Abwarten oder operieren? Experten plädieren für baldige Eingriffe bei therapierefraktärer Epilepsie

Dr. Jürgen Sartorius

Interessenkonflikte

9. Dezember 2019

Eine Epilepsie beginnt meist in jungen Jahren – und schränkt sozialen bzw. berufliche Möglichkeiten aufgrund des Anfallsrisikos stark ein. Laut der Deutschen Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie und Funktionelle Bildgebung (DGKN) könnten rund 2 Drittel der jungen Patienten durch eine Operation dauerhaft anfallsfrei werden, bei Erwachsenen sind es immerhin noch 58%. Zudem hätten auch die meisten postoperativ nicht anfallsfreien Patienten nach dem Eingriff deutlich weniger Anfälle als vor der OP.

Prof. Dr. Felix Rosenow

Dennoch werde diese wichtige Therapieoption zu selten oder zu spät genutzt, kritisiert die DGKN. „Im Durchschnitt werden Patienten 16 Jahre lang erfolglos medikamentös therapiert, bevor die Überweisung an ein Zentrum mit epilepsie-chirurgischer Expertise erfolgt“, bedauert Prof. Dr. Felix Rosenow, Leiter des Epilepsiezentrums Frankfurt Rhein-Main der Goethe Universität Frankfurt/Main und 1. Vizepräsident der DGKN, gegenüber Medscape

 
Im Durchschnitt werden Patienten 16 Jahre lang erfolglos medikamentös therapiert, bevor die Überweisung an ein Zentrum mit epilepsie-chirurgischer Expertise erfolgt. Prof. Dr. Felix Rosenow
 

Auf Anfallsfreiheit kommt es besonders in jungen Jahren an

„In der Zwischenzeit verlieren manche Betroffene aufgrund der Anfälle ihre Arbeit, ihren Führerschein oder ihre Lebenspartner bzw. erreichen solche sozialen Ziele gar nicht erst“, erläutert Rosenow und plädiert daher dafür, die chirurgische Option wesentlich früher als bisher zu prüfen – und zwar spätestens, wenn auch das 2. antiepileptische Medikament keine Anfallsfreiheit bringt.

Prof. Dr. Hajo Hamer

„Die Erfolgschancen des dritten probierten Medikamentes liegen nur bei rund 10%“, ergänzt Prof. Dr. Hajo Hamer, Leiter des Epilepsiezentrums der Neurologischen Klinik Universitätsklinikum Erlangen und Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Epileptologie (DGfE) „während rund 60% der richtig ausgewählten Patienten Anfallsfreiheit durch eine Operation erreichen.“ 

 
Die Erfolgschancen des dritten probierten Medikamentes [bei Epilepsie] liegen nur bei rund 10%. Prof. Dr. Hajo Hamer
 

OPs: Sinnvoll ausgewählte Patienten haben hohe Erfolgsaussichten

Für welche Patienten der chirurgische Eingriff infrage kommt, welche Erfolgsaussichten bestehen und auch, mit welchen Funktionsausfällen auf der anderen Seite zu rechnen ist – diese Fragen können heute im Vorfeld der Operation mit Hirnstrom-Ableitungen (EEG), der Magnetoenzephalografie (MEG) oder der speziellen Epilepsie-angepassten Hochfeld-Kernspintomographie (3T MRT) geklärt werden, bestätigt Rosenow.

„Mithilfe von solchen modernen bildgebenden Verfahren, wie sie in Zentren mit epilepsiechirurgischer Expertise durchgeführt werden, lässt sich die auslösende Hirnregion sehr genau eingrenzen“, führt Rosenow weiter aus. „Diese Untersuchungen sind eine wichtige Voraussetzung dafür, einen operativen Eingriff empfehlen und planen zu können.“

 
Mithilfe von solchen modernen bildgebenden Verfahren, wie sie in Zentren mit epilepsiechirurgischer Expertise durchgeführt werden, lässt sich die auslösende Hirnregion sehr genau eingrenzen. Prof. Dr. Felix Rosenow
 

Derzeit sind in Deutschland rund 640.000 Menschen wegen einer Epilepsie-Erkrankung in ärztlicher Behandlung. Mithilfe moderner Antikonvulsiva können rund 70% von ihnen anfallsfrei leben. Für die übrigen 30% stellt die operative Entfernung des Epilepsieherdes eine wichtige Behandlungsoption dar. Auch Patienten, bei denen die Antikonvulsiva zwar Anfälle verhindern, aber starke Nebenwirkungen verursachen, können unter Umständen von einer Operation profitieren.

Innovative Diagnosemethoden noch keine Kassenleistung

Umso kritischer sehen die Experten die Tatsache, dass Teile der spezialisierten präoperativen Diagnostik wie die MEG und EEG-Quellenlokalisation bislang nicht mit Krankenkassen abgerechnet werden können, sondern nur im Rahmen von Forschungstätigkeit eingesetzt werden.

„Dadurch gibt es kaum klinische Anwendung, was die Ausbreitung dieser Methoden verhindert“, bedauert Rosenow. Dieses Problem trage dazu bei, dass in Deutschland pro Jahr nur rund 500 Epilepsie-Operationen vorgenommen würden – obwohl man davon ausgehen könne, dass mehrere 10.000 Patienten von einem solchen Eingriff profitieren könnten.

Moderne OP-Methoden verringern die Risiken

Die Entscheidung für oder gegen eine chirurgische Intervention liege immer beim Patienten selbst, betont Rosenow allerdings. Zuweilen sei eine schwere Entscheidung zu treffen – wie etwa bei einem kleinen Mädchen, deren Epilepsie sich durch Handzuckungen bemerkbar machte, darüber hinaus aber auch die Gehirnentwicklung erheblich beeinträchtigte.

„Durch die Entfernung des Anfallsherdes konnte sich das Gehirn wieder normal entwickeln. Leider blieb die betroffene Hand jedoch dauerhaft gelähmt“, berichtet Rosenow. Solche neurologischen Defizite seien in manchen Fällen möglich – immerhin werde Gehirngewebe entfernt – könnten aber heute auf ein Minimum begrenzt werden. Denn in vielen Fällen kann der Anfallsherd inzwischen mikrochirurgisch oder gar minimal invasiv durch kleine Bohrlöcher entfernt werden, ohne dass der Schädel großflächig eröffnet werden muss.

Dennoch betrachten nicht nur Patienten, sondern auch viele Ärzte die Operation noch immer als Mittel der letzten Wahl. Durch das Zögern gehe aber viel wertvolle Zeit verloren, bedauert Hamer.

„Denn Anfallsfreiheit, die manchmal eben nur durch eine Operation zu erreichen ist, ist gerade für junge Menschen extrem wichtig, die am Anfang ihrer gesellschaftlichen Teilnahme stehen, wie in Sport und Partnerschaft, aber auch in Ausbildung und Beruf. So ist Anfallsfreiheit auch arbeitsmedizinisch ein entscheidendes Beurteilungskriterium, die beispielweise in einer Broschüre der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung dargelegt wird!“

 
Anfallsfreiheit, die manchmal eben nur durch eine Operation zu erreichen ist, ist gerade für junge Menschen extrem wichtig, die am Anfang ihrer gesellschaftlichen Teilnahme stehen. Prof. Dr. Hajo Hamer
 

 

Kommentar

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