MEINUNG

Feiertagsgedanken für Diabetologen: Der Niedergang des Insulins, dramatischer Therapie-Wandel und Abnehmen als CO2-Killer

Prof. Dr. Stephan Martin

Interessenkonflikte

29. August 2019

In der Diabetestherapie wird sich viel ändern, sagt Prof. Dr. Stephan Martin im Rückblick auf 2019. Er rechnet vor, wie man mit Fasten die Emissionen des Straßenverkehrs verrechnen könnte.  

Transkript des Videos von Prof. Dr. Stephan Martin, Düsseldorf

Meine Damen und Herren,

das Jahr 2019 neigt sich dem Ende zu. Wie auch im Fernsehen, so haben wir hier ebenfalls die Möglichkeit, zurück zu schauen. Was hat uns 2019 gebracht?

Insulin rückt in den Hintergrund

In der Diabetologie haben wir komplett neue Leitlinien für den Typ-2-Diabetes. Während wir bisher immer sehr schnell Insulin gegeben haben, ist Insulin nun mehr oder weniger abgestürzt. Es liegt jetzt weit hinten, an 4. oder 5. Stelle in der Stufentherapie bei Typ-2-Diabetikern.

 
Insulin liegt jetzt weit hinten, an 4. oder 5. Stelle in der Stufentherapie bei Typ-2-Diabetikern. Prof. Dr. Stephan Martin
 

Ich glaube, die Auswirkungen dieser neuen Behandlungsrichtlinien werden wir erst in den nächsten Jahren komplett verstehen. Gerade in Deutschland muss sich künftig dramatisch viel ändern.

Ernährung und Umwelt

Das Jahr 2019 war nicht das Jahr, in dem die Gesundheit im Vordergrund stand. Was hat 2019 beeinflusst neben diesen ganzen furchtbaren Diskussionen zum Brexit oder Nicht-Brexit?

Die Umwelt war sicherlich das beherrschende Thema. Und Greta Thunberg hat die ganze Welt aufgemischt. Wir haben die Fridays-for-Future-Bewegung, die aufrüttelt und den Menschen zeigt, dass wir etwas machen müssen. Wir sollten sicherlich an unserem Lebensstil, an der Art und Weise wie wir leben, etwas ändern.

Hierbei spielt natürlich die Ernährung auch eine Rolle. Wie sieht es mit dem Fleischkonsum, wie mit bestimmten Lebensmitteln aus, die über große Distanzen zu uns transportiert werden oder mit dem Wasserverbrauch, z. B. bei Avocados?

Es sind viele, viele Themen, die diskutiert werden müssen. Auf der einen Seite sind Avocados nährstoffreiche, fettreiche und sehr gute Lebensmittel, aber wir müssen natürlich auch die umweltpolitischen Aspekte betrachten.

Abnehmen für das Klima?

Ich möchte das Thema Umwelt und Gesundheit, Umwelt und Übergewicht aus einer anderen Perspektive betrachten.

Gehen wir davon aus, dass die Menschen in Deutschland im Schnitt 5 kg zu schwer sind. Das ist sicherlich eine sehr konservative Betrachtungsweise. Wenn Sie die Patienten der letzten 2 bis 3 Wochen oder auch Ihren Bekanntenkreis vor Ihrem geistigen Auge vorbeiziehen lassen, werden Sie sehen, dass diese Annahme sehr konservativ ist.

Ein interessantes Rechenbeispiel: Gehen wir also von 5 kg Übergewicht aus. Wir haben in Deutschland über 60 Mio. erwachsene Menschen. Wenn wir diese beiden Zahlen multiplizieren, kommen wir auf ein Übergewicht von insgesamt 300.000 Tonnen. Diese Zahl könnte man z. B. in Lastwagen darstellen, ich möchte sie aber anders darstellen.

Verpacken wir diese Summe von 300.000 Tonnen gesammeltem Übergewicht in 80-kg-Einheiten (einem Menschen entsprechend), dann ergibt das hochgerechnet über 3 Mio. Menschen. Dieses Übergewicht, das Fett, muss ernährt werden. Deshalb können wir das durchaus so rechnen und in 80-kg-Menschen verpacken.

 
Die 5 kg Übergewicht der erwachsenen Deutschen entsprechen 5% der CO2-Emission im Straßenverkehr. Prof. Dr. Stephan Martin
 

Nun gehen wir einen Schritt weiter und überlegen, wieviel CO2-Emission entsteht  für die Ernährung von einem Menschen für ein Jahr. Hierzu gibt es klare Zahlen. Wenn wir dies für ganz Deutschland hochrechnen, ergibt sich folgendes: Die 5 kg Übergewicht der erwachsenen Deutschen entsprechen 5% der CO2-Emission im Straßenverkehr. Das ist eine Nummer!

Anders ausgedrückt: Wir könnten 5% der Emissionen, die im Straßenverkehr entstehen, dadurch verhindern, dass wir Normalgewicht annehmen. Jetzt müssen wir natürlich vorsichtig sein. Sofort werden die Ersten einwerfen, dass es um Diskriminierung geht, die Menschen sind ja nicht dick.

Es geht hier um eine generelle Betrachtung. Es geht darum, wie wir mit unserer Nahrung, wie wir mit unserer Umwelt umgehen. Solche Betrachtungen sind durchaus legitim. Es soll hier natürlich keiner diskriminiert werden, weil er 1 kg zu viel hat.

Fasten für die Umwelt

Wir erkennen hier, dass wir weiterdenken müssen. Vielleicht können wir das nächste Jahr unter ein anderes Thema stellen, zum Beispiel „Fasten für die Umwelt“.

Ich hoffe, das waren einige Anregungen zum Jahreswechsel, einige Diskussionsbeiträge, die sie vielleicht auch weitertragen können.

Ich wünsche Ihnen, allen Ihren Mitarbeiter/innen und Ihren Familien alles Gute, frohe Weihnachten und einen guten Rutsch in das Jahr 2020, Ihr Stephan Martin
 

Kommentar

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