MEINUNG

Neuro-Talk: Prof. Dr. H.-C. Diener fasst die Top-10 Erkenntnisse aus 2019 zusammen. Haben Sie alle Trends mitbekommen? 

Prof. Dr. Hans-Christoph Diener

Interessenkonflikte

27. Januar 2020

Eine ganzes Jahr in einem Video: Alle aufregenden Neuigkeiten aus 2019 – Prof. Dr. Hans-Christoph Diener kommentiert für Sie die Studien, die Sie nicht vergessen sollten. 

Transkript des Videos von Prof. Dr. Hans-Christoph Diener

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

ich bin Christoph Diener von der Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen.

Ich möchte kurz zusammenfassen, was es Wichtiges in der Neurologie im Jahr 2019 gab.

Schlaganfall

Wir hatten 2018 beim Schlaganfall die Erweiterung des Zeitfensters für die Thrombektomie bis zu 24 Stunden. Jetzt gibt es die Erweiterung des Zeitfensters für die systemische Thrombolyse auf bis zu 9 Stunden nach Beginn der Symptomatik basierend auf funktioneller Bildgebung.

Gelernt haben wir auch, dass bei zerebralen Blutungen eine aggressivere Blutdrucksenkung bei erhöhten Blutdruckwerten die Prognose verbessert. Dasselbe gilt für die Sekundärprävention bei Patienten mit einem ischämischen Insult. Auch hier ist eine aggressive blutdrucksenkende Therapie wirksamer als eine weniger aggressive Therapie.

Wir haben in randomisierten Studien gelernt, dass der LDL-Cholesterin-Wert in der Sekundärprävention unter 70 mg/dl liegen sollte.

Wir haben viele Registerdaten mit über 500.000 Patienten mit Vorhofflimmern, bei denen NOAKs mit Vitamin-K-Antagonisten verglichen wurden. Für die Prophylaxe des ischämischen Insults gibt es keine wesentlichen Unterschiede. NOAKS haben aber eindeutig einen Nutzen in der Reduktion intrazerebraler Blutungen um etwa 50% im Vergleich zu Dicoumarol oder Warfarin.

Es gibt jetzt Gegenmittel für beide NOAK-Gruppen: Idarucizumab für Dabigatran und Adexanet alfa für die Xa-Hemmer.

In den beiden ESUS-Studien, NAVIGATE-ESUS mit Rivaroxaban versus Acetylsalicylsäure und RE-SPECT-ESUS mit Dabigatran versus Acetylsalicylsäure, waren die NOAKs leider nicht wirksamer als Acetylsalicylsäure. Aber in der RE-SPECT-ESUS-Studie zeigte sich, dass Dabigatran eine ähnliche Rate an schwerwiegenden Blutungen hervorruft wie Acetylsalicylsäure.

In der Langzeitbehandlung, also für die Erholung des Gehirns nach Schlaganfall, sind selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer und Levodopa nicht wirksam.

Intensivmedizin

Eine große Studie hat gezeigt, dass durch eine Behandlung aller Patienten auf der Intensivstation mit einem Protonenpumpenhemmer die Mortalität nicht reduziert werden kann. Für diese Prophylaxe sollten also Patienten ausgewählt werden, die ein erhöhtes Risiko für gastrointestinale Blutungen haben.

Demenzen

Frustrierend waren die Ergebnisse zu Alzheimer-Demenz und Demenz allgemein. Praktisch alle Phase-2- und Phase-3-Studien mit Substanzen, die an Beta-Amyloid oder Tau-Protein angreifen, waren negativ.

Immer wichtiger wird offenbar die Bedeutung von entzündlichen Prozessen bei der Alzheimer-Erkrankung. Es gibt jetzt sehr viel zuverlässigere Biomarker nicht nur im Liquor sondern auch im Blut, um diese Krankheit früh zu identifizieren.

Schwere traumatische Hirnverletzungen

Hier zeigt sich, dass die Hypothermie nicht wirkt. Bei intrazerebralen Blutungen kann Tranexamsäure offenbar die Prognose verbessern.

Kopfschmerzen

Die monoklonalen Antikörper gegen CGRP oder den CGRP-Rezeptor sind eindeutig wirksam. Ihr wesentlicher Vorteil ist die gute Verträglichkeit und damit ein hohe Compliance. Nachteil ist nach wie vor der hohe Preis.

Es gibt 2 neue Substanzgruppen für die Akuttherapie der Migräne, und zwar die „Gepante“ und die „Ditane“. Gepante greifen am CGRP-Rezeptor an und Ditane wie Lasmiditan wirken am Serotonin-1-F-Rezeptor agonistisch. Diese Substanzen sind wirksamer als Placebo. Indiziert wären sie bei Patienten, bei denen Triptane wegen Gegenanzeigen nicht eingesetzt werden können, aber bei dieser Patientengruppe wurden sie leider nicht untersucht.

In der Behandlung des episodischen Cluster-Kopfschmerzes, der auf die bisherige Therapie nicht anspricht, war Galcanezumab wirksam.

Epilepsie

Bei der Epilepsie gibt es eine sehr gute Studie an Patienten mit therapierefraktärem Status epilepticus. Nach Gabe von Benzodiazepinen zeigte sie, dass Levetiracetam, Fosphenytoin und Valproinsäure parenteral gegeben gleich wirksam sind.

Es gibt viele Daten zur teratogenen Wirkung von Valproinsäure bei der Behandlung der Epilepsie. Die gute Nachricht ist hier, dass der Einsatz von Valproinsäure weltweit bei Frauen im gebärfähigen Alter zurückgeht.

Bewegungsstörungen

Ganz eindeutig ist, dass Levodopa die Erkrankung nicht modifiziert. Subkutanes Apomorphin ist wirksamer als Placebo.

Sehr stark wird die Rolle des Mikrobioms in der Pathophysiologie und bei der Progression der Parkinson-Krankheit diskutiert. Dies gilt auch für Daten, die zeigen, dass regelmäßige körperliche Bewegung die Prognose verbessert.

Zukunftshoffnung sind Antisense-Nukleotide bei der Huntington-Erkrankung – eine große Phase-3-Studie hat begonnen.

Multiple Sklerose

Bei der MS gibt es neue Biomarker, wie zum Beispiel die Neurofilamente.

Es hat sich gezeigt, dass Vitamin D3 nicht wirksam ist. Der nächste therapeutische Ansatz wird Ozanimod sein, zwei große Phase-3-Studien waren eindeutig positiv.

Eine wichtige Studie zeigt, dass Nicotin die Wirksamkeit von Interferon beta bei der MS-Behandlung reduziert.

Neuromyelitis optica

Hier gibt es 3 neue Antikörper, die alle wirksam, aber leider extrem teuer sind.

Neuromuskuläre Erkrankungen und Infektionen

Die Thymektomie ist in Kombination mit Prednison bei neuromuskulären Erkrankungen wirksamer als Prednison allein.

Bei Infektionskrankheiten gibt es neue diagnostische Ansätze, nämlich das Metagenomic Next Generation Sequencing (mNGS) im Liquor, mit der mehr Erreger identifiziert werden können als mit den traditionellen Methoden.

Meine Damen und Herren, 2019 war ein wirklich aufregendes Jahr für die Neurologie mit vielen Neuigkeiten. Ich hoffe, dass das im Jahr 2020 so weiter geht.

Ich bedanke mich herzlich für Ihre Aufmerksamkeit, fürs Zuhören und fürs Zuschauen.

Ich bin Christoph Diener von der Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen in Essen.
 

Kommentar

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