Klappern gehört zum Handwerk, auch in der Forschung: Männer sind dabei hemmungsloser – und erfolgreicher

Ute Eppinger

Interessenkonflikte

7. Januar 2020

Klappern gehört zum Handwerk, sagt ein altes Sprichwort. Offenbar klappern männliche Wissenschaftler deutlich lauter als ihre weiblichen Kollegen. Darauf lassen jedenfalls Ergebnisse einer Studie schließen, die jetzt im British Medical Journal veröffentlicht worden ist [1].

Prof. Dr. Marc Lerchenmüller von der Universität Mannheim und Kollegen der Harvard Medical School bzw. der Yale University haben herausgefunden, dass Männer ihre Forschungsergebnisse häufiger als „ausgezeichnet“, „neuartig“ und „einzigartig“ bezeichnen, verglichen mit Frauen. Dieses positive Framing sei unabhängig von der tatsächlichen Bedeutung und Neuheit der Ergebnisse, schreiben die Autoren.

Mehr als 6 Millionen Publikationen ausgewertet

In der akademischen Medizin und den Biowissenschaften sind Frauen nach wie vor unterrepräsentiert. Sie verdienen weniger, erhalten seltener Forschungsstipendien, und ihre Arbeiten werden weniger zitiert als die ihrer männlichen Kollegen.

Ein Faktor, der zu diesen geschlechtsspezifischen Unterschieden beitragen kann, sind offenbar Unterschiede, mit denen Frauen ihre Forschungsleistungen im Vergleich zu Männern präsentieren. Bislang allerdings fehlten Belege für diese These.

Lerchenmüller und Kollegen haben deshalb untersucht, ob sich Männer und Frauen darin unterscheiden, wie positiv sie ihre Forschungsergebnisse darstellen und ob ein positives Framing damit assoziiert ist, häufiger zitiert zu werden.

Die Forscher analysierten mehr als 6 Millionen klinische und biowissenschaftliche Publikationen in PubMed auf die Verwendung von 25 Begriffen. Dabei stellten sie fest, dass männliche Hauptautoren mit einer um bis zu 21% höheren Wahrscheinlichkeit ein positives Framing in Überschriften und Zusammenfassungen verwenden. Dabei war der Unterschied der positiven Präsentation zwischen den Geschlechtern in bedeutenden klinischen Fachzeitschriften am größten.

Positives Framing – mehr Zitationen

Lerchenmüller und Kollegen fanden auch, dass positives Framing mit mehr nachfolgenden Zitierungen verbunden war. Die Fachartikel, die selbstlobende Ausdrücke enthielten, wurden bis zu 13% häufiger von anderen Publikationen zitiert. Und der Unterschied war umso ausgeprägter, je höher der Impact-Faktor des Fachjournals war.

Die Autoren schreiben: „Unsere Studie liefert Beweise dafür, dass Männer in der akademischen Medizin und den Biowissenschaften ihre eigene Forschung positiver darstellen als Frauen.“ Diese Unterschiede könnten dazu beitragen, die Aufmerksamkeit mehr auf ihre Forschungsergebnisse zu lenken.

 
Unterschiede, wie Frauen ihre Forschungs¬leistungen im Vergleich zu Männern präsentieren, könnten zu der anhaltenden Benachteiligung von Wissenschaft-lerinnen beitragen. Prof. Dr. Marc Lerchenmüller
 

„Unterschiede, wie Frauen ihre Forschungs­leistungen im Vergleich zu Männern präsentieren, könnten zu der anhaltenden Benachteiligung von Wissenschaft­lerinnen beitragen“, sagt Lerchenmüller in einer Stellungnahme der Universität Mannheim. „Eine theoretische Erklärung wäre, dass Männer möglicherweise ihre Forschung stärker ‚verkaufen’, weil die Gesellschaft bei ihnen ein solches Verhalten eher akzeptiert.“

Geschlechtsspezifische Normen beeinflussen das Verhalten

Bleibt als Frage: Was kann man tun, um mögliche Auswirkungen zu mildern? Der erste Schritt bestehe darin, Evidenz zu sammeln und das Bewusstsein für Unterschiede, wo immer sie auch existierten, zu schärfen, so die Forscher. „Es ist nützlich, sowohl für Frauen als auch Männer, sich darüber im Klaren zu sein, dass diese Unterschiede in der Sprachverwendung existieren und dass sie die Wahrnehmung von Forschung beeinflussen können“, erklärt Lerchenmüller.

Das Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern in der biomedizinischen Forschung und in der akademischen Medizin habe viele Ursachen, schreiben die Studienautoren. Das bedeute, dass für eine zunehmende Gerechtigkeit Ansätze in den verschiedensten Bereichen erforderlich seien. Bildung, Mentoring und Publizierpraxis gehören mit dazu.

Geschlechtsspezifische Normen steuern auch in der Forschung das Verhalten

Prof. Dr.Julie Silver von der Harvard Medical School und Prof. Dr. Reshma Jagsi Newman von der radioonkologischen Abteilung der University of Michigan in Ann Arbor plädieren in ihrem Leitartikel dafür, den Einfluss mächtiger geschlechtsspezifischer Normen auf das Verhalten nicht zu unterschätzen [2].

 
Mädchen werden von Kindheit an dazu angehalten, bescheiden zu handeln und wenig Raum einzunehmen, und das beeinflusst eben auch das Verhalten (...). Prof. Dr. Julie Silver und Prof. Dr. Reshma Jagsi Newman
 

„Mädchen werden von Kindheit an dazu angehalten, bescheiden zu handeln und wenig Raum einzunehmen, und das beeinflusst eben auch das Verhalten, wenn man erwachsen ist. Darüber hinaus trage der Mangel an älteren weiblichen Vorbildern, die für ihre Beiträge gefeiert worden seien, wahrscheinlich dazu bei, dass Frauen eher dächten, sie würden betrügen, wenn sie sich selbst loben. Dies führe zu Selbstzweifeln, und der Selbstwert würde hinterfragt, schreiben Silver und Newman.

Die richtige Antwort aus ihrer Sicht: „Wir müssen die Systeme ändern, die Geschlechterdisparitäten unterstützen.“ So müssten sich Zeitschriftenredakteure mit der Geschlechtergerechtigkeit innerhalb ihrer eigenen Organisation befassen und Schulungen und Verfahren entwickeln, die sich auf die Beseitigung von Verzerrungen konzentrieren – eben, weil Manuskripte durch Prozesse in den Verlagen von der Einreichung bis zur Veröffentlichung unbestreitbar verändert würden. Silver und Newman fordern Zeitschriftenredakteure, Produzenten und Konsumenten wissenschaftlicher Literatur auf, zusammenzuarbeiten, „um Verzerrungen entgegenzuwirken und um die Wissenschaft optimal voranzubringen“.

Mehr Ärztinnen als Ärzte – doch die Sprache ist männlich

Einen originellen Ansatz zu mehr Gendergerechtigkeit schlägt Dr. Elizabeth Loder, Head of Research beim BMJ, vor. Sie schreibt, dass man doch anfangen solle, weibliche Pronomen als Standardbezeichnung für Ärzte zu verwenden [3]. Das Vokabular, mit dem Ärzte beschrieben werden, bleibe hartnäckig männlich, schreibt sie.

 
Die meisten Ärzte sind oder werden Frauen sein, und unsere Sprache sollte diese Realität auch widerspiegeln. Dr. Elizabeth Loder
 

„Doch die meisten Ärzte sind oder werden Frauen sein, und unsere Sprache sollte diese Realität auch widerspiegeln”, so Loder. Sie räumt ein, dass sie auch häufig die männliche Form verwendet habe, meint aber, es sei jetzt an der Zeit ist, bewusst von „er“ oder „sein“ auf „sie“ oder „ihr“ zu wechseln. „Nehmen wir einfach mal an, dass Ärzte Frauen sind – bis wir etwas Anderes wissen”, so ihr Resümee.

 

Kommentar

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