Kicken für mehr Stille im Hirn: Mannschaftssportler können ihr Gehör optimieren

Julia Rommelfanger

Interessenkonflikte

3. Oktober 2019

Wettkampfsport scheint sich auf einen speziellen Aspekt mentaler Fitness, die auditive Signalverarbeitung, positiv auszuwirken. Durch eine Messung der Hirnaktivität haben US-Wissenschaftler herausgefunden, dass Athleten unterschiedlicher College-Sportteams akustische Signale besser verarbeiten können als Nicht-Sportler und dadurch ihr Gehör optimieren [1].

Kontaktsport kann im Hirn auch Positives bewirken

„Wir können sagen, dass Sport das Gehirn dazu bringt, das sensorische Umfeld besser zu verstehen“, erklärt Prof. Dr. Nina Kraus, Leiterin des Auditory Neuroscience Laboratory an der Northwestern University, Evanston, USA. Grund dafür sei die erlernte Fähigkeit der Sportler neuronales Rauschen im Gehirn „herunterzupegeln“, um Geräusche von außen wie das Rufen eines Mitspielers oder Trainers besser aufnehmen und verarbeiten zu können, so die Professorin für Kommunikationswissenschaften und Neurobiologie.

Diese Fähigkeiten trafen auch auf Athleten in Kontaktsportarten wie American Football, Fußball oder Eishockey zu, bei denen in letzter Zeit oft mögliche negative Auswirkungen auf die Hirntätigkeit und die mentale Fitness festgestellt worden waren.

 
Wir können sagen, dass Sport das Gehirn dazu bringt, das sensorische Umfeld besser zu verstehen. Prof. Dr. Nina Kraus
 

Kraus und ihr Team haben die auditive Signalverarbeitung bei insgesamt 495 Studierenden untersucht, die jeweils Mitglied in einem von 19 Sportteams der Northwestern University waren. Die ausgeübten Sportarten reichten von Kontaktsportarten bis hin zu Sportarten ohne Körperkontakt, etwa Golf. Diese Sportler wurden verglichen mit 493 jeweils gleichaltrigen und gleichgeschlechtlichen Nicht-Sportlern.

Alle Teilnehmer durchliefen einen „Frequency follows Response“ Test. Mittels auf der Kopfhaut platzierten Elektroden misst dieser Test die neuronale Antwort auf einen akustischen Reiz, in diesem Fall die über Kopfhörer wahrgenommene Silbe „da“. Gemessen wurde sowohl das Ausmaß der neuronalen Antwort auf den akustischen Reiz als auch das neuronale Rauschen im Hintergrund sowie das Verhältnis dieser beiden Größen.

Viele Sportarten fordern neurale Effizienz

Das Ausmaß der Hintergrundgeräusche sei erfahrungs- und gesundheitsabhängig, erklären die Autoren. Ausgeprägter sei dieses neuronale Rauschen etwa bei Jugendlichen mit niedrigerem sozio-ökonomischem Status, aufgrund mangelnder Erfahrung mit Lauten oder Sprache oder gesundheitlicher Beeinträchtigungen, etwa infolge ungesunder Ernährung.

„Da College-Athleten bis zur höchsten physischen Leistungsfähigkeit trainieren, sich gesund ernähren und ihr Hörsystem ständig verfeinern, um in lautem Umfeld kommunizieren und reagieren zu können, haben wir vermutet, dass sie gesündere und effizientere Hörsysteme haben als Nicht-Sportler“, schreiben die Autoren in der Fachzeitschrift Sports Health.

Diese Vermutung traf in der Tat zu: Das Verhältnis von neuronaler Reaktion und Hintergrundgeräusch zeigte bei den Sportlern einen höheren Wert als bei den Nicht-Sportlern, vor allem aufgrund eines „leiseren“ konstanten neuronalen Rauschens im Gehirn der Sportler. Die neuronale Antwort auf den akustischen Stimulus war bei beiden Gruppen etwa gleich stark ausgeprägt; das Hintergrundgeräusch konnten die Sportler jedoch deutlich besser dämpfen, so das Fazit des Forschungsteams.

„Man kann sich vorstellen, dass neuronale Hintergrundgeräusche im Hirn dem Rauschen im Radio ähneln“, sagt Kraus. „Es gibt zwei Wege den Moderator besser zu verstehen: das Rauschen minimieren oder seine Stimmer lauter stellen. Wir haben festgestellt, dass Sportlerhirne das Hintergrundrauschen dämpfen, um den Radiomoderator besser zu hören.“

Das verhalte sich bei Musikern umgekehrt, erklären Kraus et al. Sie verbessern ihr akustisches System, genau wie Menschen, die mehrere Sprachen sprechen, durch eine verstärkte Antwort auf den akustischen Reiz statt einer Minimierung des Hintergrundrauschens.

Sport könnte Kinderhirne in sozialen Brennpunkten stärken

Ob die Optimierung des Hörsystems mit dem Fitnessgrad der Sportler oder mit Anpassungen an die Anforderungen ihres Sports hinsichtlich neuronaler und auditiver Effizienz zu tun haben, müssen künftige Studien zeigen, so die Autoren weiter.

Denkbar sei, dass sportliche Aktivität und die damit verbundene Dämpfung der neuronalen Hintergrundgeräusche Menschen helfen könne, die mit der Reizweiterleitung Schwierigkeiten haben, etwa älteren Menschen, Menschen mit Sprachproblemen oder Kindern in sozialen Brennpunkten. Ob das möglich sei, könnten Sport-Interventionen bei diesen Bevölkerungsgruppen zeigen, bemerken Kraus und Kollegen.
 

Kommentar

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