MEINUNG

Letzte Weisheit von der Abnehmfront: „Achten Sie nicht auf die Fette, egal welche!“, sagen der Diabetologe und eine neue Ernährungsstudie

Prof. Dr. Stephan Martin

Interessenkonflikte

17. Februar 2020

Ein Machtwort über die optimale Ernährungsstrategie spricht Prof. Dr. Stephan Martin indem er neue Auswertungen der PREDIMED-Studie erklärt: Gerne Fett, aber mit Kalorienreduktion.  

Transkript des Videos von Prof. Dr. Stephan Martin, Düsseldorf

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

ich möchte Ihnen ein neues Studienprogramm vorstellen, zu dem 2019 die ersten Publikationen erschienen sind. Die Studie wird aber über die nächsten 6 Jahre weiterlaufen. Es handelt sich um die so genannte PREDIMED-Plus-Studie.

PREDIMED-Studie

Vielleicht haben Sie den Namen PREDIMED-Studie (Prevención con Dieta Mediterránea) schon gehört. Sie wurde weltweit sehr beachtet, aber leider nicht in Deutschland. In dieser Studie wurden zwei ganz einfache Dinge verglichen:

Man hatte rund 7.500 Personen mit hohem Herz-Kreislauf-Risiko in die Studie aufgenommen. Sie litten entweder an einem Typ-2-Diabetes oder wiesen mindestens 3 andere Faktoren eines metabolischen Syndroms auf.

Randomisiert erhielt eine Gruppe eine fettarme Kost, die anderen beiden Gruppen bekamen eine mediterrane Kost. Zusätzlich zur mediterranen Kost nahmen beide Gruppen entweder 1 l Olivenöl pro Woche oder 30 g Nüsse pro Tag zu sich.

Man hat also in dieser ersten großen Studie, die mehrfach publiziert worden ist, eine „fettarme“ gegen eine „fettreiche“ Ernährung verglichen. Das Ergebnis war so eindeutig, dass die ursprünglich auf 6 Jahre angelegte Studie nach 4,5 Jahren abgebrochen werden musste, weil in der Kontrollgruppe mehr kardiovaskuläre Ereignisse und eine höhere kardiovaskuläre Sterblichkeit aufgetreten waren als in den anderen beiden Gruppen.

 
Man konnte hier zeigten, dass es zusätzlich zu einer fettreichen Kost sinnvoll ist, Energie zu reduzieren. Prof. Dr. Stephan Martin
 

Das war eine große Überraschung. Diese Erkenntnisse haben unser Denken über fettarme Ernährung komplett geändert.

Besser: Energiereduzierte mediterrane Kost

Jetzt gibt es die PREDIMED-Plus-Studie. Für diese Studie hatte man die Randomisierung von 2013 bis 2016 abgeschlossen.

Die Kontrollgruppe erhielt eine mediterrane Kost angereichert mit Olivenöl und Nüssen – ohne Energie-Einschränkung oder Programm zur körperlichen Bewegung oder Zielen zur Gewichtsreduktion.

Die Interventionsgruppe erhielt eine hypokalorische mediterrane Kost (30% Kalorienreduktion) angereichert mit Olivenöl und Nüssen sowie ein intensives Lifestyle-Programm mit körperlicher Aktivität ((45 Minuten Gehen/Tag oder Ähnliches) und Zielen zur Gewichtsreduktion – einschließlich Verhaltenstraining.

Jetzt sind zu dieser Studie 2 Arbeiten erschienen, die ich sehr spannend finde.

Bestätigt: Lifestyle-Intervention senkt Körpergewicht

Die erste Arbeit war schon Anfang des Jahres 2019 publiziert worden [1]. Da hat man bei einer Zwischenanalyse an einer Gruppe übergewichtiger Erwachsener mit metabolischem Syndrom geschaut, wie es mit der Gewichtsabnahme in der PREDIMED-Plus-Studie aussieht. Bei den ersten 600 randomisierten Personen konnte man zeigen, dass die Teilnehmer der Interventionsgruppe mit mediterraner Kost plus Energiereduktion nach einem Jahr 3,2 kg abgenommen hatten, die der Vergleichsgruppe um 700 g. Die Differenz betrug also 2,5 kg. Alle kardiovaskulären Risikoparameter haben sich in der Interventionsgruppe deutlich gebessert. Das ist ein ganz tolles Ergebnis.

Man konnte hier zeigten, dass es zusätzlich zu einer fettreichen Kost sinnvoll ist, Energie zu reduzieren. Bei der ursprünglichen Studie PREDIMED hatte man den Personen gesagt, dass sie auf die Kalorien nicht achten müssten.

Dauer:Betreuung erhöht Adhärenz

Jetzt ist gerade eine weitere Arbeit erschienen, in der man bei allen 6.874 randomisierten Patienten die Adhärenz geprüft hat [2]. 3.468 Patienten der Kontrollgruppe nahmen eine mediterrane Diät ohne Energieeinschränkung zu sich. 3.406 Patienten bekamen zusätzlich zur energiereduzierten mediterranen Ernährung ein strenges Coaching mit Ernährungsberatung. Es zeigte sich, dass die betreute Gruppe mit energiereduzierter Ernährung in allen Adhärenz-Parametern hinsichtlich der Ernährung besser abschnitt als die Kontrollgruppe.

Zusammenfassend kann man sagen:

  1. Die Spanier machen mit ihrer großen Studie an 23 Zentren weiter. Es wäre schön, wenn wir in Deutschland auch solche Studien hätten. Deutschland ist ein sehr reiches Land, hier könnte man viel Geld für eine solche Studie ausgeben. Den Spaniern geht es nicht so gut und trotzdem geben sie in ihrem Gesundheitssystem dafür Geld aus.

  2. Es gibt Hinweise, dass eine fettreiche mediterrane Kost mit einer Einsparung von Kalorien, beispielsweise durch reduzierte Zufuhr von Kohlenhydraten, gesüßten Getränken und von Fleisch, einen zusätzlichen Nutzen hat.

Die PREDIMED-PLUS-Studie wird uns die nächsten Jahre begleiten. Wir werden regelmäßig berichten und in 5 bis 6 Jahren werden wir dann die wesentliche und primäre Fragestellung beantworten können, ob es durch die Energiereduktion nochmals zu einer Verbesserung von Herzinfarkt, Schlaganfall und kardiovaskulärer Sterblichkeit (kombinierter primärer Endpunkt) kommt.

Wichtig ist, dass wir aus der 1. Studie schon lernen und unseren Patienten nicht sagen, dass sie sich fettarm ernähren sollen. Wenn man einkaufen geht, wundert man sich, wie viele fettarme Produkte angeboten werden.

Wir haben kürzlich bei einer WDR-Produktion für Doc Esser sogar einen griechischen Joghurt gefunden, der normalerweise 10% Fett hat. Er enthielt in der fettarmen Version nur 0,2% Fett. Das ist genau der falsche Weg. Wir müssen im Endeffekt unseren Patienten sagen, nehmen Sie fettreiche Produkte, versuchen Sie aber, Kalorien zu reduzieren.

Im Übrigen war die Aufnahme für die WDR-Produktion etwas schwierig, weil wir im Raum Düsseldorf von sämtlichen Supermärkten keine Drehgenehmigung bekommen haben. Wir mussten nach Kaarst fahren, dort hat der Nahkauf seine Tore für uns geöffnet.

 
Sagen Sie Ihren Patienten, achten Sie nicht auf die Fette, egal welche Fette Sie zu sich nehmen. Prof. Dr. Stephan Martin
 

Dies ist auch ein Zeichen, dass die Lebensmittel-Industrie Sorge hat, dass die wissenschaftlichen Ergebnisse, die ich Ihnen heute dargestellt habe, in die breite Öffentlichkeit gelangen. Dann gäbe es einige Firmen, die weniger Produkte verkaufen.

Wir als Ärzte müssen aber dagegen halten. Sagen Sie Ihren Patienten, achten Sie nicht auf die Fette, egal welche Fette Sie zu sich nehmen. Und versuchen Sie, die Kohlenhydrate und natürlich auch Energie zu reduzieren. Also nicht alles essen, was man Ihnen vorsetzt. 

Ich hoffe, es war für Sie persönlich und für Ihre Patienten interessant.

Ich wünsche Ihnen alles Gute,

Ihr Stephan Martin
 

Kommentar

3090D553-9492-4563-8681-AD288FA52ACE
Wir bitten darum, Diskussionen höflich und sachlich zu halten. Beiträge werden vor der Veröffentlichung nicht überprüft, jedoch werden Kommentare, die unsere Community-Regeln verletzen, gelöscht.

wird bearbeitet....