Wird Morbus Menière oft vorschnell diagnostiziert? Welche anderen Erkrankungen hinter den Symptomen stecken können

Dr. Jürgen Sartorius

Interessenkonflikte

6. Dezember 2019

Schwankschwindel, Tinnitus und Hörverlust sind die 3 charakteristischen Anzeichen der Menière’schen Trias. Immer mehr Menschen mit Schwindel- oder Hörproblemen erfahren beim Arzt, dass sie an Morbus Menière leiden. Doch es handelt sich um eine Ausschlussdiagnose.

Dr. Bodo Schiffmann

„Meine Erfahrung zeigt, dass Ärzte den Befund oftmals viel zu voreilig stellen. Über 80% leiden eher an Störungen im Verlauf der Hör- und Gleichgewichtsnerven als an einem Morbus Menière“, bemängelt Dr. Bodo Schiffmann, HNO-Arzt und Leiter der Schwindelambulanz Sinsheim, im Gespräch mit Medscape.

Existiert Morbus Menière überhaupt als eigenständige Krankheit?

Wie Schiffmann erläutert, lässt sich durch die Kombination verschiedener innovativer Untersuchungsmethoden ein Morbus Menière häufig widerlegen. „In den letzten Jahren habe ich die Diagnose Morbus Menière immer seltener gestellt“, bemerkt der Experte.

„Als mögliche Schlussfolgerung ziehe ich sogar in Erwägung, dass der seit über 150 Jahren bekannte Morbus Menière als solcher gar nicht existiert, da neuere Untersuchungsmethoden realistischere Ursachen für die kombinierten Schwindel, Hör- und Gleichgewichtsstörungen aufzeigen.“

 
Meine Erfahrung zeigt, dass Ärzte den Befund oftmals viel zu voreilig stellen. Über 80% leiden eher an Störungen im Verlauf der Hör- und Gleichgewichtsnerven als an einem Morbus Menière. Dr. Bodo Schiffmann
 

Zum Hintergrund: Der französische Arzt Prosper Menière beschrieb die typischen Symptome erstmals 1861. Bereits 1938 wurde in pathologischen Untersuchungen der endolymphatische Hydrops entdeckt, der seither eine theoretische Erklärung für den Morbus Menière liefert, ohne je klinisch oder im Tierexperiment bewiesen worden zu sein.

Häufige Fehldiagnosen bei Schwindelbeschwerden

Um Morbus Menière als Fehldiagnose zu vermeiden, folgt auf die umfassende Anamnese eine detaillierte Diagnostik. „Bei sorgfältiger Untersuchung lässt sich der Morbus Menière in vielen Fällen widerlegen. Oft stecken andere Krankheiten dahinter“, erläutert Schiffmann. So können Durchblutungsstörungen der Halsgefäße, eine vestibuläre Migräne sowie entzündliche oder seltene autoimmunologische Erkrankungen wie das Cogan- oder das Muckle-Wells-Syndrom dieselben Symptome hervorrufen. Letztere kommen insbesondere bei jungen Patienten in Betracht.

Eine weitere Erkrankung, welche erst in den letzten 2 Dekaden als mögliche Ursache für Schwindelbeschwerden erforscht wurde, ist die Bogengangsdehiszenz. Hier ist die knöcherne Abdeckung des oberen Bogengangs im Innenohr geschädigt, was durch eine Computertomographie des Schläfenbeins nachgewiesen werden kann. Und beim Vestibularis-Schwannom oder auch Akustikus-Neurinom handelt es sich um einen meist benignen Tumor, der aus entarteten Schwannzellen der Scheide des achten Hirnnervs entsteht, ebenfalls Gleichgewichtsstörungen verursacht und mittels Magnetresonanztomographie diagnostiziert werden kann.

 
Bei sorgfältiger Untersuchung lässt sich der Morbus Menière in vielen Fällen widerlegen. Oft stecken andere Krankheiten dahinter. Dr. Bodo Schiffmann
 

Über die Hälfte aller Patienten mit Morbus Menière-Diagnose leiden zudem an einem Gefäß-Nerven-Konflikt, der sogenannten Vestibularisparoxysmie. Bei dieser Erkrankung klemmt sich ein Gefäß in den Kanal ein, durch den der Hör- und Gleichgewichtsnerv läuft. Dieser direkte Kontakt führt zu einer Reizung und löst die typischen Beschwerden aus. Oftmals genügt es allerdings, wenn Betroffene Medikamente einnehmen oder nicht auf der Seite der eingeklemmten Ader schlafen.

Morbus Menière ausschließen – durch innovative Diagnostik

Alle möglichen Krankheiten mit ähnlichen Symptomen gilt es zunächst auszuschließen, um letztlich Morbus Menière zu diagnostizieren. So können etwa vestibulär evozierte myogene Potentiale (VEMP) die Beteiligung der Gleichgewichtsorgane des Innenohres im Elektromyogramm darstellen. Sie spielen eine wichtige Rolle, um Morbus Menière zu bestätigen oder auszuschließen.

„In unserer spezialisierten Schwindelambulanz kommen hauptsächlich solche Fälle an, die bereits vergebliche Therapieversuche hinter sich haben“, berichtet Schiffmann. „Beschwerden aufgrund von Nackenverspannung, Stress oder Lagerungschwindel durch Otolithablösungen werden häufig schon in der Hausarztpraxis korrekt diagnostiziert und erfolgreich behandelt.“

Mithilfe neuerer Diagnostikverfahren wie der Tympanometrie, der Posturographie oder des Videokopfimpulstests lassen sich in spezialisierten Zentren deutlich mehr Anhaltspunkte finden, die auf andere Krankheiten hinweisen. Bei der Tympanometrie prüfen HNO-Ärzte mit einer Messsonde im Ohr unter anderem die Intaktheit und Beweglichkeit des Trommelfells. Um Rückschlüsse auf alle Gleichgewichtsrezeptoren vom Gehirn, Ohr bis hin zur Halswirbelsäure zu ziehen, eignet sich die Posturographie. Nicht zuletzt erkennt man per Videokopfimpulstest Leitungsstörungen in Hör- und Gleichgewichtsnerven, die schon länger zurückliegen.

Jede Untersuchungsmethode dient als wichtiges Puzzleteil, um genaue Befunde zu stellen und weitere Erkrankungen auszuschließen. Steht eine Diagnose fest, erzielen geeignete Therapiemaßnahmen in den meisten Fällen eine Verbesserung oder sogar Beseitigung der Beschwerden.

 

Kommentar

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