Melatonin hat – nicht nur als Schlafmittel – glühende Verehrer und (eher lauwarme) Kritiker: Was die Bedenken sind ...

Kate Johnson

Interessenkonflikte

23. Dezember 2019

„Der magischste Schlaftrunk, den ich kenne, ist Melatonin“, sagt Prof. Dr. Rubin Naiman, Somnologe, Psychologe und Professor an der University of Arizona in Tucson, USA. Obwohl die großen Schlafgesellschaften Melatonin nicht zur Behandlung der Insomnie empfehlen, vergleicht er es mit der griechischen Göttin Nyx, die die Nacht verkörperte und Mutter des Schlafgottes Hypnos war, den Gott des Schlafes.

 
Der magischste Schlaftrunk, den ich kenne, ist Melatonin. Dr. Rubin Naiman
 

Und tatsächlich scheinen Millionen US-Bürger das genauso zu sehen. Im Jahr 2012 nahmen etwa 3,1 Millionen Amerikaner Melatonin ein. Diese Zahl ist inzwischen wahrscheinlich deutlich höher, da der globale Melatoninmarkt, dessen Umsatz 2018 auf 700 Millionen Dollar geschätzt wurde, bis Ende 2025 voraussichtlich auf 2,8 Milliarden Dollar anwachsen wird.

In den meisten Ländern der Welt ist Melatonin rezeptpflichtig, aber in Kanada und den USA ist es als Nahrungsergänzungsmittel frei erhältlich. In Deutschland ist es bis zu einer Konzentration von 1 mg als Nahrungsergänzungsmittel vermarktbar, ab 2 mg jedoch verschreibungspflichtig.

Viel mehr als ein Schlafmittel?

Obwohl die meisten Menschen Melatonin einnehmen, um besser zu schlafen, könnte seine wahre Bedeutung in anderen Effekten, etwa seiner entzündungshemmenden, antioxidativen und onkostatischen Wirkung liegen, auf die es Hinweise gibt.

Melatonin sei ein „sehr vielseitiges Molekül, dessen verwirrende Vielfalt an Funktionen … auch die kühnsten Erwartungen leidenschaftlichster Melatonin-Anhänger übertroffen hat“, sagt z.B. Dr. Russel J. Reiter vom UT Health San Antonio, USA, der als Melatonin-Experte und -anhänger bekannt ist. Er hat Hunderte von Artikeln über Melatonin veröffentlicht. In den jüngsten geht es um die Einsatzmöglichkeiten bei Krebs, Diabetes, Bluthochdruck, Darmerkrankungen, neurodegenerativen Erkrankungen und Alterungsprozessen.

Wirksamkeit gegen Insomnie eine Frage der Zielgruppe

Warum sind also die großen Schlafgesellschaften so zurückhaltend, wenn es darum geht, Melatonin bei der normalen Insomnie zu empfehlen? Die American Sleep Association und die National Sleep Foundation weisen auf widersprüchliche Evidenzen über die Wirksamkeit hin und räumen lediglich ein, dass es manchen Menschen helfen könnte. Die American Academy of Sleep Medicine (AASM) rät Klinikern tatsächlich davon ab, Melatonin zu empfehlen und fasst die Evidenzen unter dem Gesamturteil „schwach wirksam“ zusammen.

Die Analyse der randomisierten, doppelblinden, placebokontrollierten Studien mit Melatonin bei Schlaflosigkeit (ohne signifikante Komorbiditäten) „deutet auf eine moderate Verkürzung der Einschlafzeit von nicht mehr als etwa 10 Minuten hin, was nach unserer Definition klinisch nicht signifikant war“, sagt Dr. Michael J. Sateia, Hauptautor der AASM-Empfehlung. Der Review ergab, dass Melatonin auch bei anderen schlafbezogenen Outcomes keine deutliche Verbesserung zeigte.

 
Die Empfehlung der AASM gegen Melatonin bedeutet nicht, dass es nachweislich unwirksam oder unsicher wäre. Es heißt nur, dass es auf der Basis der von uns angelegten strengen Normen keine ausreichenden Beweise für eine Wirksamkeit gab. Dr. Michael J. Sateia
 

Melatonin ist jedoch in Europa zur Behandlung der primären Insomnie bei älteren Erwachsenen zugelassen und hilft nachweislich bei Kindern mit Autismus-Spektrum-Störungen, Jugendlichen mit Depressionen, Frauen mit prämenstrueller dysphorischer Störung, Patienten mit Bluthochdruck, die Betablocker einnehmen, und Kindern mit ADHS.

„Die Empfehlung der AASM gegen Melatonin bedeutet nicht, dass es nachweislich unwirksam oder unsicher wäre“, betont Sateia. „Es heißt nur, dass es auf der Basis der von uns angelegten strengen Normen keine ausreichenden Beweise für eine Wirksamkeit gab. Darüber hinaus basierte unsere Empfehlung auf der gesamten erwachsenen Population. Es konnte keine separate Metaanalyse für die Gruppe der Älteren durchgeführt werden.“

„Dennoch gibt es zweifellos Studien, nach denen Melatonin bei älteren Menschen mit Schlafstörungen nützlich sein kann. Das kann z.B. besonders für diejenigen gelten, bei denen es zu einem signifikanten Rückgang der Melatoninproduktion gekommen ist. Allerdings gibt es auch bei diesen Daten widersprüchliche Ergebnisse.“

Sateia fügt noch hinzu: „Der Einsatz von Melatonin bei Kindern mit entwicklungsbedingten oder psychiatrischen Beeinträchtigungen ist eine ganz andere Sache, die wir überhaupt nicht berücksichtigt haben.“

Geringe Risiken, unklare Zusammenhänge

Trotz der Zurückhaltung der Fachgesellschaften „unterstützen die uns vorliegenden Daten eindeutig die Rolle des Melatonins bei der Regulierung des zirkadianen Rhythmus, der für einen gesunden Schlaf entscheidend ist“, sagt Naiman.

Wenn Melatonin also manchen Menschen beim Schlafen helfen kann, was schadet es dann Patienten, die es versuchen? Gibt es Hinweise auf Risiken und Nebenwirkungen? Melatonin hat im Allgemeinen ein vorteilhaftes Sicherheitsprofil, wobei geringere Nebenwirkungen wie Müdigkeit und Trägheit kurzfristig sind und mit dem Zeitpunkt der Einnahme in Verbindung stehen.

Obwohl es Hinweise auf unerwünschte Effekte auf Blutdruck und Herzfrequenz bei Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen und gleichzeitiger Einnahme von Blutdrucksenkern gibt, ist noch unklar, ob diese Nebenwirkungen auf das Melatonin selbst oder auf Arzneimittelwechselwirkungen zurückzuführen sind.

Da Melatonin einen stimulierenden Effekt auf das Immunsystem hat, sind bei Patienten mit Autoimmunerkrankungen auch Fragen zu seiner Sicherheit angebracht. Obwohl das Pendel bei den jüngsten Diskussionen darüber immer wieder in Richtung Sicherheit ausschlägt, gibt es einige Stimmen, die lieber noch mehr Vorsicht walten lassen möchten.

Dr. Rüdiger Hardeland von der Universität Göttingen, heute Zoologe im Ruhestand, forschte zum Melatonin und warnt: „Melatonin kann die Freisetzung von proinflammatorischen Zytokinen und anderen Mediatoren stimulieren.“

Studien, die endogene Melatoninspiegel mit Symptomen der rheumatoiden Arthritis in Zusammenhang gebracht haben, hätten einige Kliniker davon überzeugt, dass eine Melatonin-Supplementierung bei Patienten mit rheumatoider Arthritis möglicherweise nicht ratsam ist. „Für mich gilt dieser Befund als Vorbehalt bei allen Autoimmunerkrankungen“, warnt er. Tatsächlich rät die Arthritis Foundation bei Patienten mit Autoimmunerkrankungen von einer Melatonin-Einnahme ab.

Andere Untersucher wie auch Reiter glauben, dass Melatonin die Symptome der RA und anderer Autoimmunerkrankungen lindern kann. „Die meisten Studien zum Zusammenhang zwischen Melatonin und Autoimmunerkrankungen deuten darauf hin, dass der Einsatz von Melatonin kein Problem ist“, sagt Reiter. „Angesichts der abertausenden Menschen, die Melatonin täglich einnehmen, gibt es nur wenige Hinweise darauf, dass bei Autoimmunerkrankungen oder anderen Zuständen eine Kontraindikation bestehen könnte.“

Viele Fragen noch offen aber Studien nicht wahrscheinlich

Aus vielen Bereichen der Medizin kamen wiederholte Forderungen nach eingehenderen Untersuchungen zur Melatonin-Supplementierung, weil viele Fragen noch offen sind. Aber dass es viele solcher Studien geben wird, ist zweifelhaft. „Die finanziellen Anreize für eine gründlichere Erforschung von Melatonin sind gering, da es nicht patentierbar ist, aber zugleich mit dem lukrativen Schlafmittelmarkt konkurriert“, erläutert Naiman.

 
Mehr ist nicht gleich besser und könnte theoretisch auch die eigene, endogene Melatonin-Produktion herunterregulieren. Dr. Rubin Naiman
 

Zudem zögern die meisten Mediziner bei der Verordnung von Melatoninpräparaten, da Zweifel an der Produktqualität, der Dosierung und der Frage des Einnahmezeitpunktes bestehen. „Die standardmäßige 3-mg-Tablette enthält deutlich mehr Melatonin, als wir für den Schlaf eigentlich benötigen. In den letzten Jahren sehen wir Produkte mit 5- und sogar 10-mg-Einheiten. „Mehr ist nicht gleich besser und könnte theoretisch auch die eigene, endogene Melatonin-Produktion herunterregulieren“, gibt Naiman zu bedenken.

Auch die Frage des Einnahmezeitpunktes sei sehr wichtig und werde viel zu oft vernachlässigt. „Da eine der Hauptfunktionen des Melatonins darin besteht, den zirkadianen Rhythmus zu regulieren, ist es erstaunlich, wie wenig Beachtung dem Zeitpunkt der Melatonin-Einnahme geschenkt wird. Es findet in der Literatur praktisch keine Diskussion über die Frage statt, wie man sich dem natürlichen Freisetzungsrhythmus im Gehirn anpassen könnte“, sagt Naiman.

„Normalerweise ist der Melatoninspiegel am frühen Abend niedrig, steigt während der Nacht stetig an und erreicht seinen Höhepunkt im letzten Schlafdrittel. Da Melatonin eine kurze Halbwertszeit von 30 bis 45 Minuten hat, führt die Einnahme einer Standard-Tablette zur Schlafenszeit zu einem Spitzenwert in der frühen Nacht mit einem langgezogenen ‚Schwanz‘ in den Morgenstunden – also dem natürlichen Muster genau entgegengesetzt.“ Für Naiman könnten Retard-Tabletten oder sublinguale Produkte mit einer regelmäßigen Freisetzung in der Nacht eine Lösung sein.

 
Nur eine Handvoll Unternehmen produziert pharmakologisch reines Melatonin, was ein Muss gegenüber den Verbrauchern darstellt. Dr. Rubin Naiman
 

Schließlich ist die Produktqualität in den USA, wo die Melatoninproduktion nicht kontrolliert ist, ein ernsthaftes Problem. Der Melatoningehalt in Produkten, die in Kanada verkauft wurden, stimmte nur bei 71% der getesteten Produkte mit den Angaben auf der Packung überein, wobei der Melatoningehalt zwischen -83% und +478% der deklarierten Konzentration lag und bei demselben Produkt um bis zu 465% schwankte. „Nur eine Handvoll Unternehmen produziert pharmakologisch reines Melatonin, was ein Muss gegenüber den Verbrauchern darstellt“, sagt Naiman.

Ob als Göttin Nyx oder als „Gottesteilchen des Körpers“ bejubelt – Melatonin hat glühende Verehrer und eher lauwarme Kritiker. Obwohl die Begeisterung für das Potenzial auf einem wachsenden Forschungsgebiet gründet, bleiben die Bedenken, bei denen es hauptsächlich um die Notwendigkeit solider Evidenzen geht, weiter bestehen.

Dieser Artikel wurde von Markus Vieten aus www.medscape.com übersetzt und adaptiert.

 

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