MEINUNG

„Bieten Sie Krebspatienten Verhaltenstherapie aktiv an!“ Studie belegt, dass sie Fatigue auch in Palliativsituation mildert

PD Dr. Georgia Schilling

Interessenkonflikte

3. Februar 2020

Fatigue ist bei Krebspatienten weit verbreitet. Erstmals zeigt eine Studie, dass auch Palliativpatienten nachhaltig von einer Verhaltenstherapie profitieren.  PD Dr. Georgia Schilling erklärt die Ergebnisse.

Transkript des Videos von PD Dr. Georgia Schilling:

Sehr geehrte Damen und Herren,

mein Name ist Georgia Schilling. Ich bin Chefärztin der Abteilung für Onkologische Rehabilitation in der Asklepios Nordsee-Klinik Westerland auf Sylt und leitende Oberärztin im Asklepios-Tumorzentrum in Hamburg.

Im Rahmen meiner beiden Tätigkeiten beschäftige ich mich sehr häufig mit dem Thema Fatigue. Wir haben auch eine Krebsnachsorge-Sprechstunde, in der Fatigue ein häufiges Problem ist.

Aktuelle Studie

Deshalb möchte ich Ihnen einen aktuellen Artikel aus den Annals of Oncology vom Januar 2020 vorstellen. Es geht um den Vergleich einer kognitiven Verhaltenstherapie oder einer angepassten, abgestuften Bewegungstherapie – im Vergleich zur Standardbehandlung bei Patienten mit schwerer Fatigue und einer fortgeschrittenen Krebserkrankung während der palliativen Therapie. Diese interessante Studie stammt von einer Kooperation von Kollegen aus der Harvard Medical School in Boston und aus den Niederlanden.

 
Nach Abschluss der Therapie leiden noch etwa 3 bis 4 von 10 Krebs-Patienten unter Fatigue. PD Dr. Georgia Schilling
 

Hohe Prävalenz

Wir wissen, das Krebs-assoziierte Fatigue sehr häufig und auch sehr belastend ist, auch bei Patienten mit fortgeschrittenen Tumorerkrankungen. Die Prävalenz wird auf 70 bis 90% geschätzt. Das hängt sicher vom Assessment ab, denn es gibt noch kein übergreifendes Standard-Assessment. Es existieren viele verschiedene Fragebögen, und je nach Fragebogen ist die Prävalenz dann unterschiedlich.

Man kann grob sagen, dass in der aktiven Therapiephase 8 bis 9 von 10 Patienten unter Fatigue leiden, nach Abschluss der Therapie sind es auch noch etwa 3 bis 4 von 10 Patienten. Wie gesagt, ist Fatigue auch in der fortgeschrittenen Situation eines der häufigsten Symptome und eines der Symptome, die den Alltag am meisten beeinträchtigen und belasten.

Kognitive Verhaltungstherapie oder Bewegung versus Standardtherapie

Ziel dieser Studie war, die Effektivität einer kognitiven Verhaltenstherapie oder einer angepassten Bewegungstherapie im Vergleich zu Standardbetreuung zu untersuchen. Wir wissen, dass Sport und Bewegung eine der Therapiesäulen in der Behandlung der Fatigue ist.

Die andere Säule ist eine Psychotherapie. Aber wir haben bislang immer nur Daten aus dem adjuvanten Setting in der kurativen Situation oder auch nach einer kurativen Therapie gesehen. Wir haben keine Daten, ob diese Interventionen auch in der fortgeschrittenen Erkrankungssituation eine Rolle spielen.

Als viel versprechend hat sich die kognitive Verhaltenstherapie in Ergänzung zu einer Sporttherapie herausgestellt. Gute Daten gibt es natürlich auch für Bewegungsmaßnahmen, sie verbessern die Lebensqualität. Aber diese Daten stammen aus dem adjuvanten Therapiesetting und danach. In der palliativen Situation sind diese Daten bislang sehr inkonsistent. Es gibt Studien, die sprechen dafür und es gibt genauso viele Studien, die dagegensprechen.

Patienten in der palliativen Situation

Diese Studie, die ich heute vorstelle, war prospektiv und in drei Arme randomisiert (1:1:1) bei Patienten mit einer schweren Fatigue-Symptomatik durchgeführt worden. Die Fatigue-Symptomatik wurde anhand einer Checkliste für das individuelle Fatigue-Empfinden festgelegt. Lag der Score innerhalb dieser Checkliste über 35, dann hat man von schwerer Fatigue gesprochen und die Patienten konnten in die Studie eingeschlossen werden.

Es waren alle onkologischen Systemtherapien erlaubt, auch Operation, Hormontherapie oder Immuntherapie. Allerdings musste eine palliative Situation vorliegen.

Die Intervention dauerte insgesamt 12 Wochen. Primärer Endpunkt war die Fatigue-Einschätzung nach dieser Checkliste nach 14 Wochen. Sekundäre Endpunkte waren:

  • Fatigue, gemessen mit dem Fatigue-Modul des EORTC-QLQ-C3

  • die Lebensqualität

  • emotionales und körperliches Befinden

  • und die funktionellen Einschränkungen.

Diese Parameter wurden zu Beginn der Studie, nach 14, 18 und 26 Wochen untersucht. Insgesamt haben 126 von 134 Patienten die Assessments komplettiert – nicht die Intervention, nur die Fragebögen ausgefüllt. Es waren vor allem Patienten mit Mamma-, Kolorektal- und Prostatakarzinom – entsprechend der hohen Inzidenz.

Die Intervention umfasste zum einen die kognitive Verhaltenstherapie mit 10 Mal einer Stunde individuelle Beratung. Die Bewegungstherapie beinhaltete ein supervisiertes Programm über 12 Wochen mit 2 Stunden individuellem aeroben Training wöchentlich und einer zweiten wöchentlichen Sitzung, um dieses Training zu wiederholen. Das ist schon recht sportlich.

Knapp 20% der Patienten im Bewegungsarm der Studie haben leider weniger als 1 Sitzung komplettiert. Das zeigt, dass die Intervention recht anspruchsvoll war. 12% hatten ihr Einverständnis zurückgezogen.

In der Verhaltenstherapie nahmen nur 2% der Patienten an weniger als einer Sitzung teil. 15% haben die Einwilligung zurückgezogen. Das waren also deutlich weniger Abbrecher als im Trainingsarm.

Ergebnisse

Im Vergleich zur Standardbetreuung hat die Verhaltenstherapie die Fatigue signifikant reduziert, und zwar nach dem Fatigue-Score und im Fatigue-Modul des QLQ-30. Die Bewegungstherapie hatte keinen Effekt. Im Vergleich zur Standardtherapie konnten mit der Verhaltenstherapie auch Lebensqualität und körperliche Funktionalität verbessert werden. Die Bewegungstherapie hatte wiederum keinen Effekt.

Interessant war, dass der Effekt auch 3 Monate nach dem Ende der Intervention noch nachweisbar war, er war also nachhaltig.

 
Interessant war, dass der Effekt auch 3 Monate nach dem Ende der Intervention noch nachweisbar war, er war also nachhaltig. PD Dr. Georgia Schilling
 

Warum hatte die Bewegungstherapie keinen Effekt?

Es konnte oft gezeigt werden, dass Bewegung die Fatigue-Symptomatik verbessert hat. Aber in dieser Studie war der Effekt nicht signifikant.  Und sie hat auch keinen positiven Einfluss auf die sekundären Endpunkte gehabt.

Warum schlägt jetzt die Bewegungstherapie fehl, wo wir uns doch so viel davon versprechen und so viele gute Daten aus der adjuvanten Situation haben?

Ein Grund kann sein, dass die Stichprobe relativ klein war. Es waren viele Patienten aus der Studie ausgestiegen oder hatten nur eine Sitzung komplettiert. Das waren doppelt so viele Patienten wie in der Verhaltenstherapie-Gruppe. Damit hat sich natürlich auch die statistische Power reduziert.

Allerdings gibt es in dem Kontext zwei kürzlich veröffentlichte Studien bei Patienten mit fortgeschrittenem Bronchialkarzinom und Fatigue mit höheren Teilnehmerzahlen. Auch hier erzielte Bewegungstherapie keinen Effekt.

Möglicherweise hat die Verhaltenstherapie mehr Einfluss auf Faktoren, die zur Fatigue beitragen – da es sich ja dabei um multifaktorielles Geschehen handelt. Dadurch könnte sie wirksamer sein.

Möglicherweise war auch das Therapieangebot von der Intensität her nicht ausreichend, um einen Effekt zu zeigen. In der adjuvanten Situation empfehlen wir 2- bis 3mal pro Woche Krafttraining und mindestens 2 Mal 120 Minuten intensiveres Ausdauertraining. Das ist schon sehr anspruchsvoll. Das wäre in der palliativen Therapiesituation allerdings nicht möglich gewesen. Vielleicht reichte die Form von Bewegung einfach nicht aus.

Kognitive Verhaltungstherapie bei Palliativpatienten geeignet

Aber die Studie hat gezeigt, dass sich die kognitive Verhaltenstherapie bei den Palliativpatienten eignet, um Fatigue signifikant zu reduzieren. Sie ist deutlich effektiver als Bewegungstherapie.

Dies ist bislang die erste Studie, die das randomisiert gezeigt hat. Die Bewegungstherapie hat zwar auch einen Effekt, der war aber nicht signifikant. Es sind sicher weitere Studien im palliativen Setting nötig, um nochmal zu untersuchen, ob die Bewegungstherapie nicht doch einen signifikanten Effekt haben könnte.

 
Auf jeden Fall ist die kognitive Verhaltenstherapie in der palliativen Situation anwendbar und wirksam. PD Dr. Georgia Schilling
 

Auf jeden Fall ist die kognitive Verhaltenstherapie in der palliativen Situation anwendbar und wirksam.

Damit möchte ich mich bei Ihnen fürs Zuhören bedanken und vielleicht denken Sie in der Zukunft einmal darüber nach, eine Verhaltenstherapie Ihren Patienten aktiv anzubieten.

Das würde mich sehr freuen. Vielen Dank.
 

Kommentar

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