MEINUNG

Eine Ärztin kämpfte um ihr Leben: Wie die eigene Herztransplantation ihr Berufsethos veränderte – die Geschichte einer Rettung

Robert D. Glatter, Alin Gragossian

Interessenkonflikte

4. Dezember 2019

Wenn Ärzte zu Patienten werden, verschmelzen die Perspektiven. Geht es dann noch um Leben oder Tod, kann man auch als Arzt aus diesen Erfahrungen für seine eigene Arbeit viel lernen.

In diesem Interview spricht der Assistant Professor Dr. Robert D. Glatter an der Zucker School of Medicine at Hofstra/Northwell in New York, NY, der zugleich Redaktionsmitglied der amerikanischen Ausgabe von Medscape Emergency Medicine ist, mit Dr. Alin Gragossian über deren außergewöhnliche Geschichte.

Die junge Assistenzärztin aus Drexel in Philadelphia befand sich ziemlich genau im Dezember vor einem Jahr, im 3. Jahr ihrer Ausbildung zum Facharzt für Notfallmedizin, als sie schwer erkrankte. Schließlich benötigte sie sogar eine Herztransplantation, um zu überleben.

In einem Videointerview mit der amerikanischen Redaktion von Medscape erzählt sie nun von ihrem bemerkenswerten Weg der Genesung. Ihr sind durch ihre eigene Krankheit wichtige Dinge, die im Klinikalltag untergehen, wieder bewusst geworden. Erkenntnisse, an die sie ihre Kollegen erinnern möchte, damit sie als Ärzte verständnisvoller mit ihrem Patienten umgehen. Lesen Sie hier die Übersetzung des englischen Interviews:

Prof. Glatter: Willkommen, Alin. Es ist mir eine große Freude, Sie heute bei uns zu sehen. Könnten Sie einmal kurz zusammenfassen, was eigentlich passiert ist?

Dr. Gragossian: Es war Mitte Dezember, vielleicht um den 12. oder 13. herum, und ich arbeitete als Assistenzärztin auf der Intensivstation. Als junge Ärzte führten wir die Aufnahmeroutinen auf den Stationen durch. An diesem Tag bemerkte mein Oberarzt, dass ich mit jedem Satz, den ich sprach, kurzatmiger wurde.

Normalerweise nahm ich die Treppe, wenn ich auf die Stationen ging, allein schon, um etwas Sport zu treiben. Doch an diesem Tag machte ich auf der Hälfte schlapp und bekam kaum Luft. Am nächsten Tag passierte dasselbe, als ich die Treppe aus der U-Bahn-Station hinaufging.

Diese Schwächeanfälle steigerten sich innerhalb von wenigen Tagen bis zum 21. Dezember. Ich hatte versucht, einen Arzttermin zu bekommen, doch so kurz vor Weihnachten hatten schon viele geschlossen und ich hatte keine Zeit.

Dann wurde es noch schlimmer, und an jenem Freitag ging ich dann in die Notaufnahme. Man fertigte einen Röntgenthorax an und ich erinnere mich noch, dass alle sagten, ich sähe krank aus (siehe Foto). Mein Oberarzt kam rein und sagte: „Sie sehen gar nicht gut aus. Irgendetwas stimmt definitiv nicht.“

 

Als Ärzte in der Notaufnahme bekommen wir alle einen guten Blick dafür, wann es wirklich kritisch um jemanden bestellt ist. Aber ich sagte: „Nein, nein, mir geht es gut.“ Er sagte: „Ihre Lippen sind aber blau und Sie sehen sehr blass aus. Ihr Puls ist in den 140ern.“ Und ich sagte: „Ich glaube, es ist nur die Angst.“ Aber das war es definitiv nicht.

Ich wollte gegen den ärztlichen Rat die Klinik wieder verlassen. Aber er ließ mich nicht. Ich wurde stationär aufgenommen, um herauszufinden, was mit mir los war. Zunächst behandelten mich die Ärzte auf eine mögliche Lungenentzündung hin. Das Röntgenbild schien eine multifokale Viruspneumonie zu zeigen. Im Rückblick waren es Pleuraergüsse. Aber es war einfach sehr unklar, was da vor sich ging.

Im Nachhinein hatte ich großes Glück, dass ich schon in der Klinik gewesen war. Denn zuhause wäre ich gestorben. Ich blickte auf meinen Monitor und erinnere mich noch, dass mein Puls herunterging. Erst war er in den 50ern, dann in den 40ern und dann in den 30er. Das ist das Letzte, woran ich mich noch erinnere.

Später fragte ich die Ärzte, was dann passiert sei. Eine Ärztin sagte mir, dass überhaupt kein Puls mehr spürbar gewesen sei. Ich war blau, kalt und schweißig. Sie sagte mir, dass ich sie angeschaut hätte und gesagt habe: „Bitte lassen Sie mich nicht sterben.“ Wenn ich das erzähle, bekomme ich jedes Mal noch eine Gänsehaut.

 

Schließlich wurde ein Echokardiogramm durchgeführt. Dabei konnte eine kardiale Hypokinesie mit erweiterten Kammern festgestellt werden. Meine Ejektionsfraktion betrug noch ganze 5%. Das Problem war also mein Herz. Und so kam ich auf die Kardiointensivstation, wo man eine Herzkatheteruntersuchung durchführte.

Bei der ersten Rechtsherz-Katheteruntersuchung waren die Ärzte besorgt, weil mein Herzindex anfangs 1,2 betrug. Die Werte waren einfach gruselig. An diesem Punkt sagte der Kardiologe: „Wir bringen Sie wieder nach oben und geben Ihnen Milrinon. Dann müssen wir darüber reden, was wir als Nächstes tun sollen.“

Ich erinnere mich noch, dass der Oberarzt hereinkam und sagte: „Das sieht ziemlich chronisch aus. Ich halte es nicht für eine Myokarditis, die über Nacht entstanden ist. Wir werden Sie verlegen müssen, wenn eine umfangreichere Insuffizienzbehandlung erforderlich wird.“ Mit „umfangreicher“ meinte er VAD (ventricular assist device, Herzunterstützungssystem), IABP (intraaortale Ballonpumpe), Impella (implantierbare Herzpumpen) oder Herztransplantation.

 Schließlich wurde ich an die University of Pennsylvania verlegt, wo ich weiterversorgt wurde.

Prof. Glatter: Wie ging es Ihnen während der ganzen Zeit emotional? Es muss doch ein Riesenschock gewesen sein, oder?

Dr. Gragossian: Absolut! Ich weiß noch, wie traurig, wütend und geschockt ich war. Aber mein „Notarztdenken“ sagte mir: „Um hier wieder rauszukommen, brauche ich wohl ein neues Herz.“ Das war für mich das Einzige, was noch zählte.

Ich dachte: Okay, wir haben eine Diagnose, eine Behandlungsoption und ich muss hier raus. So hatte ich zu denken gelernt. Täglich besuchte mich ein Transplantationsmediziner und redete mit mir. Ich habe die ganze Zeit über Tagebuch geführt, um alles so gut wie möglich zu verarbeiten.

Für manche Menschen ist eine Transplantation das Schlimmste, was sie sich vorstellen können. Ich sah es als die coolste Sache der Welt an, weil es mir die Chance auf ein zweites Leben bot. Für mich war es kein Ende, sondern ein Neuanfang.

Prof. Glatter: Aber wie sind Sie denn mit der Möglichkeit umgegangen, dass Sie vielleicht kein Herz bekommen und sterben könnten? Wie hat Sie das beschäftigt? Sie erhielten verschiedene drucksteigernde Mittel und waren intubiert. Immerhin war das jetzt Ihr Leben. Aus einem mutmaßlich jungen und gesunden Menschen wurde plötzlich eine intubierte Person, die dem Tode sehr nah war.

Dr. Gragossian: Ich erinnere mich nur daran, dass ich Angst hatte. Es gab eine bestimmte Nacht, in der ich immer wieder in eine ventrikuläre Tachykardie geriet. Und ich weiß auch noch, dass ich weinte. Meine ganze Familie war da und ich dachte, ich würde sterben.

 

Dann gab es da dieses seltsame Gefühl der Schicksalsergebenheit, dass, wenn es passieren sollte, es eben passierte – ein sehr ungewöhnliches Gefühl der Ruhe in dieser Situation. Aber die meiste Zeit über hatte ich auch großes Zutrauen in alles, was geschah. Ironischerweise wollte ich selbst als Ärztin auf einer Intensivstation arbeiten. Man steckt dort tief in der Medizin drin und macht viele coole Dinge. Ein Teil in mir war sich ganz sicher, dass schon alles in Ordnung kommen würde. Natürlich hatte ein anderer Teil in mir auch viel Angst. Aber ich kam auf die Liste und erhielt mein Herz.

Prof. Glatter: Könnten Sie für uns den Tag der Transplantation schildern, wie es war in den OP zu kommen? Gab es in dem Moment einen Gedanken an die Spenderin?

Dr. Gragossian: Gegen halb 8 Uhr abends kam die Krankenschwester mit dem Telefon herein. Ich erinnere mich nicht an ihren Namen und nicht an viel, über was sie mit mir sprach: „Wir haben ein Herz für Sie gefunden. Nehmen Sie es an?“ Ich war so geschockt, dass das Erste, was ich sagte, war: „Ja, und jetzt muss ich meine Mutter anrufen.“

Gegen 2 Uhr früh kam ich in den OP. Ich höre mich noch sagen, als sie mich hineinschoben: „Oh Gott, sie werden mir den Brustkorb aufsägen und mein Herz herausholen – und das ist gut so. Und dann komme ich an die ECMO.“

Dann brach alles über mich herein. Ich erinnere mich, dass ich meine Mutter ansah und sagte: „Mama, was, wenn ich sterbe?“ Sie sagte etwas in der Art wie: „Wenn du sterben müsstest, wärst du schon tot. Du bist während Deines Klinikaufenthaltes mindestens 4 Mal beinahe gestorben.“

Damit fühlte ich mich etwas besser und sie sagte mir immer wieder: „Es gibt so viel, was du in dieser Welt noch zu tun hast. Wenn es nötig gewesen wäre, wärst Du bereits gestorben.“ Gegen 4 Uhr wurde ich dann sediert und intubiert. So lief der Tag meiner Operation.

Prof. Glatter: Sie sind eine Kämpfernatur, das merkt man Ihnen an. Was ist Ihre Motivation? Was gibt Ihnen die Kraft, weiterzugehen und das durchzustehen, was Sie erlebt haben?

Dr. Gragossian: Was mich im Moment in meinem Leben vor allem motiviert, ist mein Organspender und seine Familie. Ich lebe nicht für sie, aber es gibt einen Teil von mir, der für diese Frau lebt.

 

Prof. Glatter: Das ist sehr schön gesagt. Die Familie weiß es sicherlich zu schätzen, dass Sie so denken. Das ist sehr liebenswert von Ihnen.

Dr. Gragossian: So sehe ich das halt. Das ist eine der Möglichkeiten, wie ich weitermachen kann. Um ehrlich zu sein, ist das meine 2. Chance im Leben. Es gibt Leute, die die Krankheit nicht akzeptieren. Ich denke, vieles davon liegt an der persönlichen Art zu denken. Ich glaube, es hat auch damit zu tun, wie chronisch der Verlauf hätte sein können. Vielleicht habe ich auf diese Art darauf reagiert, weil das Ganze so akut war. Ich weiß es nicht.

Meistens sagen mir die Leute, dass ich zu den Menschen gehöre, um die herum 3 Notfälle liegen und ich würde trotzdem die Ruhe bewahren. Vielleicht ist das einfach meine Natur, keine Ahnung. Während der Arbeit in der Notaufnahme wirke ich angeblich ruhig und geduldig.

Prof. Glatter: Können Sie ein wenig aus der Anamnese Ihrer Familie berichten und welche Bedeutung sie für Ihren Fall hatte? Und können Sie uns die Genetik der dilatativen Kardiomyopathie erläutern?

Dr. Gragossian: Mein Vater war so Ende 30, als er aus irgendeinem Grund seinen Hausarzt aufsuchte. Er war tachykard und am Ende stellte sich heraus, dass er eine Kardiomyopathie hat. Seine Ejektionsfraktion lag damals bei 15%. Da es keine weiteren anamnestischen Daten gab, hielt man es noch am ehesten für eine Myokarditis.

Sie haben meinen Vater auf Carvedilol und ein paar andere Medikamente gesetzt. Sie wollten ihn damals auf der Transplantationsliste führen, wie ich jetzt erst erfuhr. Ich sagte zu ihm: „Papa, es wäre schön gewesen, davon ein paar Monate eher gehört zu haben.“

Er war der perfekte Kandidat für eine Transplantation: jung, guter Allgemeinzustand und sehr niedrige Ejektionsfraktion. In der Zwischenzeit brauchte er einen Defibrillator und all das, aber er lehnte alles ab, genau wie seine Tochter. Ein Sturkopf, genau wie ich. So begann er dann mit der Einnahme verschiedener Medikamente.

Seine Ejektionsfraktion liegt derzeit bei etwa 40%, also konnte sich sein Herz über die Jahre etwas anpassen. Weil es ihm nach und nach besser ging und wir die ganze Vorgeschichte nicht kannten, schob man es auf die mutmaßliche Myokarditis. Es ist wirklich wichtig, die Familienanamnese eines Patienten zu kennen.

Prof. Glatter: Auf jeden Fall. Jetzt engagieren Sie sich bei einigen Organisationen, die das Bewusstsein für Organspenden fördern wollen. Könnten Sie das ein wenig ausführen?

Dr. Gragossian: Ich habe eine Spendensammlung über Donate Life America gestartet, Mein Ziel war es, bis zu meinem 2-monatigen Jubiläum – das war im März – 2.000 Dollar zu sammeln. Tatsächlich hatte ich nach 3 Wochen fast 6.000 Dollar zusammenbekommen, was ganz großartig war. Alle meine Kollegen, die Oberärzte, meine Freunde – alle hatten mitgemacht. Es war wirklich schön.

Ich habe auch Mended Hearts unterstützt. Diese Organisation schärft das Bewusstsein für Herzkrankheiten, bietet Informationen und Aufklärung. Ich habe mich vornehmlich auf Babys mit angeborenen Herzfehlern konzentriert. Wir begannen, Bravery Bags (Taschen mit Dingen, die in einer Klinik etwas helfen, z.B. Zeitschriften, Rätsel, Süßigkeiten, Zahnbürste usw.) zu basteln und zu füllen, um damit die Familien von Säuglingen und Kindern, die auf eine Herztransplantation oder eine Operation am offenen Herzen warten, zu unterstützen. Ich habe hier und da ein wenig ausgeholfen, um einfach etwas zurückzugeben, während ich noch nicht wieder voll arbeiten konnte.

Prof. Glatter: Fabelhaft. Ich fand auch Ihren Blog „A Change of Heart“ sehr anregend. Sie sind eine ausgezeichnete Schreiberin und haben die Bedeutung dessen, was Sie durchgemacht haben, eindrucksvoll vermittelt. Viele der Ideen, die Sie unterstützen, sind einfach bemerkenswert, einschließlich Ihrer Zitate, wie z.B. „Alles in Maßen, auch das Maßhalten“ von Oscar Wilde.

 

Dr. Gragossian: Ich habe alles aufgeschrieben, weil ich jeden Tag so viele Texte bekomme. Es war einfach leichter, die Geschichten an einem Ort zusammenzutragen.

Prof. Glatter: Es liest sich fast wie ein Buch. Gibt es zum Ende unseres Interviews etwas, das unser Publikum Ihrer Meinung nach über Ihre Erlebnisse noch erfahren sollte?

Dr. Gragossian: Ich denke, es ist wichtig, mitfühlend mit seinen Patienten umzugehen. Kommunikation ist der Schlüssel. Es gibt viele kleine Dinge, die ich während meines Klinikaufenthaltes gelernt habe, besonders über die Patientenversorgung. Da ich in der Notfallmedizin tätig bin und auf einer Intensivstation arbeiten möchte, habe ich durch meine eigene Notlage viel gelernt. Dadurch werde ich später vielleicht auch einmal selbst besser handeln.

Einer der wichtigsten Punkte war die Kommunikation. Als Ärzte ist uns nicht bewusst, dass wir alle unterschiedliche Ziele und Fachgebiete haben. Einmal kam ein Kardiologe herein und sagte: „Ihr Herz versagt“. Dann kam der Arzt von der Intensivstation und sagte: „Sie ist stabil.“ Da waren meine Eltern sehr verwirrt. Ich verstehe das, weil ich Ärztin bin, aber jemand anders gerät dann ins Grübeln.

Das Wichtigste, was ich anderen Personen vor allem im Gesundheitswesen mitgeben möchte, ist, sich daran zu erinnern, warum man in die Medizin gegangen ist. Ich möchte meine Kollegen darauf hinweisen, dass wir oft zu abgestumpft sind, vor allem in der Notaufnahme und auf der Intensivstation. Manchmal erkennen wir nicht mehr, was wirklich mit unseren Patienten geschieht.

Ich so: „Hey, seht mich an! Ich war fast tot und jetzt jogge ich hier täglich 4 Kilometer.“ Wir sollten daran denken, dass das, was wir tun, wichtig ist. Das ist es wirklich! Und wir sollten unbedingt vermeiden, cool und abgestumpft zu werden.

Prof. Glatter: Das ist ein schönes Schlusswort. Es war sehr beeindruckend, mit Ihnen zu sprechen. Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben. Wir wünschen Ihnen alles Gute und hoffen, bald wieder von Ihnen zu hören.
 

Kommentar

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