Diabetes beträchtlich: Sie liegen jährlich bei über 21 Milliarden Euro.

„Ohne verbindliche Ernährungsmaßnahmen droht die Gesamtstrategie gegen den Anstieg von Diabetes und Adipositas zu scheitern“, warnt Prof. Dr. Andreas Neu, Vizepräsident der DGG. „Die Zuckerreduktion in Lebensmitteln für Kinder und Verbote von Werbung für ungesunde Lebensmittel, die sich an Kinder und Jugendliche richtet, ist unverzichtbar für den gesundheitlichen Schutz künftiger Generationen“, betont der Oberarzt in der Diabetes-Ambulanz der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendmedizin Tübingen.

Dominierender Einfluss der Werbung auf das Essverhalten

Vor wenigen Monaten konnte eine US-Studie zeigen, dass Werbung mehr Einfluss auf das Ernährungsverhalten von 3- bis 5-Jährigen ausübt als deren Eltern. So essen Kinder, die Fast-Food-Werbung sehen, rund doppelt so häufig Fast Food wie Kinder ohne derartigen Werbeeinfluss – wenn ihre Eltern selten Fast Food konsumieren.

 
Ohne verbindliche Ernährungsmaßnahmen droht die Gesamtstrategie gegen den Anstieg von Diabetes und Adipositas zu scheitern. Prof. Dr. Andreas Neu
 

„Wissenschaftlich ist belegt, dass diese Maßnahmen (Werbeverbot und Zuckerreduktion) wirken, da sie einerseits Auswirkungen auf das Kaufverhalten haben, andererseits die Hersteller animieren, ihre Rezepturen gesünder zu gestalten. Wir halten diese Aspekte für essentiell bei der Umsetzung einer Nationalen Diabetesstrategie“, erklärt Barbara Bitzer, Geschäftsführerin der DDG. Es sei unstrittig, dass eine ungesunde Ernährung einen großen Risikofaktor für die Entstehung eines Diabetes darstelle.

Politik muss beschlossene Vorhaben umsetzen

„Die Koalition muss nun Vertragstreue beweisen und das im Koalitionsvertrag gemeinsam beschlossene Vorhaben endlich umsetzen. Es ist unverantwortlich, dass anscheinend einseitige Interessen der Lebensmittelindustrie einen größeren Stellenwert haben als dringend notwendige Strukturveränderungen in der Diabetesversorgung und -prävention, und dadurch das gesamte Vorhaben zu kippen droht”, betont Dr. Jens Kröger, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Diabetes-Hilfe.

 
Es ist unverantwortlich, dass anscheinend einseitige Interessen der Lebensmittelindustrie einen größeren Stellenwert haben als dringend notwendige Strukturveränderungen … Dr. Jens Kröger
 

Mit einem Scheitern der Nationalen Diabetesstrategie verspiele die Regierung ihre Glaubwürdigkeit und komme ihrer gesellschaftlichen Verantwortung nicht nach. In einer Umfrage der Deutschen Diabetes-Hilfe haben unlängst 86% der befragten Menschen mit Typ-2-Diabetes erklärt, dass sie sich nicht angemessen von der Politik vertreten fühlen.

Die Fachverbände appellieren nachdrücklich an die verantwortlichen Politiker, die Nationale Diabetesstrategie weiter voranzutreiben. Seit Jahren fordern Diabetes-Verbände ein politisches Gesamtkonzept für mehr Prävention und eine bessere medizinische Versorgung. „Andere EU-Länder sind uns weit voraus und haben bereits eine Diabetesstrategie oder einen Aktionsplan“, betont Bitzer. Sie sagt, dass es für Deutschland als bevölkerungsreichstes europäisches Land mit einem großen Diabetes-Problem ein Armutszeugnis wäre, es nicht zu schaffen.
 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....